
Waterloo/WashingtonThorsten Heins hat erst seit Januar bei Research in Motion (RIM) das Sagen. Doch das gute halbe Jahr hatte es in sich. Es brennt an allen Ecken und Enden. Der Blackberry-Hersteller hat die Entwicklungen im Smartphone-Markt verpasst. Ob Heins die Kehrtwende schafft, ist fraglich. Erste Investoren fordern bereits seine Ablösung. Und dann sitzen ihm auch noch die Anleger im Nacken. Heute auf der Hauptversammlung kann er ihren heißen Atem spüren.
Für den deutschen RIM-Chef ist das heute im kanadischen Waterloo ein denkbar schwerer Gang. Seine Aktionäre sind mehr als unzufrieden: Der Aktienkurs befindet sich im freien Fall, allein seit dem Amtsantritt Heins im Januar ist er um 50 Prozent auf aktuell knapp acht Dollar eingebrochen.
Die goldenen Zeiten sind lange her: Mitte 2008 war eine RIM-Aktie noch rund 150 Dollar wert. Der Ex-Siemens-Manager Heins muss nun auf seiner ersten Aktionärsversammlung als RIM-Chef erklären, wie er gedenkt, die einstige Kultmarke „Blackberry“ wiederzubeleben.
Es ist ein Himmelfahrtskommando. Vor kurzem musste Heins ein Minus von 518 Millionen Dollar im ersten Quartal einräumen, der erste Verlust seit 2004. Gleichzeitig brach der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 42 Prozent auf 2,8 Milliarden Dollar ein. Zudem steckt Heins mitten in einem Sparprogramm: 5000 von 16.000 Stellen werden abgebaut.
Zu allem Übel musste der Firmenchef Ende Juni auch noch mitteilen, dass der neue Hoffnungsträger des Konzerns, das Betriebssystem „Blackberry 10“, das im Herbst auf den Markt kommen sollte, wegen technischer Probleme erst Anfang 2013 so weit sein wird. Aktionärsvertreter haben Heins' Rücktritt gefordert, andere sehen Grund für eine Klage.
Ein Unternehmen am Rand des Abgrunds
Der Deutsche hat einen Konzern geerbt, dessen Niedergang einmal als Beispiel dienen könnte, wie man durch falsche Entscheidungen eine nationale Ikone nahezu ruiniert. Die langjährigen Co-Chefs, Mike Lazaridis und Jim Balsillie, hatten RIM von einer Technologie-Klitsche zum Weltkonzern ausgebaut und mit dem „Blackberry“ ein Kultgerät erschaffen. Das handliche Gerät revolutionierte Mitte der 2000er Jahre die Mobilfunkwelt und wurde zum Statussymbol für Manager.
Doch Lazaridis und Balsillie verschätzten sich mit der Bedeutung, die das Internet für Mobiltelefone haben würde und setzten zu lange vor allem auf ihre Technologie der E-Mails mit Push-Funktion. Überdies verschliefen sie den Trend zu berührungsempfindlichen Smartphone-Bildschirmen, die schließlich das iPhone von Apple, das 2007 auf den Markt kam, so beliebt machten.
So steuerten Lazaridis und Balsillie ihr Unternehmen an den Rand des Abgrunds - und mussten schließlich gehen. Nachfolger Heins räumte erst kürzlich selbst ein: „Ich bin der Erste, der zugibt, dass RIM wichtige Trends in der Smartphone-Industrie verpasst hat.“
Jetzt wird spekuliert, wie Heins dem Konzern eine Zukunft geben will. Nach seinem Amtsantritt hatte er sich zunächst geweigert, über eine Aufspaltung nachzudenken. Diskutiert worden war etwa der Verkauf der Patente oder der Hardware-Sparte. Doch zuletzt erklärte Heins wiederum, er wolle Optionen prüfen. Man lasse sich von Investmentbanken beraten, „um zumindest alle Optionen zu verstehen“, sagte der Manager vergangene Woche.
Ein Verkauf allein der Patente könnte nach Analystenschätzungen fünf Milliarden Dollar bringen. Das wären 30 Prozent mehr, als die ganze Firma derzeit an der Börse wert ist: rund 3,8 Milliarden Dollar. Das ist kaum ein Zwanzigstel der Höchstbewertung im Jahr 2008.
Wird der 54-Jährige nun den Turnaround hinbekommen, so wie IBM oder einst Steve Jobs, der den siechenden Apple-Konzern mit Innovationen wie iPod, iTunes, iPhone und iPad zum wertvollsten Unternehmen der Welt machte?
Heins will RIM schlanker und effizienter machen
Im Interview mit dem Handelsblatt gab sich Heins vor wenigen Tagen zupackend: „Wir müssen schlanker und effizienter werden, wir haben neue Manager eingestellt - auch Turnaround-Spezialisten“, sagte der Manager. „Das Wichtigste in dieser Lage aber ist Offenheit.“ Das Management bleibe vom Konzernumbau nicht verschont: „Wir nehmen auch ganze Führungsebenen heraus“, kündigte Heins an.
Auch kanadischen Medien gegenüber hatte sich Heins zuletzt optimistisch geäußert. „Es ist nichts falsch mit dem Unternehmen, so wie es jetzt dasteht“, sagte er im kanadischen Rundfunk. RIM befinde sich nicht, wie manche Investoren annehmen, in einer Todesspirale.
Sein Optimismus könnten Aktionäre jetzt gegen Heins verwenden: Wie die „New York Times“ berichtete, glauben Anwälte und Investoren, dass RIM das Ziel von Klagen werde könnte. „Sie werden verklagt werden, und sie sollten verklagt werden“, sagte der Risikokapital-Geber und Ex-Apple-Produktchef Jean-Louis Gassée dem Blatt. Möglicherweise habe RIM wissentlich seinen Zustand als zu rosig beschrieben, obwohl nicht zuletzt die Verschiebung des „Blackberry 10“ dem widerspreche. Der Konzern wies die Vorwürfe zurück: Man halte sich an die Vorschriften, was zu veröffentlichen sei und pflege „ein hohes Maß an Transparenz“.
Vergangene Woche hatte Heins sich schon mal öffentlich auf die für heute erwartete Aktionärs-Schelte vorbereitet. „Ich verstehe absolut den Unmut der Aktionäre über den Zustand der Firma, wie sie heute ist“, sagte Heins der dpa. Er sei aber „sehr zuversichtlich“, dass RIM mit „Blackberry 10“ eine Zukunft habe.
(mit pos, td, dpa)
























