Softwareikone: SAP soll sexy werden

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Softwareikone: SAP soll sexy werden

von Michael Kroker

Wenn Deutschlands Softwareikone im April ihr 40-jähriges Jubiläum feiert, stehen die Zeichen auf rasanten Wandel. Gemeinsam mit seinem neuen Ziehsohn Lars Dalgaard trimmt Mitbegründer und Aufsichtsratschef Hasso Plattner den Konzern auf moderne IT-Technologie. Geht die Strategie auf, stehen die drei Buchstaben aus Walldorf bald nicht mehr nur für monströse Unternehmenssoftware, sondern auch für handliche und bedienerfreundliche Computertechnik – sexy, attraktiv, populär.

Hasso Plattner war in seinem Element, wie ihn bisher nur wenige erlebten. „Wir befinden uns im fünften Jahr des Umbaus“, polterte er vor Mitarbeitern in Palo Alto im US-Bundesstaat Kalifornien, „insgesamt sind’s ja sogar schon zehn Jahre.“ Der Ätzton galt den Kollegen in der Konzernzentrale im fernen badischen Walldorf, die Plattners Hoffnungsträger, die Zukunftssoftware Business By Design, mit Ach und Krach sowie rund 18 Monate verspätet auf den Markt brachten. „Da sollte jeder Beteiligte mal in den Spiegel schauen und sich fragen: ,Was machen wir hier eigentlich?‘ “

Mindestens so böse klang, was der 68-Jährige schon fast Weißhaarige den neuen Kollegen des US-Softwarehauses SuccessFactors riet, die seit Anfang Dezember zu seinem Reich gehören. Die Amerikaner sind spezialisiert auf Software, die der Nutzer aus dem Internet abruft, statt sie auf dem eigenen Rechner zu installieren, kurzum: auf das sogenannte Cloud Computing. Auch das gilt als Geschäft mit großen Wachstumschancen.

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Wo der Spargel wächst

Und auch hier sandte Plattner nur Spott heim über den Atlantik. „Wenn euch irgendwer aus Walldorf eine Technologie spendieren will, schaut euch das Geschenk gut an – und lehnt es im Zweifelsfall ab“, ermunterte er die Amis. Denn nur, „wenn die Deutschen verstehen, dass weniger mehr ist, sind sie in der Cloud-Welt herzlich willkommen“. Die Schlussfolgerung, dass die Germans andernfalls dort versauern sollten, wo der Spargel wächst, ersparte sich Plattner zwar. Die amerikanischen SAPler verstanden den Spott trotzdem – und johlten ihm zu.

Plattner ist einer der fünf Gründer sowie der amtierende Aufsichtsratschef von SAP, kurzum: Godfather der deutschen Softwareikone. Eigentlich war er locker drauf an diesem Tag Ende Februar. Das Video von seinem Auftritt an der amerikanischen Westküste, das im SAP-Intranet kursiert, zeigt ihn in einem grauen Troyer; unter dem Seglerpulli mit Reißverschluss trägt er ein türkisfarbenes Polohemd. Doch die Tonalität, die das Konzernurgestein an diesem Tag pflegte, enthielt keine Freizeitbotschaft, sondern eine knallharte Ansage: Bei SAP brechen neue Zeiten an, das Geschäft, wie es bis vor Kurzem noch lief, soll es künftig immer weniger geben.

Die Entwicklung von SAP

  • 1972: Der Urknall

    Gründung als SAP Systemanalyse und Programmentwicklung in Weinheim; 1976 Umbenennung in Systeme, Anwendungen und Produkte in der Datenverarbeitung; 1977 Umzug nach Walldorf.

  • 1973: Der Startschuss

    Fertigstellung der ersten Finanzbuchhaltungssoftware namens System RF - Grundstein für das spätere Komplettpaket R/1 als umfassende betriebswirtschaftliche Standardsoftware.

  • 1988: Die Expansion

    Die 1979 erstmals angebotene Software R/2 boomt: Bis Jahresende setzt SAP 245 Millionen Mark um. Im Oktober geht das Unternehmen für umgerechnet 380 Euro je Aktie an die Börse.

  • 1991: Der Megaseller

    Auf der Computermesse Cebit zeigt SAP erstmals die Software R/3, an der die Entwickler seit 1987 arbeiteten. Für den Mittelstand konzipiert, erweist sich R/3 als Megaseller für Konzerne.

  • 1998: Die Globalisierung

    Zur Untermauerung der Auslandsexpansion und zur Eroberung des US-Marktes notiert SAP im August an der New York Stock Exchange. Umsatz 4,3 Milliarden Euro.

  • 2007: Die Beschleunigung

    SAP kauft für 4,8 Milliarden Euro den französischen Softwareanbieter Business Objects. 2010 folgt der Kauf des US-Softwarehauses Sybase für 4,6 Milliarden Euro. Die Basis für neues Wachstum ist geschaffen.

