
LondonGut eine halbe Million Chinesen reist Jahr für Jahr nach Großbritannien. Noch einmal so viele Chinesen leben auf der Insel. Genau diese Zielgruppe will der chinesische Telekommunikationskonzern China Telecom künftig selbst mit Mobilfunkdiensten versorgen. Daher hat sich das Unternehmen mit dem britischen Netzbetreiber Everything Everywhere verbündet. Gestern haben beide Anbieter ihre Kooperation verkündet.
China Telecom mietet künftig Kapazitäten im Netz von Everything Everywhere. Das Gemeinschaftsunternehmen von Deutscher Telecom und France Télécom ist die Nummer eins auf dem britischen Mobilfunkmarkt mit gut 27 Millionen Kunden und deckt mit seinem Netz einen größeren Teil der Bevölkerung ab als die Konkurrenten.
China Telecom will noch im ersten Quartal des Jahres mit eigenen Mobilfunkangeboten in Großbritannien an den Start gehen. „Es gibt keine speziell auf die wachsende Zahl von in England lebenden Chinesen zugeschnittenen Handy-Services und keine konkurrenzfähigen Tarife“, sagte Yan Ou, Europa-Chef von China Telecom. Diese Lücke wolle man schließen.
Analysten erwarten, dass danach der Einstieg der Chinesen in den deutschen und den französischen Mobilfunkmarkt folgen wird. Zudem suche China Telecom einen Kooperationspartner in den USA, um Chinesen, die dort leben, eigene Handydienste zu verkaufen, heißt es in der Branche.
Das Unternehmen ist eigenen Angaben nach der erste chinesische Telekomanbieter, der als sogenannter virtueller Netzbetreiber – und damit ganz ohne eigene Infrastruktur – in einen ausländischen Mobilfunkmarkt expandiert. Bislang ist das Geschäftsmodell vorwiegend innerhalb von Ländern verbreitet. So nutzt beispielsweise der Discounter Aldi das Netz von E-Plus, um eigene Handy-Tarife zu vermarkten.
Wachsender Wettbewerb hat zu sinkenden Gebühren geführt
China Telecom ist in seiner Heimat der größte Anbieter von Festnetzanschlüssen und die Nummer drei unter den chinesischen Mobilfunkbetreibern. Wachsender Wettbewerb hat zuletzt dazu geführt, dass die Handygebühren fürs Telefonieren im Ausland für Chinesen deutlich gesunken sind – eine bislang sehr wichtige Umsatzquelle in der Branche.
Sich als virtueller Mobilfunknetzbetreiber zu etablieren, werde China Telecom helfen, künftig besser bei Handygesprächen im Ausland mit Rivalen wie China United konkurrieren zu können, sagte Neil Juggins, Analyst bei JI Asia in Hongkong, der Nachrichtenagentur Bloomberg. Ein Kollege in London mutmaßte: China Telecom bereite möglicherweise den Weg, um in einigen Jahren einen britischen Mobilfunkbetreiber zu übernehmen und so über eine eigene Netzinfrastruktur zu verfügen.
Zunächst erwarten Branchenbeobachter aber nicht, dass China Telecom etwa mit günstigen Handytarifen für Anrufe von London nach Peking britische Netzbetreiber unter Druck bringen wird: Firmen wie Lycamobile und Lebara bieten bereits im Voraus bezahlte Mobilfunkkarten an, um günstig von Großbritannien nach Australien und in afrikanische Länder telefonieren zu können – bislang ohne spürbare Auswirkungen für Netzbetreiber wie Everything Everywhere.
Branchenkreisen zufolge hat China Telecom auch mit Vodafone über eine Mitnutzung des britischen Mobilfunknetzes verhandelt, sich am Ende jedoch mit Everything Everywhere auf bessere Konditionen einigen können.
Zu den Netzmietkosten machten die Unternehmen gestern keine Angaben. Offiziell sagte Yan Ou, Europa-Chef von China Telecom, lediglich: Die größere Netzabdeckung sowie die Erfolgsbilanz von Everything Everywhere, virtuelle Netzbetreiber an den Start zu bringen, hätten den Ausschlag gegeben. So nutzt beispielsweise Virgin Mobile, die Mobilfunksparte von Richard Bransons Virgin-Gruppe, das Netz von Everything Everywhere ebenso wie Lycamobile und 3 UK, die britische Tochter des Hongkonger Mischkonzerns Hutchison.













