Bild: ReutersSchwere Aufgaben liegen vor dem neuen RIM-Chef Thorsten Heins. Die Aktie hat im vergangenen Jahr dramatisch an Wert verloren, zudem geriet das Unternehmen mit einem mehrtägigen Ausfall ihrer Email-Server negativ in die Schlagzeilen. Um den Blackberry-Hersteller wieder Erfolgen wie einst zu führen, muss Heins die Fehler, die unter der Führung seiner Vorgänger Mike Lazaridis und Jim Balsillie begangen wurden, ausmerzen. Eine Analyse der sieben größten Versäumnisse.
Bild: dapdErste Todsünde: Das Sicherheitssystem hat versagt.
Die Informationen kamen nur spärlich und spät. "Die Verzögerungen bei E-Mail, Messenger und Web-Browsing, die Blackberry-Nutzer in Europa, dem Mittleren Osten, Afrika, Indien, Brasilien, Chile und Argentinien erleben mussten, wurden durch den Ausfall eines zentralen ,Switch' (Datenverteiler) in der Infrastruktur verursacht", teilte RIM am Dienstag mit. "Obwohl das System so ausgelegt ist, dass es in solchen Fällen auf eine Sicherheitslösung umschalten sollte, hat dies nicht so wie zuvor getestet funktioniert. Dadurch ist ein Rückstau an Daten entstanden, den wir jetzt abbauen müssen."
Bild: dapdDer Daten-GAU zeigt das Dilemma, in dem Blackberry steckt. Die Infrastruktur ist der größte Vorteil der Firma - und ihr größter Schwachpunkt. Der Datenverkehr wird über wenige gigantische Rechenzentren geschleust, die jeweils für eine Region zuständig sind. Dadurch kann eine zusätzliche Verschlüsselung eingebaut werden, und die Daten lassen sich besser komprimieren. Blackberry hat den Ruf, die beste Sicherheit gegen unbefugtes Mitlesen oder Abhören zu bieten. Andererseits sind diese Datencenter das Nadelöhr für jede Kommunikation. Passiert dort eine Panne, hat das direkt massivste Folgen, wenn die Notfallsysteme versagen.
Bild: dapdZweite Todsünde: Das Geschäft mit den Apps wurde verpasst.
Der Einstieg in den Markt für Software-Apps war für RIM ein schwerer Gang, er erfolgte erst spät mit der fünften Version des Betriebssystems. Die Vielfalt der Blackberry-Modelle mit und ohne Tastatur und verschiedenen Bildschirmgrößen macht es für Software-Hersteller extrem kompliziert, für Blackberry zu programmieren. Programme, die für ein Gerät mit Tasten und kleinem Bildschirm geschrieben wurden, sind auf Berührungsbildschirmen praktisch unbedienbar. Die Software-Entwicklungswerkzeuge gelten als kompliziert und sperrig.
Bild: rtrWährend für das iPhone schon Zehnjährige programmieren, erfordert Blackberry fundierten IT-Hintergrund. Entsprechend dünn ist das Angebot an "Spaßprogrammen" für den Blackberry. Erst langsam füllt sich der Softwaremarkt. Doch nun droht bereits die nächste Hürde: Das aktuelle Betriebssystem OS7 wird irgendwann im Laufe des kommenden Jahres von der neuen Version "QNX" abgelöst werden. Aber Programme, die für die alten Geräte geschrieben wurden, laufen dann nicht mehr.
Bild: dapdDritte Todsünde: Das hippe Image ging verloren.
Blackberry war cool - in der Welt der Nadelstreifen, als ein Mobilfunkvertrag noch etwas Elitäres war und sich teure Datenverträge ohnehin nur Manager leisten konnten, die vor dem Einstieg in den Privatjet schnell noch mal die E-Mails checkten. Bis heute sind Blackberry-Datentarife durchweg teurer als normale Internet-Tarife der Mobilfunker. RIM will das lukrative Businessgeschäft melken, so lange es geht. Doch cool ist der Blackberry nicht mehr, auch beim Design hat RIM den Anschluss verloren.
Bild: ReutersZwar schafften es die Gestalter zunächst, praktische Anforderungen an das neue Gerät zu lösen - etwa mit der berühmten Qwertz-Tastatur, die einer Schreibmaschinen-Tastatur entspricht. Doch als die Smartphones mit Touchscreen aufkamen, erschien der Blackberry rasch wie eine bessere Schreibmaschine. Konkurrent Apple überlässt bei der Entwicklung nichts dem Zufall - und hat selbst die Geräusche erforscht, die die Verpackung macht, wenn das iPhone herausgenommen wird. An solche Feinheiten haben die Blackberry-Manager wohl nicht einmal im Traum gedacht.
