Späh-Liste: Die absurdesten Spionage-Ziele von BND und NSA

Späh-Liste: Die absurdesten Spionage-Ziele von BND und NSA

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BND und NSA haben nicht nur große Konzerne ausgespäht.

von Harald Schumacher

NSA und BND sollen deutsche Konzerne ausgespäht haben. Doch auf einer jetzt abgedruckten Liste stehen auch vollkommen harmlose Unternehmen – wer hinter den geheimnisvollen Namen steht.

Während Regierung und Bundestag in Berlin die womöglich größte Spionageaffäre der Republik aufklären wollen – oder zumindest so tun als ob – fragen sich ahnungslose Menschen im ganzen Land, wie ihre Namen hinein geraten konnten in diesen 007-Skandal, der gerade die Welt bewegt. Ist ja keine Kleinigkeit, wenn der deutsche Geheimdienst BND den amerikanischen Kollegen von der NSA hilft, deutsche Konzerne auszuspähen.

Im aktuellen „Spiegel“ ist auf Seite 22 als Faksimile eine Liste mit 31 Unternehmen, Institutionen und Homepages abgedruckt, die nach Angaben des Nachrichtenmagazins „aus den Beständen des britischen Abhördienstes GCHQ“ stammte. Die Briten haben demnach zusammengestellt, wer im Visier der JSA ist oder war, aber – warum auch immer – nicht oder nicht mehr überwacht werden sollte. Das Kürzel JSA steht für „Joint Sigint Activity“ und damit für eine gemeinsame Überwachungs- und Datenanalyseeinrichtung von BND und NSA im bayerischen Bad Aibling.

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Deutschlandfahne neben einer Kamera und Mikrofonen Quelle: dpa

Potentielle Überwachungsziele der transatlantischen Geheimdienst-Freunde waren demnach wenig überraschende Namen wie Deutsche Bank, eads.net und mercedes-benz.com. Ganz Große der deutschen Wirtschaft also. Aber auch ein bayerisches Seniorenzentrum in Bischofsgrün ist dabei, eine kleine Berliner Werbeagentur, die freiwillige Feuerwehr in Ingolstadt, ein marxistischer Verlag mit Dortmunder Wurzeln und ein Schachtel-Hersteller aus dem Erzgebirge. Sie alle standen oder stehen im Visier der deutsch-amerikanischen Schlapphüte, wenn die Liste aus dem „Spiegel“ kein bei 2,8 Promille entstandener Aprilscherz ist.

Der Spiegel nennt die Zusammenstellung „einigermaßen erratisch“. Kann man wohl sagen. Wiwo.de hat mit den Betroffenen – soweit erreichbar und noch nicht verstorben - gesprochen und erklärt, wer sich hinter den geheimnisvollen Namen der angeblichen JSA-Liste verbirgt.

Die absurdesten Spionage-Ziele

  • baumarktforschung.com

    Diese Webadresse gehört ibau, einem Dienstleister im Baubereich, der unter anderem eine Datenbank für Bauprojekte und Ausschreibungen unterhält und den jährlichen ibau-Fachkongress veranstaltet. Der war gerade wieder vor drei Wochen im alten Bundestag in Bonn. Wohlgemerkt: Im ALTEN(!) Bundestag – also eigentlich kein Grund, gleich den Geheimdienst zu schicken. Ibau wiederum gehört zur Schweizer Docu-Gruppe, die auf Bau-Fachinformationen spezialisiert ist. Die Docu-Tochter Baumarktforschung Deutschland GmbH schürft besonders tief: Ihre Informationen betreffen Straßen-, Ingenieur-, Brücken- sowie Garten- und Landschaftsbau. Ein Manager von Ibau hat nicht mehr zurück gerufen nach einem ersten freundlichen Gespräch. Ist nicht schlimm, hat sich erledigt!

  • brandstifter.com

    Klingt gefährlich, ist aber eine legal arbeitende Werbeagentur aus Berlin. Geschäftsführer Sven Barth erfuhr durch den WiWo-Anruf, dass er gerade eine Rolle im Geheimdienst-Skandal spielt. Sein Erklärungsversuch: Vielleicht sei der „provokante Name“, den er seiner Agentur bei der Gründung 1999 gab, irgendwie im Raster der Fahnder hängen geblieben. Das passt! Aber warum interessieren die Schlapphüte sich dann auch für seniorenheim.com und orgelbau.com? In die USA eingereist ist Brandstifter Barth übrigens nach dem Anschlag aufs World Trade 2001 problemlos – und kam unbehelligt wieder heraus.

