Twitter: Kurznachrichtendienst kämpft gegen Cybermobbing

Twitter: Kurznachrichtendienst kämpft gegen Cybermobbing

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Getwittert wird vor allem auf dem Smartphone.

Der Kurznachrichtendienst Twitter steht für Rede- und Meinungsfreiheit wie kein zweites soziales Netzwerk. Das führt mitunter zu Missbrauch. Dagegen will Twitter nun verstärkt vorgehen. Ein Drahtseilakt.

Twitter ist ein Raum der Freiheit: Informationen werden direkt und ungefiltert verbreitet. Kein anderes soziales Netzwerk steht so sehr für Meinungsfreiheit wie Twitter. Die Revolution auf dem Tahrir Platz - ohne den Kurznachrichtendienst wäre sie eine andere gewesen. Im Gegensatz zu Facebook und Instagram hat die Plattform nicht einmal Einwände, wenn explizite Erotik verbreitet wird.

Das ist die eine Wahrheit. Die andere ist: Twitter ist ein Paradies für Hasser. Das 140-Zeichen-Limit zwingt zu Simplifizierung und unterdrückt objektive Auseinandersetzungen im Kern. Die Anonymität ermuntert zu Extremen. Dementsprechend rüde geht es beim Kurznachrichtendienst mitunter zu: Beleidigungen, Drohungen und Hass-Propaganda - beispielsweise von der Terrororganisation Islamischen Staat - sind an der Tagesordnung.

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Zahlen und Fakten zu Twitter

  • Nebenprodukt mit Erfolg

    Twitter war zunächst nicht mehr als ein Nebenprodukt der Firma Odeo, die eine (allerdings wenig erfolgreiche) Podcasting-Plattform entwickelte. Die Macher suchten 2006 nach Alternativen – und entwickelten den Dienst mit seinen 140 Zeichen kurzen Texthäppchen. In den ersten Monaten gewann er zwar kaum Nutzer, doch nach einem erfolgreichen Auftritt auf der Technologiekonferenz SXSW hob Twitter ab.

  • Idee von vier Freunden

    Anfangs standen vier Freunde hinter Twitter: Evan Williams, der dank des Verkaufs seiner Plattform Blogger.com an Google auch Geldgeber war; außerdem Jack Dorsey, Biz Stone sowie Noah Glass. Letzterer wurde allerdings wegen seiner schwierigen Art schon bald aus der Firma gedrängt.

  • Intrigen und Machtkämpfe

    Die kurze Geschichte der Firma ist geprägt von Machtkämpfen zwischen den einstigen Freunden. Der erste Chef Jack Dorsey musste auf Veranlassung des Mitgründers Evan Williams sowie des Verwaltungsrates seinen Posten verlassen. Williams selbst hielt sich auch nicht dauerhaft an der Spitze – bei seiner Entmachtung im Oktober 2010 hatte Dorsey seine Finger im Spiel. Seitdem lenkte Dick Costolo, zuvor bei Google tätig, die Firma. Nach der Warnung des Unternehmens im ersten Quartal 2015, dass die angepeilten Umsätze nicht erreicht würden, und die Aktie weit unter den Ausgabekurs rutschte, war die Luft für ihn dünn geworden. Nach Monaten der Kritik von der Wall Street, Anteilseignern, Mitarbeitern und Kunden wurde Costolo am 1. Juli 2015 durch Twitter-Mitgründer Jack Dorsey ersetzt.

  • Durchweg in den Miesen

    Twitter hat noch nie Gewinn gemacht. Im zweiten Quartal 2015 lag der Verlust bei unterm Strich 137 Millionen Dollar - immerhin 8 Millionen weniger als im Vorjahr. Vor allem Vergütungen für Mitarbeiter in Form von Aktienpaketen und Optionen machen sich bemerkbar.

