Vodafone-Chef Joussen: „Mit dem Silicon Valley können wir nicht mithalten“

Vodafone-Chef Joussen: „Mit dem Silicon Valley können wir nicht mithalten“

, aktualisiert 06. Dezember 2011, 10:26 Uhr
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Friedrich Joussen, Geschäftsführer der Vodafone D2 GmbH.

von Markus Hennes und Thomas SigmundQuelle:Handelsblatt Online

Der 6. IT-Gipfel der Bundesregierung steht an. Vodafone-Chef Friedrich Joussen im Interview mit dem Handelsblatt über Deutschlands Stärke, den globalen Wettbewerb und die Forderung nach einem Masterplan.

Handelsblatt: Herr Joussen, in München findet zurzeit der 6. IT-Gipfel statt. Wie ist es um den High-Tech-Standort Deutschland bestellt?

Friedrich Joussen: Im internationalen Vergleich spielt die deutsche IT-Industrie sicher nicht in der Spitzenliga. Wir haben hier zwar einige interessante kleine und mittlere Unternehmen. Es fehlen aber mit Ausnahme von SAP die Global Player, die auf dem Weltmarkt ganz vorn mitspielen. Mit dem Silicon Valley können wir nicht mithalten.

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Wo liegt Deutschlands Stärke?

Deutschlands und Europas Stärke liegt in der Telekommunikation. Wir sind in der Vernetzung stark, haben den Weltstandard bei den schnellen digitalen Mobilfunknetzen GSM und UMTS gesetzt. Deutschland hat 2010 auch zuerst damit begonnen, das Festnetz durch die neue mobile Breitbandtechnik LTE zu ersetzen. Unsere Stärke sind intelligente Netze. Das soll uns in der Welt erst einmal einer nachmachen.

Wie erklären Sie sich die Schwächen im IT-Bereich?

Wir denken in Deutschland häufig sehr stark in Prozessen und Regeln. Wenn Sie als junger Unternehmer loslegen wollen, sind Sie schon von der Bürokratie erschöpft, bevor es losgehen kann. Entrepreneure im Internet und in der Softwareindustrie gedeihen aber erfahrungsgemäß besser in einem Umfeld kreativer Unordnung. Hier geht vieles schneller, und damit wird auch eher klar, was funktioniert und was nicht.

Bürokratiewahn gibt es doch in jeder Branche. Warum sind wir dann etwa im Maschinenbau führend?

Die Villa Hügel hat eine andere Tradition als das Silicon Valley. Im Maschinenbau brauchen Sie Standards, Normen, Regeln, Präzision. Die helfen beim Erfolg. Das Gleiche gilt übrigens auch für die Telekommunikation.

Und im Internet?

Im Internet ist das anders. Hier zählt nur die Geschwindigkeit, weil die Skaleneffekte so enorm sind. Nur der Erste gewinnt im globalen Wettbewerb. Ein weiterer großer Unterschied zu den USA liegt wohl auch in der Anzahl an Geschäftsgründungen. In den USA gibt es hundert Mal mehr Jungunternehmer als hier. Da ist die Wahrscheinlichkeit dann auch sehr viel größer, dass ein Mark Zuckerberg mit Facebook dabei herauskommt. Diese Persönlichkeiten schieben neben den Wagniskapitalgebern dann wieder andere Jungunternehmer mit viel Geld anund investieren in die Start-ups. Der Erfolg stellt sich so schon fast zwangsläufig ein. Wir sollten aber keine Minderwertigkeitskomplexe haben, denn wir sind den Amerikanern auf anderen Feldern voraus.

Sie meinen beim Mobilfunk. Sind da nicht Unternehmen wie Google und Facebook doch irgendwie mehr sexy?