  • 2010: Der Neuanfang

    Nach weniger als einem Jahr muss Léo Apotheker als Chef seinen Hut nehmen. Oberkontrolleur Hasso Plattner beruft Jim Hagemann Snabe und Bill McDermott als Nachfolger.

  • 2011: Der Angriff

    Dem Chefduo Snabe und McDermott gelingt das beste Jahr der Unternehmensgeschichte. Ende 2011 kündigen sie die Übernahme des US-Anbieters SuccessFactors an. Damit schalten sie um auf neue Produkte im zukunftsträchtigen Mobil- und Cloud-Computing-Geschäft.

  • 2012: Das Durchstarten

    Mit der Milliardenübernahme des US-Anbieters Ariba verstärken die Co-Chefs Snabe und McDermott ihr neues Cloud-Geschäft weiter. Zugleich erhält SAP ein riesiges Internet-basiertes Beschaffungs-Netzwerk für Geschäftskunden.

  • 2013: Die Umwandlung

    Im Frühjahr gibt SAP bekannt, sich in eine europäische Aktiengesellschaft SE umwandeln zu wollen. In der Belegschaft weckt das Befürchtungen, der Konzern könne mittelfristig seinen Firmensitz weg von Walldorf verlagern.

  • 2014: Der Alleinherrscher

    Auf der Hauptversammlung im Mai wird McDermott alleiniger SAP-Chef. Sein bisheriger Kompagnon Snabe rückt in den Aufsichtsrat. McDermott will SAP noch schlanker und flexibler machen sowie das Unternehmen ganz auf die Cloud trimmen.

Denn der passionierte Segler Plattner peitscht seine Mannschaft an zur vielleicht härtesten Kurskorrektur in den nunmehr 40 Jahren der Unternehmensgeschichte. SAP will mit seiner Software künftig nicht nur als biederer digitaler Buchhalter im Hintergrund Dinge wie Finanzwesen und Personalwirtschaft abwickeln. Das Ziel heißt, alle Bereiche des Wirtschaftslebens künftig mit SAP-Programmen abzudecken – sei es als App für Kundenbindung auf einem Smartphone oder Tablet-PC, sei es als schlanke Cloud-Lösung auf dem Laptop.

„Es gibt Produkte bei SAP, die sind weder praxistauglich noch begehrenswert und attraktiv für den Kunden – und wir verkaufen sie dennoch“, heizte Plattner seinen Leuten von Palo Alto aus ein. „Genau das wird in der Ära von Cloud Computing nicht mehr funktionieren.“ Auf gut Deutsch: Die neuen SAP-Programme sollen nicht mehr monströs und spröde daherkommen, sondern handlich, bedienerfreundlich, mobil – einfach sexy.

Der Auserkorene

Intern hat Plattner die Wende zumindest auf den Weg gebracht. Neben dem Kerngeschäft Unternehmenssoftware sind Cloud Computing, Mobil- und In-Memory-Technik – eine neuartige Form der Datenspeicherung – als neue Wachstumsmärkte von SAP identifiziert. Und auch erste Angebote gibt es. So verfügt SAP inzwischen über einen eigenen App Store im Internet. Ähnlich wie beim Vorbild Apple können Nutzer hier kleine Business-Apps auf Knopfdruck herunterladen. Immer mehr klassische SAP-Unternehmensanwendungen wandern in die Internet-Wolke. Anfang März auf der IT-Messe Cebit kam beispielsweise die Ankündigung, die Mittelstandssoftware Business One gebe es nun auch in der Cloud. Schließlich hat SAP seit Mitte 2011 ein erstes Datenanalyseprodukt im Angebot, dessen Kern, die In-Memory-Technik, künftig in alle Konzernprodukte Eingang finden soll.

„Das ist dann ein massiver Angriff in Richtung Oracle, aber auch IBM und Microsoft“, sagt Frank Naujoks, Marktbeobachter beim Schweizer Analysehaus I2S in Zürich, das auf Unternehmenssoftware spezialisiert ist.

Auserkoren, um diesen Angriff zu fahren, hat Plattner einen Newcomer im SAP-Imperium: Lars Dalgaard, Gründer und Chef des US-Softwareanbieters SuccessFactors, den SAP schluckte. Der 43-jährige Däne leitet ab sofort die gesamten Cloud-Aktivitäten von SAP, also auch die von Plattner gescholtenen Entwickler von Business By Design. Mit Dalgaard holt sich Plattner genau den Typ Manager ins Unternehmen, der seine IT-Visionen umsetzen kann. Dalgaard gilt als dynamisch und durchsetzungsstark. So hat er den Umsatz von SuccessFactors seit dem Börsengang im Jahr 2007 verdreifacht. Plattner hat Dalgaard dem SAP-Aufsichtsrats bereits für einen Posten im Konzernvorstand vorgeschlagen.

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