Joschka Fischer: Dick im Geschäft

Joschka Fischer: Dick im Geschäft

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Der ehemalige Bundesaussenminister Joschka Fischer vor Beginn einer Pressekonferenz der Rewe-Gruppe in Mainz

von Andreas Wildhagen

Der ehemalige Straßenkämpfer, grüne Außenminister und Vizekanzler Joschka Fischer hat sein früheres Leben abgestreift. Als Mehrheitsgesellschafter der Berliner Beratungsfirma JF&C steht er nun im Unternehmerlager und macht Millionen mit Siemens, RWE, BMW und Rewe. Dabei hilft ihm ein Netzwerk rund um den Globus.

Irgendwann ist es dann doch so weit. Joschka Fischer, 62, Bundesaußenminister a.D., will persönlich mit der WirtschaftsWoche sprechen. Ein Elder Statesman wie er gibt nicht eben mal ein Interview, schon gar nicht unter vier Augen.

Der Ort des Ereignisses misst 210 Quadratmeter und ist eine Büroetage im zweiten Stock der Berliner Markgrafenstraße, direkt am Gendarmenmarkt. Das Gebäude in prominenter Lage beherbergt viele Mieter, zum Beispiel die Burn-out-Beratung eines „Theodor-Fliedner-Psychologie-Instituts“, aber auch die Firma Joschka Fischer Consulting, kurz: JF&C.

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Der Herr über das Etablissement mit dem kryptischen Kürzel wirkt etwas abgehetzt heute, vom Berliner Straßenverkehr. Er hatte sich für 11 Uhr angekündigt an diesem spätwinterlichen Montag. Früher habe er nicht gekonnt, sagt er. Als er eintrifft, ist es 11.20 Uhr. Er scheucht eine seiner Mitarbeiterinnen, die gerade einen Kaffee trinkt, aus der Sitzecke seines großzügigen Büros mit Blick auf Deutschen und Französischen Dom, schimpft, nörgelt, grummelt, schimpft.

Pensionär mit Adressbuch

Irgendwann fängt sich der Verspätete dann aber doch. Er sagt, „Sorry, ich saß im Stau“, lässt sich in seine Sofaecke plumpsen – und wird endlich, wie er wirken will: die Beine weit von sich gestreckt, das karierte Hemd am Kragen weit offen, bemüht freundlich und bemüht jovial, wie Menschen höheren Rangs sich gegenüber Subalternen eben gern leutselig geben.

Der hier spricht, ist ein Mann, der durch viele Ämter und Rollen gehärtet, abgeklärt und gelegentlich auch entrückt ist. Er war schon viel: Fotografenlehrling ohne Abschluss, Teilzeitstudent, Buchhändler, Straßenkämpfer, Wahlkampflokomotive der Grünen, hessischer Umweltminister vereidigt in Turnschuhen, Bundestagsabgeordneter, Bundesaußenminister, Vizekanzler, das Amt des europäischen Außenministers blieb ihm am Ende verwehrt.

Nun ist er Unternehmer in Berlin mit acht Angestellten. Unternehmensberater, nennt er sich, einer, der mit den Konzernchefs dieser Welt parliert, als ob er selber einer wäre. Die Beratung von Großunternehmen auf dem Feld der „Nachhaltigkeit“ sei der Geschäftszweck seiner Firma, erklärt er. „Nachhaltigkeit“, das muss ihm keiner sagen, kommt aus der Ökobewegung und bedeutet eine Form des Wirtschaftens, die sich langfristig nicht ihrer eigenen Grundlagen beraubt – nicht der Umwelt, nicht der Mitarbeiter, nicht der Kunden, nicht der Ressourcen.

Politnetzwerker mit prallem Adress- und Telefonbuch

Das klingt gut, immer und überall, und ist wie geschaffen für einen, der in seinem Leben so viele politische und ideologische Volten schlug – und endlich irgendwo ankommen will. Da hilft der inzwischen oft zur Bedeutungslosigkeit entleerte Begriff hervorragend, sich mit mehr Politur zu präsentieren als manch anderer Ex-Politiker. Fischer will mehr hermachen als simple Politnetzwerker mit prallem Adress- und Telefonbuch. „Nachhaltigkeit“ übertüncht optimal, dass auch er eigentlich nur Drähte zieht, Türen öffnet und Termine auf höchsten Ebenen eintütet.

Es gibt Politpensionäre, die als Berater schon froh sind, gelegentlich eine Sparkasse, ein Stadtwerk oder eine Stiftung als Redner zu beehren. Bei Fischer sieht die Kundenliste anders aus. Siemens, BMW, der Energiekonzern RWE und die Supermarktkette Rewe haben ihn auf ihrer Pay Roll. Bis vor wenigen Jahren standen solche Adressen noch für Nachhaltigkeit wie der Vatikan für den Zölibat: RWE, der Braunkohleverstromer, CO2-Luftverpester und Atomkraftwerk-Riese; Siemens, über Jahre eines der korruptesten deutschen Unternehmen; BMW, bis vor Kurzem noch Synonym für PS ohne Grenzen.

Heute sieht der einstige Obergrüne in solchen Adressen in erster Linie zahlungskräftige Kunden. Was er ihnen bieten kann, hat er als Geschäftszweck seiner Firma unter Nr. HRB 120879 B ins Berliner Handelsregister eintragen lassen: Die „Erbringung von Beratungsleistungen mit den Schwerpunkten strategischer Beratung zur Flankierung unternehmerischer und politischer Entscheidungsprozesse, PR- und Imageberatung“.

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71 Kommentare zu Joschka Fischer: Dick im Geschäft

  • Am beispiel Schröder, Fischer, Albright usw. usw. usw. sehen wir, wie Politik funktioniert.
    Leider läuft es überall so, der Wähler hat keine Alternativen.

    Der Karrierist Joschka, einst vom Spiegel-Augstein hochgejubelt und wieder fallengelassen, ist zweifellos eines der eklatantesten beispiele für die Unglaubwürdigkeit der Politik.
    Sicher wird er als größtes politisches Chamäleon in die Geschichte der politischen Wissenschaften eingehen.
    Solange der Wähler sich von solchen Rosstäuschern an der Nase herumführen lässt und sie auch noch wählt, bleibt alles beim alten.

  • Dazu das passende buch:

    Operation Rot Grün
    von Matthias Geier und mit Mitautoren.

    Es liefert die notwendigen Hintergründe und Zusammenhänge.

  • das sind die perfekten 68er Wendehälse. Schon während meines Studiums habe ich solche Personen ohne Moral kennengelernt. Ein Mitstudent hat mir das ganz klar erläutert. Heute wähle ich die Roten und wenn ich Karriere mache wähle und vertrete natürlich eine Meinung die mich weiter bringt. Also sitzen heute in den Spitzenpositionen der Unternehmen auch Menschen die einem Fischer diese Aufträge zuschustern und evtl. die Hand aufhalten. Sonst wäre das nicht möglich.

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