Telekom: Die Baustellen von Konzernchef Obermann

Telekom: Die Baustellen von Konzernchef Obermann

, aktualisiert 18. November 2011, 08:47 Uhr
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Vorstandsvorsitzender Obermann: Konzern in Turbulenzen.

Quelle:Handelsblatt Online

Handelsblatt Online zeigt, vor welchen Herausforderungen der ehemalige Staatskonzern steht. Ein Überblick.

Der geplanter Verkauf von T-Mobile USA droht zu scheitern

Lange hat Telekom-Chef René Obermann in den USA nach einer Lösung gesucht. Seit 2008 verliert die Mobilfunktochter T-Mobile USA Kunden. Im März dieses Jahres schien die Lösung greifbar nah: Für 39 Milliarden Dollar wollte der US-Rivale AT&T die Telekomtochter kaufen. Jubel in Bonn: AT&T biete 14 Milliarden Dollar mehr, als Analysten erwartet hatten, sagte Obermann.

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Für ihn wäre der Verkauf ein Befreiungsschlag und die Krönung seiner Laufbahn. Denn er braucht das Geld aus dem Verkauf dringend, um in den Ausbau der Netze in Deutschland und Europa investieren zu können.

Doch Ende August klagte das amerikanische Justizministerium gegen den Verkauf. Die Behörde, die in den USA für Kartellfragen zuständig ist, sieht den Wettbewerb durch den Zusammenschluss der Nummer zwei und vier des Marktes gefährdet. Allerdings hat das Ministerium zugleich angedeutet, dass es zu Verhandlungen bereit ist.

Anlass zur Hoffnung gibt auch die zuständige Richterin Ellen Huvelle. Sie hat vor zehn Jahren in einem anderen Prozess dem US-Justizministerium eine Abfuhr erteilt: Es wollte die Fusion von zwei Unternehmen verhindern, die nach der Zusammenlegung 70 Prozent des Marktes für Informationssicherung nach Computer-Ausfällen beherrschten. Huvelle jedoch entschied: Die Branche ändere sich durch Technologie ständig, neue Wettbewerber kämen auf den Markt – und genehmigte die Fusion.

Die Hängepartie jenseits des Atlantiks muss sich die Telekom auch selbst zuschreiben. Obermann, der das wichtige US-Geschäft zur Chefsache erklärt hatte, hat in den USA zu spät in den Ausbau des Mobilfunknetzes investiert. Das führte dazu, dass die Wettbewerber ihren Kunden schon im Jahr 2008 Internet auf dem Handy angeboten haben, während man im T-Mobile-Netz nur telefonieren konnte.

Inzwischen ist das Netz von T-Mobile USA durch eine neue Technik zwar schneller als das der Rivalen. Aber dieser Vorsprung währt nicht mehr lange. Ohne neue Investitionen gerät die US-Tochter bald wieder ins Hintertreffen, weil die Wettbewerber derzeit schon Netze der vierten Generation bauen, im Fachjargon LTE. Die sind noch viel schneller. Aber auch sehr teuer: Mehrere Milliarden Euro müsste die Telekom dafür in den USA investieren. Das Geld kann und will Obermann nicht ausgeben. Zum einen sieht der Aufsichtsrat es nicht gern, wenn auf dem deutschen Heimatmarkt immer neue Sparprogramme umgesetzt und gleichzeitig Milliarden über den Atlantik transferiert werden. Zum anderen ist selbst dann nicht ausgemacht, dass sich die Lage bessern würde. T-Mobile USA ist der kleinste Anbieter unter drei US-Riesen und hat deshalb eine schwierige Position.


Hohe Verschuldung begrenzt den Spielraum für Zukäufe

Seit November 2006 ist René Obermann Chef der Deutschen Telekom. Und in diesen fünf Jahren ist es ihm nicht gelungen, die hohe Verschuldung des ehemaligen Monopolisten abzubauen. Im Gegenteil, im vergangenen Geschäftsjahr kletterten die Nettofinanzverbindlichkeiten, also die Differenz aus Bruttoschulden und liquiden Zahlungsmitteln, nach Angaben der Telekom auf 42,3 Milliarden Euro – die Experten von Bloomberg errechnen sogar 45,4 Milliarden. So oder so: Der Schuldenstand ist rund zwei Milliarden Euro höher, als bei Obermanns Amtsantritt.

