Telekomkonzern mit Milliardenverlust: Der Indien-Schock für Vodafone

Telekomkonzern mit Milliardenverlust: Der Indien-Schock für Vodafone

, aktualisiert 16. Mai 2017, 13:38 Uhr
von Kerstin LeitelQuelle:Handelsblatt Online

Eine Milliarde potenzielle Kunden – darauf hoffte der Mobilfunkriese Vodafone bei seinem Einstieg in Indien. Doch der Wettbewerb auf dem Markt wird immer heftiger – und hinterlässt tiefrote Spuren in der Bilanz.

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Vor knapp zehn Jahren war der Konzern in den zweitgrößten Telekom-Markt der Welt eingestiegen.

LondonBeim Blick auf das aktuelle Geschäftsergebnis von Vodafone scheint es, als leuchte die Zahl so knallrot wie das Unternehmenslogo: Heftige 6,1 Milliarden Euro Verlust fuhr der britische Mobilfunkriese im vergangenen Geschäftsjahr ein. Ein Jahr zuvor war das Minus noch deutlich geringer ausgefallen. Der Absturz lässt sich schnell erklären: Eine Abschreibung auf das indische Geschäft ließ die in anderen Bereichen erzielten Gewinne dahinschmelzen.

Vor knapp zehn Jahren war Vodafone in den zweitgrößten Telekom-Markt der Welt eingestiegen, angelockt von der Aussicht auf mehr als eine Milliarde neue Mobilfunkkunden. „Das Land bietet enorme Wachstumsmöglichkeiten und viel Potenzial mit Blick auf das Geschäft mit mobiler Datenübertragung“, schwärmte Vodafone-Chef Vittorio Colao damals. „Wir haben uns darauf eingestellt, hier langfristig im Geschäft zu bleiben.“

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Doch die Konkurrenz ließ nicht lange auf sich warten. Vergangenen Herbst hatte Jio, ein von dem Milliardär Muskesh Ambani kontrolliertes Unternehmen, Vodafone den Kampf angesagt – ohne Rücksicht auf Verluste. Der Preisschlacht konnte sich Vodafone nicht entziehen. Die Folge: Vodafone musste nun 3,7 Milliarden Euro auf das indische Geschäft abschreiben.

Als Folge der Probleme auf dem indischen Markt hatte Vodafone vor wenigen Wochen den Zusammenschluss seiner Tochter mit der indischen lokalen Gesellschaft Idea verkündet. Damit entsteht einer der größten Mobilfunkkonzerne der Welt mit rund 400 Millionen Kunden. Vodafone wird an dem neuen Unternehmen 45 Prozent halten.

Den Schritt von Vodafone, das indische Geschäft in das Joint Venture einzubringen, sieht Telekomanalyst Matthew Kendall von „The Economist Intelligence Unit“ positiv. Es zeige, dass Vodafone die Situation auf dem indischen Markt nicht unterschätze, erklärt er. Der Wettbewerb auf dem indischen Mobilfunkmarkt sei derzeit „mörderisch“, sagt der Analyst. Die aktuellen Zahlen von Vodafone belegten dies.

Ein weiterer Beleg dafür sei, dass die indische Zentralbank kürzlich den lokalen Banken empfohlen hatte, ihre Investments in Telekommunikationsunternehmen zu reduzieren. Die Angebote von Jio hätten den Markt vollkommen auf den Kopf gestellt und die Wettbewerber mühten sich, dem etwas dagegen zu setzen. „Die große Frage ist, wie lange Jio das durchhält, angesichts des Drucks auf die Margen und des Wettbewerbs.“

Der Verlust von 6,1 Milliarden Euro treibe einem zwar die Tränen in die Augen, kommentierte Analyst Ken Odeluga von City Index. Er stelle aber keine große Überraschung dar, nachdem Vodafone bereits die Abschreibungen angekündigt hatte.


Deutschland-Geschäft ist ein Lichtblick

Es ist nachvollziehbar, dass Vodafone sich von der Aussicht auf hohes Wachstum blenden ließ. In Europa sind die Zuwachsraten auf dem Mobilfunkmarkt wesentlich geringer oder gar negativ. So stiegen die Umsätze aus dem Service-Geschäft im vierten Quartal in Europa um gerade einmal 0,1 Prozent. Gerade in Großbritannien laufen die Geschäfte nicht mehr so gut wie früher. Insgesamt fiel der Umsatz des Konzerns im vergangenen Jahr um 4,4 Prozent auf 47,6 Milliarden Euro.

Ein Lichtblick waren dagegen die aus Düsseldorf gesteuerten Deutschland-Aktivitäten. Hier bleibt die Kabelsparte Wachstumstreiber. Im abgelaufenen Bilanzjahr verzeichnete das Geschäft ein Plus von über 8 Prozent und trug damit wesentlich zum Anstieg des Umsatzes um knapp 2 Prozent auf rund 10 Milliarden Euro bei.

Stabile beziehungsweise leichte Zuwächse gab es im Mobilfunk und bei schnellen Internetanschlüssen über Telefonleitungen. Zum Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen steuerte die Tochterfirma des britischen Konzerns 3,6 Milliarden Euro bei – ein Anstieg von 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Auch die Regionen Afrika, Naher Osten und Asien-Pazifik wiesen einen Anstieg von 6,8 Prozent auf. Doch wie das Beispiel von Indien zeigt, birgt die Expansion auf neue Märkte auch große Risiken, gerade wenn lokale Wettbewerber ohne Rücksicht auf Verluste vorgehen.

Dieses Mal haben die Investoren Firmenchef Colao den milliardenschweren Fehler verziehen. Die Aktie legt in London kräftig zu. Der Optimismus, den der Manager bei den Prognosen anschlägt und die höhere Dividende versöhnt die Börsianer. Doch noch so einen milliardenschweren Fehler darf sich der Italiener nicht erlauben.

Quelle:  Handelsblatt Online
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