Jobmaschine Andrea Urban: Die Erfinderin bei Bosch

Jobmaschine Andrea Urban: Die Erfinderin bei Bosch

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Andrea Urban: "So was passiert einem nur einmal"

Andrea Urban ist keine, die Leute sofort vom Hocker reißt. Ihr Posten des „Senior Expert für Trenchen und Gasphasenätzen“ bei dem Stuttgarter Autozulieferer und Elektrokonzern Bosch trägt ihr höchstens Respekt bei Spezialisten ein. Wenn sie über das „Potenzial kapazitativ detektierender Sensoren“ doziert, schwärmen allenfalls Insider.

Doch eigentlich genügt schon ein einziger Blick auf eine Baustelle, um die Leistung der 40-Jährigen auch Laien begreiflich zu machen: Für rund 200 Millionen Euro zieht Bosch gerade im schwäbischen Reutlingen einen hochsicherheitstraktähnlichen Klotz hoch, wenige Meter von Urbans Büro. Weitere 400 Millionen Euro steckt der Konzern in Super-High-Tech-Anlagen, um in dem erdbebengesicherten Gebäude von November an doppelt so große und daher preiswertere Siliziumscheiben für Mikroprozessoren herzustellen. Rund 800 neue Arbeitsplätze sollen so entstehen.

Das alles passiert zu einem ganz großen Teil, weil die unauffällige, bescheiden wirkende Frau vor gut eineinhalb Jahrzehnten zusammen mit ihrem damaligem Projektleiter Franz Lärmer eine für Bosch epochale Erfindung machte. „So was“, sagt sie bis heute, „passiert einem nur einmal im Leben.“

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Das Einmalige und die Schwäbin stehen für eine Sorte von Erfindern, die unbeirrbar und mit viel Herzblut forschen – und so zum ständigen Quell bahnbrechender Innovationen und immer neuer Arbeitsplätze werden. Auch wenn die rund 1800 zusätzlichen Jobs, die Bosch im vergangenen Jahr in Deutschland schuf, verschiedene Mütter und Väter haben – den Keim für einen beträchtlichen Teil der Stellen legte ganz zweifellos Erfinderin Urban.

Was zu dem Jobwunder entscheidend beitrug, begann 1992 in der Bosch-Konzernzentrale auf der Stuttgarter Schillerhöhe. Als die damals 25-Jährige von der Fachhochschule im schwäbischen Aalen in den dortigen Labors anheuerte, suchten die Forscher gerade verzweifelt nach einem kostengünstigen Verfahren, um winzige Sensoren aus Silizium zu fertigen, dem Stoff, aus dem auch Computerchips sind.

Die frisch gebackene Ingenieurin für Oberflächen- und Werkstofftechnik erwies sich für Bosch als eine Art Sechser im Lotto. Schon nach einem halben Jahr hatte sie zusammen mit ihrem Mentor den gesuchten Bogen raus: Statt wie bisher reines Silizium zu verwenden, um darauf mithilfe eines bestimmten Gases nach einem bestimmten Muster mikroskopisch kleine elektrische Schaltpläne zu ätzen, nahmen die beiden zwei verschiedene Gase zur Hilfe. Die ließen sie sodann im Sekundentakt abwechselnd auf das Material los.

Die Wirkung war frappierend. Kaum hatte sich das eine Gas an der vorgesehenen Stelle in das Silizium eingefressen, festigte das andere schon den noch frischen mikroskopisch kleinen Schacht mit einer Schicht gegen unerwünschte Aushöhlung. Damit war Bosch in der Lage, Silizium mit viel tieferen winzigsten Gräben zu durchziehen, als dies früher möglich war.

Das wiederum macht es möglich, äußerst kostengünstig Sensoren herzustellen, die auch die kleinsten Veränderungen in elektrischen Feldern erfassen können und somit Stöße melden, wie sie zum Beispiel beim Aufprall eines Autos auftreten. Damit war die Basis gelegt für Sensoren mit vielfältigsten Anwendungen – und für abertausende neue Arbeitsplätze. EU-Kommission und Europäisches Patentamt waren dermaßen begeistert, dass sie Urban und ihren Ziehvater Lärmer im April des vergangenen Jahres als „Europäischer Erfinder des Jahres“ auszeichneten.

Sie hätten die unprätentiöse Frau auch zur Jobschafferin Europas küren können. Wie kleine Lawinen rollen dank ihrer Erfindung alle paar Jahre Innovationen aus dem Bosch-Konzern über den Markt – immer auch mit neuen Jobs in Deutschland. Die erste Welle waren die Airbags, die durch die Silizium-Sensoren auch für Otto Normalautofahrer erschwinglich wurden. „Inzwischen kostet ein kleines Sensorelement aus Silizium nur noch wenige Euro-Cent“, sagt Urban.

Die zweite Urban-Welle ergriff Bosch, als 1996 der neue Kleinwagen Smart und ein Jahr später die A-Klasse-Modelle des heutigen Daimler-Konzerns bei Testfahrten nach abrupten Lenkmanövern umkippten. Nur der Einbau des Elektronischen Stabilitätsprogramms (ESP) von Bosch konnten beide Fahrzeuge vor dem wirtschaftlichen Absturz retten. Rund 600 neue Jobs entstanden dadurch – ohne Sensoren vom Typ Urban undenkbar. Heute fahren fast alle Neuautos in Europa mit einem Anti-Schleuderprogramm. Und die Nachfrage nach derartigen Sensoren wird immer größer, ob für Laptops oder noch gar nicht absehbare Einsätze im alltäglichen Bereich.

André Krowas ist einer der neuen Bosch-Mitarbeiter, die davon profitieren. Der 25-Jährige hat in Duisburg Elektrotechnik studiert und im vergangenen Jahr am Rande der Schwäbischen Alb angefangen. Zurzeit stellt er die 300 Produktionsschritte in der bestehenden Fabrik auf die Anlagen im künftigen Werk um. Er hat eine Deutschlandkarte aufgehängt, auf der er und andere Neueinsteiger mit Abbildungen aus Google-Earth ihre Heimatorte markiert haben – von Würselen bei Aachen über Gelsenkirchen bis Berlin.

Krowas kannte Forscherin Urban nicht bei seinem Antritt in Reutlingen. Als sie einen Teil der Grundlagen für seinen Arbeitsplatz legte, war er gerade elf – und besuchte die fünfte Klasse der Otto-Pankok-Schule in seiner Heimatstadt Mülheim an der Ruhr.

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