Der Anstieg der Verschuldung ist vor allem eine Folge der enormen Investitionen, die der Konzern vornehmen musste, um beispielsweise die Übertragungsgeschwindigkeit in seinen Festnetz- und Mobilfunknetzen zu erhöhen. Sind die Netze nämlich nicht schnell genug, ist das Herunterladen von Filmen oder das Surfen im Internet kein Vergnügen, und die Kunden springen ab. Außerdem zahlte die Telekom in den vergangenen Jahren üppige Dividenden, um ihre von Kursverlusten gebeutelten Aktionäre einigermaßen bei Laune zu halten. Für die Jahre 2006 bis 2010 schüttete der Konzern insgesamt 16,7Milliarden Euro in Form von Aktienrückkäufen und Dividenden aus.

Während die Verschuldung also stieg, stagnierte der um Sonderfaktoren bereinigte Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, das Ebitda, bei 19,4 Milliarden Euro. Dabei hat die Telekom ihren Umsatz im Vergleich zu 2006 bis Ende des vergangenen Jahres um gut eine Milliarde oder knapp zwei Prozent auf 62,4 Milliarden Euro gesteigert.

Für die Ratingagenturen bildet der Verschuldungsgrad, also das Verhältnis von Nettofinanzschulden zum bereinigten Ebitda, ein wichtiges Kriterium für die Bonitätseinstufung von Unternehmen. Jedoch zählen die Experten von Standard & Poor’s auch Pensionszusagen an die Mitarbeiter und Leasingverpflichtungen mit zu den Finanzschulden. Bezieht man diese beiden Posten mit ein, erhöhen sich die Finanzschulden der Telekom in den Augen der Ratingsagenturen um rund 20Milliarden Euro.

„Mit unserer hohen Nettoverschuldung haben wir im Moment keinen Spielraum für Zukäufe“, sagte der Telekom-Chef erst bei der Präsentation des Quartalsberichts vor einer Woche. Und das erklärt, warum Obermann den Großteil der Einnahmen aus dem geplanten Verkauf der Konzerntochter T-Mobile USA – 13 Milliarden Euro – für den Abbau des Schuldenbergs einsetzen will. Denn ohne die operativen Gewinne von T-Mobile USA schrumpft das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen des Gesamtkonzerns um ein Viertel. Nur wenn Obermann die Schulden mindestens im gleichen Umfang abbaut, kann er sein Ziel – einen niedrigeren Verschuldungsgrad – erreichen.


Sinkende Umsätze im Krisenland Griechenland und in Osteuropa

Neben dem wichtigen US-Markt sind vor allem die Töchter in Süd- und Osteuropa das zweite Standbein der Telekom, mit dem sie sich unabhängiger vom gesättigten deutschen Telekommunikationsmarkt machen wollte. In Osteuropa, so einst das Kalkül, sind die Telekomnetze in vielen Ländern noch nicht gut ausgebaut und Handys noch nicht so verbreitet.

Inzwischen besitzt aber selbst in Rumänien jeder Einwohner mindestens ein Handy. Wachstum ist dort deshalb ähnlich teuer wie in Deutschland und funktioniert nur über den Ausbau der Netze, um dann darauf Fernsehen über das Internet oder Videos auf dem Handy anzubieten. Doch der Ausbau verschlingt Milliarden – Geld, das die Telekom angesichts sinkender Umsätze nicht mehr so leicht verdient.

