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Jeans-Pioniere: Im Namen der Hose

von Das Interview führte Barbara Markert

Die Jeans-Pioniere Marithé und François Girbaud über die Zukunft der unverwüstlichen Hose, die derzeit an der Modebörse ein Allzeit-Hoch erlebt.

Marithé, 64, und François Girbaud, 61, widmen sich seit vier Jahrzehnten dem weltweit populärsten Kleidungsstück und studieren Technik und Produktionsverfahren der Jeans mit wissenschalftlicher Akribie. Ihnen ist das Stonewash-Verfahren zu verdanken. Die Girbauds gelten als die intimsten und erfahrensten Kenner des Jeans-Geschäftes. fivetonine: Sie bezeichnen sich selbst als Jeanologen. Was darf man darunter verstehen? Wir beschäftigen uns seit 40 Jahren mit Jeans. Wir haben einige Formen neu entwickelt und sehr viel am Material gearbeitet. Wir haben den Denim gewaschen, gefaltet und vieles mehr. Wir arbeiten wie Forscher – nur eben am Thema Jeans. Sie haben das Stonewash-Verfahren erfunden. Wie kamen sie darauf, Jeans mit Steinen zu waschen, damit sie wie alt aussehen? Stonewash entstand in der Zeit von 1965 bis 1970. Wir hatten damals einen Laden namens Western House. Der war in Paris Kult. Dort verkauften wir Cowboy-Stiefel und Jeans aus den USA. Wir wollten aber eine Jeans machen, die nicht mehr ganz amerikanisch aussehen sollte. Wir nahmen also dieses Kleidungsstück, das sich seit Levi Strauss überhaupt nicht weiterentwickelt hatte, und wuschen es. Erst mit Kleingeld, dann mit Kieseln, und am Ende merkten wir, dass sich Steine von der italienischen Insel Lipari am besten dafür eignen. Die wenigsten Käufer assoziieren Stonewash mit Frankreich. Unsere Idee machte auch einen Umweg. Anfang der Siebzigerjahre kamen viele Franzosen aus den einstigen Kolonien in Nordafrika zurück und wanderten dann nach Kalifornien aus – Leute wie Maurice und Paul Marciano, die später Guess gründeten. Sie nahmen unsere Idee und unsere Arbeit mit. Sie verkauften in den USA Tausende von Stonewash-Jeans und setzten damit einen Trend, der später wieder zu seinen Ursprüngen, also nach Europa, zurückkam. Störte es Sie, dass andere an Ihrer Idee verdienten? Nein, das waren ja unsere Freunde. Ich finde auch nicht, dass uns das geschadet hat. Im Gegenteil: Sie haben uns geholfen. Wenn sie das nicht in den USA eingeführt hätten, hätten wir hier nie unsere Ideen durchsetzen können. Warum kamen die Amerikaner nicht auf die Idee? Für die Amis war die Jeans damals einfach nur eine Arbeitshose, nichts weiter. Für uns jedoch war eine zerrissene, kaputte Jeans ein Fanal gegen die Spießigkeit, ein Mittel, die Bourgeoisie zum Schweigen zu bringen. Wir zogen damals Jeans an, um das System zu revolutionieren. Wirkt eine zerrissene Jeans heute noch als Symbol? Nein, jetzt ist das nur noch ein Look. Ich finde, dass die Waschungen und die Zerstörungen des Materials heute oft zu weit gehen. Ich finde es fast schon unanständig, wenn ein Rockstar oder ein junger indischer Industrieller in einem Fünfsternehotel mit einer völlig zerfetzten Jeans absteigt. Auch wenn diese Art von Jeans gerade „in“ ist? Unsinn! Klar wollen wir uns anders kleiden. Aber deswegen müssen wir uns noch lange nicht wie Penner anziehen. Welche Jeans brauchen wir dann? Die einzige Jeans, die man wirklich braucht, ist eine, die dem Körper schmeichelt – und zwar genau so, wie man es persönlich will. Wie die dann aussieht, ob sexy-eng oder bequem-weit, ob sie zwischen den Beinen hängt oder ob das halbe Gesäß herausschaut – das ist Geschmackssache. Oder ein Diktat der Mode? Nein, denn Jeans sind meiner Meinung nach nicht Bestandteil der Mode. Wer produziert denn heute Designerjeans? Das ist eine kleine Gruppe von Spezialisten wie Renzo Rosso mit Diesel in Italien oder die Marcianos mit Guess in Kalifornien. Man braucht viel Erfahrung dafür. Das wissen auch die Modehersteller und deswegen bitten sie uns, ihnen eine Jeans zu produzieren, damit sie danach ihr Etikett draufkleben können. Warum kosten Designerjeans dann so