Twitter: Jack Dorsey scheitert mit der Wiederbelebung

ThemaSocial Media

Twitter: Jack Dorsey scheitert mit der Wiederbelebung

Bild vergrößern

Twitter-Chef Jack Dorsey.

von Matthias Hohensee

Jack Dorsey erfand vor zehn Jahren Twitter. Er führte den Kurznachrichtendienst bis 2008, dann wurde er gefeuert. Vor einem Jahr kam er als Krisenmanager zurück. Jetzt steht Twitter zum Verkauf.

Keine Diagnose fürchten sie im Silicon Valley mehr als diese: Wir schrumpfen. Vom Schrumpfen aber künden die freien Büroflächen, die derzeit in San Franciscos bester Innenstadtlage zu haben sind. Twitter, einst auf Augenhöhe mit Google und Facebook, entlässt Mitarbeiter. Und sucht einen Untermieter.

Was in anderen Branchen als rationale Anpassungsmaßnahme durchgeht, ist für die allein am Wachstum gemessenen Techfirmen im Valley eine existenzielle Frage: Die Gerüchte, dass der Konzern verkauft werden soll, entwickeln eine Dynamik, die nicht nur Unruhe, sondern auch Tatsachen schafft. Angeblich ist schon eine Investmentbank beauftragt, um den Verkauf zu organisieren. Das Softwareunternehmen Salesforce, Google, Microsoft und der Medienkonzern Disney, so hieß es vergangene, seien interessiert. Seitdem bekannt wurde, dass Google und Disney kein Interesse haben, fiel die Twitter-Aktie zwischenzeitlich um 20 Prozent.

Anzeige

In den verbliebenen Twitter-Konferenzräumen, die dem Vogel-Logo des Zwitscherdienstes entsprechend Wagtail (Bachstelze) oder Waterthrush (Waldsänger) heißen, ist ans Arbeiten kaum mehr zu denken.

Zahlen und Fakten zu Twitter

  • Nebenprodukt mit Erfolg

    Twitter war zunächst nicht mehr als ein Nebenprodukt der Firma Odeo, die eine (allerdings wenig erfolgreiche) Podcasting-Plattform entwickelte. Die Macher suchten 2006 nach Alternativen – und entwickelten den Dienst mit seinen 140 Zeichen kurzen Texthäppchen. In den ersten Monaten gewann er zwar kaum Nutzer, doch nach einem erfolgreichen Auftritt auf der Technologiekonferenz SXSW hob Twitter ab.

  • Idee von vier Freunden

    Anfangs standen vier Freunde hinter Twitter: Evan Williams, der dank des Verkaufs seiner Plattform Blogger.com an Google auch Geldgeber war; außerdem Jack Dorsey, Biz Stone sowie Noah Glass. Letzterer wurde allerdings wegen seiner schwierigen Art schon bald aus der Firma gedrängt.

  • Intrigen und Machtkämpfe

    Die kurze Geschichte der Firma ist geprägt von Machtkämpfen zwischen den einstigen Freunden. Der erste Chef Jack Dorsey musste auf Veranlassung des Mitgründers Evan Williams sowie des Verwaltungsrates seinen Posten verlassen. Williams selbst hielt sich auch nicht dauerhaft an der Spitze – bei seiner Entmachtung im Oktober 2010 hatte Dorsey seine Finger im Spiel. Seitdem lenkte Dick Costolo, zuvor bei Google tätig, die Firma. Nach der Warnung des Unternehmens im ersten Quartal 2015, dass die angepeilten Umsätze nicht erreicht würden, und die Aktie weit unter den Ausgabekurs rutschte, war die Luft für ihn dünn geworden. Nach Monaten der Kritik von der Wall Street, Anteilseignern, Mitarbeitern und Kunden wurde Costolo am 1. Juli 2015 durch Twitter-Mitgründer Jack Dorsey ersetzt.

  • Durchweg in den Miesen

    Twitter hat noch nie Gewinn gemacht. Im zweiten Quartal 2015 lag der Verlust bei unterm Strich 137 Millionen Dollar - immerhin 8 Millionen weniger als im Vorjahr. Vor allem Vergütungen für Mitarbeiter in Form von Aktienpaketen und Optionen machen sich bemerkbar.

  • Zaghaft im Werbegeschäft

    Twitter hatte bis vor drei Jahren noch kein Werbegeschäft. Die Gründer verzichteten in der Anfangszeit bewusst auf Anzeigen, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Im Frühjahr 2010 starteten erste Versuche mit Werbung zwischen den Tweets. Inzwischen ist das Geschäft beträchtlich angewachsen. Im zweiten Quartal 2015 stammten von den 502 Millionen Dollar Umsatz fast 90 Prozent aus dem Geschäft mit mobilen Anzeigen auf Smartphones oder Tablets. Die Werbeeinnahmen nahmen im vergleich zum Vorjahr um 63 Prozent auf 452 Millionen Dollar zu.