Außerdem hat sich der Konzern mit dem Einstieg beim griechischen Telekomanbieter OTE verspekuliert. Die Telekom beteiligte sich 2008 an dem einstigen Monopolisten, der vor allem wegen seiner Töchter in Rumänien, Bulgarien, Albanien und Serbien gut zur Osteuropa-Strategie der Deutschen passte. Doch seit 2008 hat OTE an der Börse fast 90 Prozent des Wertes verloren. Der Nettogewinn ist von rund 602 Millionen Euro auf zuletzt knapp 40 Millionen Euro eingebrochen. Schuld daran ist die Wirtschaftskrise, die Griechenland erschüttert, aber auch fehlende Reformen im Unternehmen selbst. OTE ist nach Ansicht von Experten personell überbesetzt. Den nötigen Abbau aber verhindern extrem starke Gewerkschaften. Besserung ist auch langfristig nicht in Sicht.


Fehlende Präsenz auf wichtigen Wachstumsmärkten im Ausland

Bis zum Jahr 2010 war die Deutsche Telekom, gemessen am Umsatz, der größte Anbieter in Europa. Doch im laufenden Jahr wird der schärfste Verfolger, die spanische Telefónica, die Deutschen überflügeln. Telefónica wird 2011 erstmals mehr Umsatz erzielen als die Telekom, selbst wenn diese die Erlöse der Tochter T-Mobile USA mitrechnet. Der Grund: Die anderen ehemaligen Monopolisten besitzen Töchter in rasant wachsenden Schwellenländern. Telefónica ist stark in Lateinamerika, France Télécom in Afrika, Telecom Italia in Argentinien. Und was macht René Obermann? Der Telekom-Chef schließt Milliardenakquisitionen aus.

Denn es ist viel zu spät für eine Kurskorrektur, da die Kaufpreise für die noch verbliebenen Anbieter in Schwellenländern inzwischen astronomisch hoch sind. Außerdem hat die Telekom mit ihren bisherigen Übernahmen, vor allem mit T-Mobile USA und der griechischen OTE, kein Glück gehabt. T-Mobile war zu teuer, OTE bekommt die verschärfte Wirtschaftskrise zu spüren.

Obermanns Credo lautet: „Wir investieren nur in Märkten, die wir verstehen.“ Deshalb wird sein Fokus auf Europa gerichtet bleiben. Außerdem hat er fünf Wachstumsfelder definiert, in denen der Umsatz bis zum Jahr 2015 um zehn Milliarden Euro steigen soll. Am wichtigsten sind dabei das mobile Internet und intelligente Netzlösungen. Dabei geht es um digitale Medien- und Gesundheitsangebote, Internet im Auto und intelligente Stromnetze.


Frauenoffensive für den Vorstand bringt unerwünschten Wirbel

Die Deutsche Telekom verordnete sich als erster Dax-Konzern Anfang 2010 eine Frauenquote. Jede dritte Führungskraft sollte bis Ende 2015 weiblich sein. Die Telekom belebte damit die gesellschaftliche Debatte. Berauscht von dem Erfolg hat sie es dann aber mit den Frauen übertrieben. Gleich drei Damen wollten Konzernchef René Obermann und der Aufsichtsrat im Sommer in den Vorstand berufen. Deren Auswahl sorgte ebenfalls für Wirbel – diesmal aber aus Sicht der Telekom unerwünscht.

Problemlos war nur die Wahl der McKinsey-Beraterin Claudia Nemat, die inzwischen Europa-Chefin der Telekom ist. Für die anderen beiden Posten suchte sich der Konzern Politikerinnen aus. Personalchefin wird die frühere baden-württembergische Bildungsministerin Marion Schick (CDU). Rechtsvorstand sollte die Staatssekretärin im Bundesjustizministerium, Birgit Grundmann (FDP), werden – auch wenn die Telekom diese Personalie nie bestätigt hat.

Nach Informationen des Handelsblatts war Grundmann aber nur zweite Wahl. Wunschkandidatin war die frühere Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD). Da die FDP keine Oppositionspolitikerin im Telekom-Vorstand wollte, setzte sie mit Grundmann eine eigene Kandidatin durch. Der Bund ist mit 32 Prozent größter Telekom-Aktionär. Konzernchef René Obermann weist zwar den Vorwurf von sich, der Bund nehme Einfluss auf das operative Geschäft. Grundmann aber war die Debatte offenbar leid – kürzlich erteilte sie der Telekom eine Absage.

Quelle:  Handelsblatt Online
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