
Andreas Altstedt ist ein Herumtreiber, ein richtiger Hallodri. Zehn Jobs hat er in nur neun Jahren heruntergerissen. Und das nicht etwa während des Ingenieurstudiums im sächsischen Köthen. Nein, viel später, im Alter zwischen 38 und 46 Jahren, wenn andere Männer längst sesshaft geworden sind. Altstedts rastlose Zeit begann 1998, nach kurzer Arbeitslosigkeit, im ostdeutschen Schkopau. Dort zog er für eine Konstruktionsfirma eine Chemieanlage mit hoch. Gut ein Jahr später wechselte der Sachse zum Essener Bergwerksdienstleister DMT. Für den sanierte er die Fahrstühle in den Minen der neuen Bundesländer. Zwölf Monate danach landete er einige Hundert Kilometer weiter entfernt, bei einem Ingenieurbüro im westdeutschen Marl. So ging das immer weiter: Hier ein Job beim Anlagenkonstrukteur Lurgi wieder in Wittenberg, dort ein Einsatz beim Luft- und Raumfahrtkonzern EADS in Augsburg. Seit Februar vergangenen Jahres arbeitet der 46-Jährige „bei der Dow“ in Stade, wie er sagt, das ist der Standort des US-Chemieriesen Dow in der Nähe von Hamburg. Dort überwacht er den Bau einer Raffinerie – voraussichtlich noch für ein Jahr. „Ich arbeite gern mit neuen Leuten“, sagt Altstedt. „Da bekommt man keine Scheuklappen.“ Und man bleibe aufgeschlossener als nach 30 Jahren bei immer derselben Firma. Er jedenfalls könne sich vorstellen, „bis zur Rente“ so weiterzumachen. Altstedt, ein typischer Jobhüpfer? Keineswegs. Altstedt ist auch kein Hallodri. Seit er 1998 in der einstigen Plaste- und Elaste-Hochburg Schkopau auftauchte, dient er ohne Unterbrechung ein und derselben Firma: der Euro Engineering AG. Die allerdings ist kein normales Unternehmen, sondern eine Leiharbeits- oder Zeitarbeitsfirma. Der Ableger des Weltmarktführers, des Schweizer Adecco-Konzerns, beschäftigt Ingenieure und Techniker und verleiht sie an Unternehmen. Spezialisten wie Euro Engineering oder die Branchenriesen Adecco, Randstad und Manpower sorgen seit gut einem Jahr für einen Wandel in den Unternehmen, den die deutsche Wirtschaft seit der Wiedervereinigung nicht erlebt hat. Noch nie waren hier so viel Leiharbeitskräfte im Einsatz. Rund 600.000 zählte die Bundesagentur für Arbeit Ende Juni 2006 des vergangenen Jahres – ein Rekord. Übers Jahr verteilt verdingten sich schätzungsweise sogar 1,2 Millionen als Leiharbeitskräfte. Das entspricht grob drei Prozent der Erwerbstätigen. Beinahe unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit hat die Leiharbeitsbranche einen heimlichen Siegeszug angetreten. Die deutsche Wirtschaft steht vor einer grundlegenden Zäsur. Um die wachsenden Aufträge zu bewältigen, vermeiden es Unternehmen, das Personal aufzustocken. Und das dauerhaft und nicht mehr wie früher nur zu Beginn eines Konjunkturaufschwungs. Das Geschäft sollen immer mehr Leihkräfte übernehmen, die auf diese Weise zum permanenten Bestandteil der Belegschaft werden. Sollte die Konjunktur einbrechen, werden die Betriebsfremden kurzerhand zurückgeschickt, ohne dass teure Abfindungen fällig werden oder es zu Streit vor Gericht kommt.
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Damit verändert sich auch die Perspektive der Leihkräfte. Bisher betrachteten die meisten von ihnen Adecco und Co. als Sprungbrett zur Festanstellung im Einsatzbetrieb. Diese Chance, im Branchenjargon: „Klebeeffekt“, wird seltener. Aus vorübergehenden werden jahre- und lebenslange Leihkräfte, aus bodenständigen Heimattreuen allzeit bereite Wandergesellen. Den aktuellsten Beleg für diesen Trend liefert die neue Jobumfrage der WirtschaftsWoche, eine in dieser Form einzigartige Erhebung bei rund 2900 Unternehmen in Deutschland. Vor zwei Jahren hatte sich der konjunkturelle Aufschwung noch wie zu erwarten vor allem in neuen Jobs bei den Leiharbeitsfirmen niedergeschlagen. Diese Entwicklung hätte 2006 eigentlich abbrechen müssen, weil die Unternehmen bei anhaltendem Wachstum bisher dazu übergingen, Leute einzustellen. Doch davon war im vergangenen Jahr nur wenig zu spüren. Stattdessen dominierten mehr denn je die Leiharbeitsfirmen die neue Top-100-Liste der erfolgreichsten Arbeitsplatzschaffer: Wie im Vorjahr schuf auch 2006 Randstad die meisten neuen Jobs in Deutschland. Selbst ohne den Bremer Wettbewerber Bindan, den der niederländische Leiharbeitskonzern 2006 übernahm, stellte der hiesige Branchenprimus weitere 13.128 Leute hier ein – ein Plus von einem Viertel. Platz zwei mit 7000 zusätzlichen Stellen belegt Weltmarktführer Adecco, der seine Eingreiftruppen in Deutschland 2006 sogar um mehr als 50 Prozent vergrößerte – ein Rekord unter den Großen der Branche. Durchbrochen wird die Phalanx der Personalverleiher nur von der Schnellimbisskette McDonald’s, die dank neuer Restaurants und Kaffeeshops die Belegschaft um 3000 Mitarbeiter aufstockte. Den zweitgrößten prozentualen Zuwachs in der Branche verbuchte der Nürnberger Personalverleiher I.K. Hofmann mit einem Plus von 2749 Stellen (41 Prozent). Damit verwiesen die Franken den US-Konkurrenten Manpower, der mit 2587 neuen Jobs (plus 15 Prozent) nur unterdurchschnittlich wuchs, vom vierten auf den fünften Platz.