Ganz im Gegenteil. Schauen Sie sich das Handy an. Das ist sogar super sexy. Keiner der fünf Milliarden Handynutzer weltweit würde mehr ohne aus dem Haus gehen. Mit seinen 800 Millionen Nutzern scheint Facebook da fast wie eine schöne Nische. Heute finden viele Facebook sehr cool - aber was ist in zehn Jahren? Vor fünf Jahren galt Second Life als cool, vor zehn Jahren war es Yahoo: Was ist aus beiden geworden? Viele Trends im Internet schießen aufgrund der schon erwähnten Skaleneffekte nach oben und sind dann doch flüchtige Phänomene. Eine Ausnahme bildet hier vielleicht Google. Das Unternehmen hat es geschafft, neben dem Kerngeschäft der Suche auf anderen Feldern wie der Software erfolgreich zu sein.
Google gilt als innovativ.

Absolut. Aber auch Innovationen in Infrastruktur sind enorm wichtig. Weil sie nicht nur Wachstum an sich erzeugen, sondern auch Wachstumsmotoren für die gesamte Gesellschaft sind. Das galt schon für die Schiene und die Autobahn. Wir stehen gerade beim Ausbau des Breitbandnetzes, der digitalen Infrastruktur und Lebensader, vor einer der größten industriellen Revolutionen, die Deutschland erlebt hat. Das wird das Leben auf Dauer wahrscheinlich mehr verändern, als eben Autobahn oder Eisenbahn es vermocht haben. All das sind auch Themen, die auf dem IT-Gipfel angesprochen werden.


Joussen über Hilfe von der Politik

Welche Hilfestellung erwarten Sie in Zukunft von der Politik?

Es ist wichtig, dass sich die Regierung gemeinsam mit der Industrie fragt: Wie wollen wir diesen hochinnovativen Zukunftsmarkt auf längere Sicht gestalten? Nüchtern geht es um Industrie- und Standortpolitik. Zwei wichtige Punkte in diesem Zusammenhang sind für uns die Themen Datenschutz und Netzneutralität.

Geht der Datenschutz zu weit?

Nicht der klassische Datenschutz, da wo es um persönliche Daten geht. Das ist ein sehr hohes Gut. Aber da, wo der Wettbewerb zwischen Industrien verzerrt wird. Im Internet gibt es die totale Freiheit, in der Telekommunikation dagegen ist die Regulierung extrem streng. Da sehe ich für uns in Europa eindeutige Wettbewerbsnachteile.

So wie die kostenlose Nutzung der Telekommunikationsnetze durch die Internetkonzerne?

Im Moment ist die Situation recht grotesk. Eine Netzneutralität, wie sie teilweise politisch diskutiert wird, hilft der amerikanischen IT-Industrie und schadet den in Europa starken Telekommunikationsunternehmen, und zwar extrem.

Inwiefern?

Ganz einfach: Die Googles und Facebooks nutzen europäische Netze intensiv und erwirtschaften Traumrenditen, ohne sich mit einem Cent an den Milliardeninvestitionen in die Qualität und Zukunft der Netze zu beteiligen. Europa investiert, Amerika kassiert. Eine gesetzlich verankerte Netzneutralität würde diesen Zustand festschreiben - denn sie erlaubt keinen Geldfluss von Inhalteanbietern wie Google oder Youtube zu den Netzinfrastrukturanbietern. Das ist strukturpolitisch nicht gesund.

Fordern Sie eine andere Industriepolitik?

Wir brauchen einen Masterplan. Denn wenn man nicht weiß, wo man hin will, darf man sich nicht wundern, wo man ankommt.

Was sollte der Plan enthalten?

Zum Beispiel ein klares Markt- und Wettbewerbsdesign für den Telekommunikationsmarkt 2020. Denn wir reden in unserer Industrie zumeist über Investitionen in Milliardenhöhe. Also konkret: Will die Politik Wettbewerb in den Festnetz-Infrastrukturen bei der Glasfaser oder die globale Marktführerschaft bei der Gestaltung von innovativen Diensten wie dem elektronischen Personalausweis oder der elektronischen Kreditkarte? Nur wenn es darauf Antworten gibt, weiß ich doch als Staat, wie ich 2011 regulieren muss, um das größere Ziel 2020 mit der Industrie zu erreichen.

Herr Joussen, vielen Dank für das Interview.

Quelle:  Handelsblatt Online
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