
DüsseldorSpätestens seit Donnerstag ist klar: Ein „weiter so“ kann es beim Blackberry-Hersteller RIM nicht geben. Die Vorstellung neuer Geräte mit dem Betriebssystem Blackberry 10 rückt in weite Ferne: Erst Anfang 2013 sollen die neuen Smartphones auf den Markt kommen, mehr als ein Jahr später als zuvor angekündigt.
Der Hersteller rutschte zudem tiefer in die roten Zahlen als von Analysten befürchtet. 515 Millionen Dollar Verlust meldete RIM für das abgelaufene Quartal – fünfmal mehr als von Analysten erwartet. Gleichzeitig verkündete der Konzern 5000 Entlassungen. Analysten finden dafür klare Worte. „Wow, das ist ein Desaster“, sagte beispielsweise Edward Snyder von Charter Equity Research. Die RIM-Aktie brach nachbörslich um 18 Prozent ein.
Glauben an das System Blackberry schwindet
Inzwischen scheint auch RIM selbst den Glauben in das System Blackberry zu verlieren. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet von Überlegungen, das eigene Betriebssystem für die mobile Plattform aufzugeben und stattdessen das Microsoft-System Windows Phone 8 zu nutzen – Microsofts kommendes System für Smartphones. Das wäre das Modell Nokia, die ihr eigenes mobiles Betriebssystem Symbian ebenfalls zugunsten von Windows aufgegeben haben.
Der Schritt wäre für RIM nur folgerichtig. Denn die Gesetze der IT-Wirtschaft begünstigen Oli- und Monopole auf jedem Betriebssystem-Markt. Beispiel PCs: Dort besitzt seit Jahrzehnten Microsofts Windows ein Quasi-Monopol mit einer Marktabdeckung von schätzungsweise mehr als 95 Prozent – einziger relevanter Mitbewerber ist Apple.
Bei den Smartphones und Tablets scheint sich derzeit eine dreigeteilte Welt abzuzeichnen: Googles Android, Apples iOS und Microsoft Windows teilen sich den Smartphone-Markt derzeit untereinander auf – wobei das Microsoft-System dabei derzeit noch weit abschlagen ist. Das Prinzip: Wo die Anwender sind, sind die Entwickler - und wo die Entwickler sind, sind die Programme. Die Plattform mit den meisten Programmen ist wiederum auch für die Anwender besonders attraktiv.
Zwischen den Anbietern der Betriebssysteme herrscht daher der Kampf um die Anwendungsentwickler. So lange Web-Applikationen, die plattformunabhängig laufen, noch eine untergeordnete Rolle spielen, steht und fällt der Erfolg einer mobilen Plattform auch mit Anzahl und Qualität der verfügbaren Apps. Apple und Google haben hier klar die Nase vorn. Apple ist mit dem iPhone und dem späteren App Store der Begründer des Prinzips App auf Smartphones. Der Konzern besitzt hier einen Vorsprung, der sich bis heute auswirkt. Googles Android war die Alternative für alle, die sich ein iPhone nicht leisten konnten oder wollten – und ist für Anwendungsentwickler aufgrund der Verbreitung attraktiv.
Googles Allianz mit den Herstellern
Google gelang es mit Android erfolgreich, die großen Smartphone-Hersteller wie Samsung und HTC zu umgarnen. Der Internet-Konzern ließ ihnen bei dem Open-Source-System alle Freiheiten, inklusive eigenen Update-Zyklen und Anpassungen der Nutzeroberfläche. Das verschaffte Google einen Vorteil im Vertrieb. Hier sind die Hardware-Hersteller stark, da sie bestimmen, welche Geräte im Handy-Laden verfügbar sind.
Viele klassische Handy-Nutzer nehmen das Smartphone, welches mit einer Vertragsverlängerung zu haben ist oder der Verkäufer empfiehlt. Daher konnte Google Apple bei der Verbreitung des Systems überflügeln. Geld kann Google damit direkt aber nicht verdienen, weil das System kostenlos abgegeben wird. Das Geschäftsmodell des Online-Riesens bleibt die Werbung. Google ist mit AdMob führend im Bereich der mobilen Werbung und daher generell an der Verbreitung von Smartphones interessiert.
Beim Vertrieb tut sich Microsoft mit seinem System noch schwer. Der einzige echte Verbündete in der Hardware-Welt ist der strauchelnde Handy-Riese Nokia, der inzwischen fast nur noch im Massenmarkt größere Stückzahlen absetzt. Bei den teureren Smartphones der Lumia-Reihe mit Windows Phone 7 blieb Nokia aber bislang zurück. Das margenstarke Geschäft der Luxus-Smartphones haben Samsung und Apple fast alleine unter sich aufgeteilt. Beide Konzerne fahren nach Analystenschätzungen inzwischen 90 Prozent der Gewinne des lukrativen Smartphone-Markts ein.
Microsoft hat noch einen Ass im Ärmel
Sollte Blackberry das Modell Nokia wählen, wäre das eine Allianz der Schwachen, um das Apple-Google-Duopol aufzubrechen. Allerdings hat Microsoft noch einen Ass im Ärmel: Mit der Tablet-Ankündigung Surface zielt Microsoft auf die Geschäftswelt – und damit auf alle, die einerseits ein schickes Tablet schätzen, andererseits aber weder auf Tastatur noch auf das Programm Office verzichten wollen. Die Surface-Geräte könnten endlich Microsofts Durchbruch im mobilen Markt sein und damit auch Windows Phone 8 etablieren. Die Apps für Windows Phone 8 sollen auch auf dem Tablet laufen.
Ist Heins' Strategie gescheitert?
Das Pro-Modell des Tabelts von Microsoft soll mit einem Intel-Chip außerdem den Weg in die Tablet-Welt ebnen. Auch klassische Windows-Software wird auf dem Gerät laufen, wenn auch selbstverständlich nicht an die Touchpad-Steuerung angepasst. Damit hat Microsoft einen Hybriden angekündigt, der die Transition von der PC- in die Tablet-Welt erleichtern soll, vor allem auch den Programmierern. Sie sollen Anwendungen für die neue Metro-Oberfläche von Windows entwickeln. Große Teile der Programme, die für die Metro-Oberfläche geschrieben werden, sollen aus plattformunabhängigen Web-Elementen wie HTML, CSS und Javascript bestehen. Das erleichtert die Portierung der Programme auch auf Windows Phone 8. Somit versucht Microsoft also seine Vormachtstellung aus der PC-Welt zumindest in Teilen in die mobile Computerwelt zu retten.
Sollte das gelingen, wäre eine Kooperation von RIM mit Microsoft attraktiv. Alleinstellungsmerkmale wie die gute Integration in Unternehmensnetzwerke und die starke Verschlüsselung von E-Mails könnte RIM per App aus der alten Blackberry-Welt in die neue Windows-Welt retten. Ähnlich wie bei Nokia besitzt Blackberry noch immer eine Stärke: Die Kanadier können gute und solide Hardware bauen. Mit einem modernen Betriebssystem wie Windows Phone 8 würden sie diese Stärke wieder voll ausspielen.
Im Wege steht dieser Entscheidung im Grunde nur einer: Der deutsche RIM-Chef Thorsten Heins. Für ihn wäre der Schwenk zu Microsoft das Eingeständnis, dass seine Strategie nicht aufgegangen ist. Er hatte voll auf das kommende Blackberry-Betriebssystem in Version 10 gesetzt. Ob das allerdings jemals auf den Markt kommt, ist heute fraglich wie nie.
