  • Mehr als 270 Millionen Nutzer

    Twitter ist für die mobile Ära gerüstet. Ein Großteil der Werbeerlöse wird auf Smartphones und Tablet-Computern erwirtschaftet. Insgesamt hat Twitter mehr als 316 Millionen Nutzer pro Monat.

  • Twitter-Aktionäre sind gleichberechtigt

    Twitter versucht nicht, den Einfluss der Gründer durch eine Aktienstruktur mit zwei Klassen zu sichern. Andere Internet-Unternehmen wie Google oder Facebook haben bei ihren Börsengängen den Investoren Papiere angeboten, die weniger Stimmrechte haben als die Aktien von Gründern und Spitzen-Managern. Bei Twitter sind alle Anteilseigner gleich, die Ausgabe von Vorzugsaktien ist nur als Möglichkeit für die Zukunft vorgesehen.

Beruhigen könnte nur der Hausherr. Doch Twitter-Gründer Jack Dorsey ist in diesen Tagen an der Ostküste unterwegs – für seinen börsennotierten Finanzdienstleister Square, den er parallel zu Twitter führt. In Washington spricht er auf einer Konferenz über die Zukunft des Bezahlens. Twitter erwähnt er mit keiner Silbe. In seiner Doppelrolle, in Dorseys Sprachlosigkeit und in den Gerüchten, die ungefiltert und nicht kommentiert durchs Valley vagabundieren, manifestieren sich die Probleme von Twitter. Sie verraten nicht nur viel über den schwankenden Grund, auf dem sich das Unternehmen bewegt. Sondern auch viel über die großen Egos, wie es sie nur an Amerikas Westküste gibt.

Eines der Gerüchte besagt, dass Dorsey sich vor allem deshalb an der Ostküste aufhalte, um bei einem Abstecher nach New York mit der Investmentbank Goldman Sachs den Verkauf von Twitter zu beraten. Ein Mitarbeiter aus der Zentrale will das allerdings nicht glauben: „Jack hat uns versichert, dass er Twitter nicht verkaufen will.“

Auch Dorsey selbst erweckt nicht den Anschein, als trüge er Verkaufsabsichten mit sich herum. „Wir liefern Nachrichten schneller als jeder andere, und wir tun es mit einer unverwechselbaren Stimme“, bekräftigte er jüngst in einem Interview. Für den Herbst ist eine große „Wiedergeburts“-Offensive geplant. Doch in der Gegenwart herrscht Flaute, nicht Aufbruch.

Erst erwog Dorsey, das 140-Zeichen-Limit bei Twitter abzuschaffen. Jetzt belässt er beinahe alles beim Alten; allein das Zitieren anderer Nachrichten und das Posten von Fotos und Videos gehen nicht mehr auf Kosten der Maximalzeichenzahl. In der Öffentlichkeit entsteht so das Bild eines Konzerns, dem man alle möglichen Gedankenspiele zutraut – und der fast nichts entscheidet.

PremiumSoziales Netzwerk Was, bitte, ist Twitter überhaupt?

Twitter steht zum Verkauf. Die potenziellen Käufer zeigen: Das soziale Netzwerk hat seine Identitätskrise noch immer nicht gelöst.

Twitter-Logo. Quelle: dpa

Es ist ein Bild, das mit dem Selbstbild von Dorsey kollidiert. Der Twitter-Gründer bastelt an einer Autobiografie vom besessenen Multitalent, an einer Geschichte, die das Beste von Elon Musk mit dem Besten von Steve Jobs kombiniert: Dorsey will wie Jobs der einst verstoßene Gründer sein, der bei seiner fulminanten Wiederkehr sein Baby rettet. Der den Minimalismus liebt. Der Perfektion fordert und sein Team mit unerwarteter Kritik am eigenen Produkt zur kreativen Verzweiflung bringt. Der seine ganze Kraft aus der Arbeit bezieht. Für den sein Unternehmen so etwas ist wie seine Familie.

Abgerundet wird die Selbsterzählung von einer Vielfachbegabung à la Elon Musk. Der Twitter-Chef kann nicht nur Codes schreiben, er kann auch eine Jeans professionell schneidern oder eine Rückenmassage fachgerecht verabreichen. Er engagiert sich politisch. Als ein Polizist in Ferguson, Missouri, den schwarzen Schüler Michael Brown erschießt, marschiert der Milliardär bei den Protesten mit. Dorseys langfristiges Berufsziel: Bürgermeister von New York. Und bis dahin managt er nicht nur ein globales Superunternehmen, sondern zwei.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%