  • feuerwehr-ingolstadt.org

    Erich Katschke, Schriftführer der Freiwilligen Feuerwehr in Ingolstadt, geht beim unerwarteten Anruf von wiwo.de erst mal auf Nummer sicher, ob wir uns nicht verwählt haben: „Meinen Sie vielleicht die Berufsfeuerwehr?“ Als ob die Berufs-Kollegen immer schon im Verdacht der Geheimdienste gestanden hätten. Aber nein: Laut der Liste im „Spiegel“, von der Katschke noch nichts wusste, interessieren sich BND und NSA nicht für die Ingolstädter Lösch-Profis, sondern ausschließlich für die 1863 gegründete Freiwillige Feuerwehr. Sie werden ihre Gründe haben. Oder auch nicht.

  • neue-einheit.com

    Das schwierigste Gespräch von allen: Eigentlich sollte die Telefonnummer, die die Homepage im Impressum angibt, Hartmut Dicke gehören. Der soll Inhaber des marxistisch-leninistischen, vielleicht auch trotzkistischen – oder maoistischen? – Verlages sein. Aber Dicke, der unter dem Pseudonym Klaus Sender sendete, sei 2008 „unter ungeklärten Umständen verstorben“, raunt eine weibliche Stimme am Telefon. Wie die Dame heißt, sagt sie nicht. Wem der Verlag jetzt gehört, fragen wir. Antwort: „Den Nachfolgern.“ Wer das ist? Keine Antwort. Die Neue Einheit ist jedenfalls KPD-nah und mit seeeehr weit links richtig eingeordnet. Ob der Verfassungsschutz die Redaktion schon mal im Visier hatte? „Das müssen Sie den Verfassungsschutz fragen“, sagt die weibliche Stimme am Telefon. Aber ist das wirklich ein Fall für die Internationale der Auslandsgeheimdienste oder für eine andere Anstalt?

  • orgelbau.com

    Hier stoßen wir bei der Recherche auf andere Geheimnisse. Die beiden Telefonnummern auf der Website führen ins Nichts. Urheber der „Website of german organ builders“ ist ein Heiko R. mit Adressen in Nordrhein-Westfalen und der Schweiz. Aber Thomas Jann, Vorsitzender des Bundes Deutscher Orgelbauer, kennt den vermeintlichen Kollegen nicht. Janns Verdacht: „Vielleicht hat sich da einer eine Web-Adresse gesichert und will sie verhökern.“ Warum das aber BND und NSA interessieren sollte? Keine Ahnung. Wir bleiben dran.

  • sachergmbh.com

    Ist das 25-Mann-Unternehmen aus Buchholz im Erzgebirge ein Fall für Industriespionage? Es ist immerhin ein Hidden-Champion der deutschen Wirtschaft. Feine Schmuck- und Uhrenkassetten aus dem Hause Sacher stehen in Juwelier-Geschäften und Nobel-Kaufhäusern in 42 Ländern, unter anderem bei Harrods in London. Und Unternehmerin Gerhild Sacher weiß: „Wenn man in der ersten Liga mitspielen will, geht das nur über Qualität. Die Chinesen können es billiger.“ Aber spioniert haben laut der NSA-Liste nicht die Chinesen, sondern Deutsche und Amerikaner. Sohn und Mit-Geschäftsführer Ulf Sacher kommt im Gespräch spontan ein Verdacht: „Vielleicht sind die ja wegen unserer Exporte in die Arabischen Emirate und an den Persischen Golf auf uns aufmerksam geworden.“ Aber was konnten sie dann bei dem Unternehmen finden? Sacher meint: „Nichts.“

  • seniorenheim.com

    Geschäftsführer Reiner Ebner hat wie alle Betroffenen erst durch wiwo.de erfahren, dass ausgerechnet sein Pflegezentrum im bayrischen Bischofsgrün ins Visier der Geheimdienst NSA und BND geraten sein soll. Auf die skeptische Frage, welche Klientel denn so wohne in seinem Haus „am Fuße des Ochsenkopfes in idyllischer Waldrandlage“, fällt Ebner aber nichts Verdächtiges ein: „Ganz normale pflegedürftige Leute, viele davon Sozialhilfeempfänger“, sagt er. Vielleicht suchten die Geheimdienstler ja auch im Eigeninteresse einen Platz für die Jahre nach dem stressigen Dienst? Die große Sonnenterrasse des Pflegezentrum verführt laut Seniorenheim-Homepage schließlich „zum Entspannen“, und man kann dort die „Seele baumeln lassen“.

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