  • Zaghaft im Werbegeschäft

    Twitter hatte bis vor drei Jahren noch kein Werbegeschäft. Die Gründer verzichteten in der Anfangszeit bewusst auf Anzeigen, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Im Frühjahr 2010 starteten erste Versuche mit Werbung zwischen den Tweets. Inzwischen ist das Geschäft beträchtlich angewachsen. Im zweiten Quartal 2015 stammten von den 502 Millionen Dollar Umsatz fast 90 Prozent aus dem Geschäft mit mobilen Anzeigen auf Smartphones oder Tablets. Die Werbeeinnahmen nahmen im vergleich zum Vorjahr um 63 Prozent auf 452 Millionen Dollar zu.

  • Mehr als 270 Millionen Nutzer

    Twitter ist für die mobile Ära gerüstet. Ein Großteil der Werbeerlöse wird auf Smartphones und Tablet-Computern erwirtschaftet. Insgesamt hat Twitter mehr als 316 Millionen Nutzer pro Monat.

  • Twitter-Aktionäre sind gleichberechtigt

    Twitter versucht nicht, den Einfluss der Gründer durch eine Aktienstruktur mit zwei Klassen zu sichern. Andere Internet-Unternehmen wie Google oder Facebook haben bei ihren Börsengängen den Investoren Papiere angeboten, die weniger Stimmrechte haben als die Aktien von Gründern und Spitzen-Managern. Bei Twitter sind alle Anteilseigner gleich, die Ausgabe von Vorzugsaktien ist nur als Möglichkeit für die Zukunft vorgesehen.

Darunter hatte etwa Zelda Williams, die Tochter des verstorbenen Komikers Robin Williams, zu leiden. Oder hierzulande die 17-jährige Abiturientin Naina, die mit einem Tweet zuerst eine „Bildungsdebatte“ auslöste und sich dann, nachdem die Beleidigungen gegen sie überhandnahmen, von Twitter verabschiedete.

Twitters Chefjustiziarin, Yijaya Gadde, hat in der "Washington Post" erklärt, wie Twitter so etwas künftig verhindern will.

Sie gibt zu: „Selbst wenn wir erkannt haben, dass es zu Nötigungen kommt, war unsere Reaktionszeit unentschuldbar langsam und unsere Antworten waren zu dürftig.“ Darunter leide die Freiheit – denn manche Nutzer trauten sich aus Angst vor möglichen Reaktionen nicht, ihre wahre Meinung zu schreiben.

Zwischen Zensur und Schutz – ein Drahtseilakt

Das soll sich ändern. Zu diesem Zweck hat Twitter, so Gadde, die Größe des Teams verdreifacht, das sich um beleidigende Beiträge kümmert. Weiter sollen Nutzer künftig bessere Möglichkeiten haben, ihre Twitter-Aktivitäten zu kontrollieren – wie diese aussehen, konkretisierte sie nicht. Auch die Richtlinien seien überarbeitet worden. So hat Twitter im vergangenen Monat sogenannte Rache-Pornos verboten und geht gegen entsprechende Beiträge verstärkt vor.

Dass solche an sich selbstverständliche Sicherheitsmaßnahmen erst jetzt eingeführt wurden, hat einen guten Grund, wie Gadde erklärt: „Wenn sie nicht mit Vorsicht angewandt werden, können Sicherheits-Tools und Richtlinien die Freiheit auf Twitter genauso einschränken wie Missbrauch es kann.“

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Gadde sieht sich und ihr Team deswegen nicht als „Schiedsrichter der Redefreiheit“.

Und doch ist es entscheidend für die Zukunft des Kurznachrichtendiensts, dass er Mobbing in den Griff kriegt, wie Twitter-Chef Dick Costolo in einer internen Mitteilung schrieb, die das US-Magazin "The Verge" im Februar veröffentlichte.

Denn Beleidigungen, Drohungen und Hass kosten „einen Kernnutzer nach dem anderen“, wie Costolo in der internen Mitteilung schrieb. Nutzer wie Naina. Und die machen den Wert des sozialen Netzwerks aus.

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