Johnny Depp im Interview: "Ich begrüße jede Falte wie einen neuen Freund"

Johnny Depp im Interview: "Ich begrüße jede Falte wie einen neuen Freund"

Bild vergrößern

Schauspieler Johnny Depp

Spätestens seit der „Fluch der Karibik“-Trilogie ist er der beliebteste Filmstar der Welt; doch zugleich dürfte er wohl der schüchternste Vertreter seiner Zunft sein.

Spätestens seit der „Fluch der Karibik“-Trilogie ist er der beliebteste Filmstar der Welt; doch zugleich dürfte er wohl der schüchternste Vertreter seiner Zunft sein. Tief eingegraben unter seinem Hut und in mehreren Lagen rissiger Klamotten scheint sich Johnny Depp beim fivetonine-Interview in London am liebsten verstecken zu wollen – seine Fensterglas-Hornbrille und sein Zickenbärtchen entschuldigt er lächelnd als „Tarnung“. Funktioniert nur nicht: Charme und Charisma des 44-Jährigen brechen sich immer Bahn, selbst wenn er noch so leise spricht und ob seiner Popularität eher peinlich berührt wirkt. Keiner Tarnung bedarf dagegen sein privates Glück mit Freundin Vanessa Paradis und zwei Kindern, dank derer er die Zeiten von Exzessen und zertrümmerten Hotelzimmern längst hinter sich gelassen hat. Und auch auf dem Set scheint der Star aus Filmen wie „Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“ (1994), „Donnie Brasco“ (1997) oder „Blow“ (2001) nichts falsch machen zu können. Obwohl er sich in der Hauptrolle des Grusel-Musicals „Sweeney Todd“ ohne jedes Training erstmals als Sänger versucht, erhielt er für seine glänzende Performance jetzt prompt einen Golden Globe als bester Schauspieler.

Wir alle haben unsere persönlichen Dämonen. Aber man muss ihnen ins Gesicht springen, ihnen auf der Zunge tanzen und ihnen beide Mittelfinger zeigen. Nur wenn man akzeptiert, dass es kein Leben ohne Ängste gibt, wird man mit diesen Ängsten wirklich fertig. Den Begriff „ernsthafter Schauspieler“ halte ich für einen Widerspruch in sich. Letztlich muss ich vor der Kamera immer schwindeln wie ein kleines Kind, um erfolgreich meine Brötchen zu verdienen. Mich interessiert nur Klatsch aus jenen Gazetten, die in den USA an allen Supermarktkassen liegen, mit Schlagzeilen wie „Frau platzt BH – elf Verletzte“. Alles andere finde ich grotesk. Leuten, die sich zwanghaft fürs Privatleben von Stars interessieren, rate ich zu neuen Hobbys: Masturbation zum Beispiel. Serge Gainsbourg sagte mal: „Ich mag ja hässlich sein – aber wenigstens ist darauf länger Verlass als auf Schönheit.“ Recht hatte er! Äußere Eindrücke werden schrecklich überschätzt. Aber zum Glück verwelken Gesichter. Ich begrüße jede Falte wie einen neuen Freund und liebe das Altern. Wo ich mich in 20 Jahren sehe? Auf einer Veranda mit Seeblick, mit einem fetten Bierbauch, umgeben von Kindern und Enkeln.  Die einzigen Geschöpfe, die einem bedingungslose und pure Liebe schenken können, sind Säuglinge oder sehr kleine Kinder. Und natürlich Hunde.  Obwohl ich mich in meinem Leben keine Sekunde wie ein Insider fühlte, hat es mich immer gestört, als Außenseiter bezeichnet zu werden. Solche Etiketten sind wie Preisschilder. Dabei hat meine gesamte Arbeit nur einen Sinn: zu zeigen, dass es in Ordnung ist, anders zu sein und niemanden zu verurteilen, nur weil er anders spricht oder aussieht. Wenn ich es mir recht überlege, war alles, was ich vor dem 27. Mai 1999 getan habe, im Grunde nur Vorspiel, eine Art Illusion. Erst die Geburt meiner Tochter an diesem Tag hat mir wirklich mein Leben geschenkt.

Anzeige

Natürlich rede ich gern mit Fans. Sie sind meine Chefs, ich bin ihr Angestellter. Ohne sie wäre ich arbeitslos. Wenn ich nicht gerade Interviews gebe, ziehe ich es vor, den Mund zu halten. All das Gequatsche auf allen Kanälen lenkt uns nur vom Wesentlichen ab. Auch im Kino wünsche ich mir zuweilen Stummfilme zurück, um unsere verkümmerte Vorstellungskraft zu retten.  Schon lange bevor ich den Piraten spielte, beschloss ich, es den Seeleuten nachzutun und meinen Körper wie das Tagebuch meines Lebens zu behandeln, auf dem ich einschneidende Erfahrungen mit Tätowierungen festhalte. Ob mit dem Messer oder bei einem professionellen Tattoo-Künstler – die Erinnerungen werden damit unauslöschlich. In Frankreich lebe ich so weit weg vom Filmgeschäft, dass ich nie eine Ahnung habe, wer gerade angesagt ist. Diese Ignoranz hilft enorm dabei, meine Filme aus dem Bauch heraus zu wählen und mir selbst treu zu bleiben. Von meinen Gagen kaufe ich mir keinen Luxus, sondern immer wieder ein Stück Privatsphäre. Hätte ich keine Rückzugsgebiete, ich würde wahnsinnig. Erfolg kommt eher zufällig. Als ich die Dreharbeiten zu „Fluch der Karibik“ begann, wollten mich die Disney-Leute nach ein paar Tagen feuern, weil sie so einen Piraten noch nie gesehen hatten. Und heute? Muss ich im Bewusstsein leben, dass meine lebensgroße Figur eine Disneyland-Attraktion ist. Ich fürchte mich vor Clowns, vor Karaoke-Bühnen und davor, mich selbst im Kino sehen zu müssen. Aber am meisten graut mir vor Menschen, die allzeit superernst sind und sich nicht mehr kindlich freuen können. Diese Typen sind wahrscheinlich verrückter als jede einzelne meiner Filmfiguren.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%