viel? Weil das dank des People-Marketings möglich ist. Nehmen wir Victoria Beckham und Rock & Republic. Das ist eine stinknormale Five-Pocket-Jeans. Ich halte rein gar nichts von diesem Label. Aber in allen People-Magazinen und Fashion-TV-Shows wird es hochgelobt. Heute sind wir auf dem People-Trip. Wenn Gwyneth Paltrow, Cameron Diaz oder Jennifer Aniston eine bestimmte Jeans tragen, steigen die Umsätze. Wir wissen, wie das funktioniert. In den Achtzigern wurde auch unsere Baggy-Jeans dank eines Stars, nämlich Jennifer Beals und ihrem Film „Flashdance“, ein Verkaufsschlager. Warum sucht sich Girbaud dann keinen neuen Star? Weil das dem Kreativprozess im Jeansgeschäft abträglich ist. Die Jeans verkauft sich dann über den Star, nicht über die Innovation. Die meisten Jeans, die heute auf dem Markt sind, gehen auf Formen von 1970 zurück und sind langweilige Five-Pocket-Modelle. Das ist doch kümmerlich – und gefährlich. Gefährlich? Jeffrey und Kym Lubell, die Gründer des Labels True Religion, wissen um diese Problematik. Sie erzählten mir, dass sie vor fünf Jahren mit gerade mal 20 000 Dollar Startkapital angefangen haben. Heute hat das Unternehmen eine Börsenkapitalisierung von 400 Millionen Dollar. Das geht alles auf ein einziges Jeansmodell zurück. Doch heute fragt sich Jeffrey, was die Zukunft bringen wird. Zu Recht. Was halten Sie von Billigjeans von H&M oder Zara? Eine Jeans von H&M oder Zara für 50 Euro ist völlig in Ordnung. Und dass so ein Preis auch bei einem eigenständigen Jeanslabel möglich ist, beweist uns die Marke Cheap Monday. Diese Jeans kostet auch nur 50 Euro, hängt aber zwischen den Designerklamotten bei Colette. Eine Designerjeans kann also auch billig sein? Ja, denn das ist einfach der Preis für eine solche Jeans. Eine Standardjeans mit zwei Röhren für die Beine und einer ziemlich niedrigen Hüfte kostet drei Dollar für den Stoff, sechs für die Konfektion und dann noch ein wenig für eine normale Waschung. Insgesamt sind das vielleicht 20 Euro Kosten. Wenn die im Laden 50 Euro kostet, verdient der Hersteller sogar noch etwas. Was kostet eine Girbaud-Jeans? Mindestens 140 Euro. Wenn man erst einmal anfängt, andere Formen, andere Behandlungen mit dem Stoff zu machen, wird das Ganze natürlich teurer. In den meisten unserer Jeans stecken Monate an Arbeit und Forschung. An was arbeiten Sie gerade? Wir arbeiten schon seit 15 Jahren daran, Jeans umweltverträglich herzustellen. Als Erfinder des Stonewash trage ich Mitverantwortung an der Verschmutzung der Flüsse durch Jeanswaschungen. Mir wurde das leider auch erst in den Achtzigern klar. Aber inzwischen ist es uns gelungen, dank Lasertechnik Jeans ohne einen einzigen Tropfen Wasser herzustellen. Selbst das helle Blau des Stonewash-Effektes kann man heute durch Laser erzeugen. Mein neuestes Projekt geht aber noch weiter: Mittels Nanotechnologie durchforsten wir die Faser. Das ist hochkompliziert, aber märchenhaft hinsichtlich der Möglichkeiten. Wann kommt die nanotechnisch programmierte Jeans? Vielleicht in fünf Jahren. Ich denke schon lange nicht mehr in Modesaisons. Was mich interessiert, ist die Jeans für die Welt von morgen. Und ich bin überzeugt, dass man diese Jeans eines Tages mithilfe von Lichttechniken in Sekundenbruchteilen herstellen wird. Pläne für solche Maschinen gibt es bereits, aber noch keine Fabrik. Vielleicht werde ich den Rest meines Lebens damit zubringen, diese Fabrik zu bauen. Also hat die Jeans eine Zukunft? Wenn es morgen keine Jeans mehr geben würde, wäre das zwar auch nicht weiter schlimm; dann würden wir halt etwas anderes anziehen. Aber würde irgendeine Katastrophe die Welt verwüsten und nur einen Mann und eine Frau verschonen, dann wäre für mich klar: Das erste Kleidungsstück, dass die beiden erfinden würden, wäre eine Jeans. Warum? Im Haute-Couture-Abendkleid oder im Smoking kann man schlecht die Welt wieder aufbauen. In einer bequemen und funktionellen Jeans geht das.

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