Bild: ReutersVierte Todsünde: Der beliebte Touchscreen kam zu spät.
Die perfekte Effizienzmaschine sollten sie sein. Blackberrys sind mit einer Hand zu bedienen, in der anderen kann der Manager die Aktentasche halten. Der Daumen wählt per Kugel und bei späteren Geräten per optischem Sensor die Menüfunktionen aus, ein Druck auf den Sensor und die Funktion ist ausgewählt. Selbst das einhändige Tippen auf der vollwertigen Tastatur ist möglich. Diese Vorteile wollte RIM nicht leichtfertig aufgeben, vor allem, weil bei Blackberry die Funktionen zur Steuerung eines Berührungsbildschirms im Betriebssystem gar nicht vorhanden waren.
Bild: ReutersIn der Hoffnung, das tastenlose iPhone von Apple werde sich bei geschäftlichen Vielschreibern nicht durchsetzen, trieb das RIM-Management den Abschied von der nicht mehr zeitgemäßen Tastatur und den Umstieg auf Berührungsbildschirme (Touchscreens) nicht mit dem ausreichenden Druck voran. Die Verbraucher brachten deshalb lieber ihr neues Spielzeug, das iPhone, mit ins Büro. Am Ende musste RIM dann neben Apple auch noch Android-Geräte vorbeiziehen lassen.
Bild: rtrFünfte Todsünde: Die Hardware hält mit der rasanten Entwicklung nicht Schritt.
Blackberrys dritte Todsünde ist die veraltete Hardware. Die Geräte, die bis zur Mitte dieses Jahres auf dem Markt waren, konnten in puncto Leistungsfähigkeit mit dem iPhone des übermächtigen Konkurrenten Apple nicht mithalten. Das lag hauptsächlich daran, dass die RIM-Führung die Attraktivität von "Apps" - kleinen Softwareprogrammen für die Smartphones - lange unterschätzt hat.- ...
Schwere Aufgaben liegen vor dem neuen RIM-Chef Thorsten Heins. Die Aktie hat im vergangenen Jahr dramatisch an Wert verloren, zudem geriet das Unternehmen mit einem mehrtägigen Ausfall ihrer Email-Server negativ in die Schlagzeilen. Um den Blackberry-Hersteller wieder Erfolgen wie einst zu führen, muss Heins die Fehler, die unter der Führung seiner Vorgänger Mike Lazaridis und Jim Balsillie begangen wurden, ausmerzen. Eine Analyse der sieben größten Versäumnisse.
Thorsten Heins ist um seinen Job nicht zu beneiden. Erst kürzlich verkündete der neue Chef des kanadischen Smartphone-Herstellers Research in Motion (RIM) den ersten Quartalsverlust seit 2004. Der deutsche Manager muss 5000 der 16.000 Stellen abbauen. Und er musste zugeben, dass der neue Hoffnungsträger des Konzerns, das Betriebssystem „Blackberry 10“, das im Herbst auf den Markt kommen sollte, wegen technischer Probleme erst Anfang 2013 marktreif ist.
Der Niedergang des Blackberry-Herstellers und einstigen kanadischen Nationalstolzes ist atemberaubend. Die RIM-Aktie - einst 150 Dollar wert - liegt jetzt bei sieben Dollar. Doch Heins gibt sich im Interview mit dem Handelsblatt kämpferisch. „Wir müssen schlanker und effizienter werden, wir haben neue Manager eingestellt - auch Turn-around-Spezialisten“, sagte Heins im Exklusiv-Interview mit dem Handelsblatt.
„Das Wichtigste in dieser Lage aber ist Offenheit.“ Das Management bleibt vom Konzernumbau nicht verschont: „Wir nehmen auch ganze Führungsebenen heraus“, erklärte Heins seine Strategie.
Weltweit schauen Manager auf den erst 54-jährigen Deutschen, ob ihm die Wiederbelebung der einstigen Kultmarke Blackberry gelingt. Was die Voraussetzung für einen erfolgreichen Turn-around ist, können sich die RIM-Sanierungsexperten an namhaften Vorbildern abschauen.
Beispiel Porsche: Anfang der 90er-Jahre stand der Sportwagenhersteller wegen einer verfehlten Modellpolitik vor dem Aus. Der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking flexibilisierte die Produktion, gab unrentable Modelle wie den Porsche 928 auf und machte das Unternehmen mit neuen Autos wie dem Geländewagen Cayenne zum rentabelsten Autohersteller der Welt.
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