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JP Morgan Chase: Der letzte Held der US-Banken

von Andreas Henry (New York)

Jamie Dimon ist der einzige verbliebene Superstar unter den US-Bankern. Wie der CEO von JP Morgan Chase, als bisher einziger Chef einer US-Großbank unbeschädigt durch die Finanzkrise gekommen ist.

Jamie Dimon, CEO von JP Morgan Quelle: AP
Jamie Dimon, CEO von JP Morgan Chase, ist bisher ungeschädigt durch die Finanzkrise gekommen Quelle: AP

Wenn Jamie Dimon nach seinem wichtigsten Management-Werkzeug gefragt wird, greift er zur Brusttasche seines Hemdes und zieht ein mehrfach gefaltetes, oft zerknittertes Blatt Papier hervor – „seine Liste“, wie es bei seinen Mitarbeitern fast andächtig heißt. „Die trage ich immer bei mir“, sagt Dimon, der die nach Börsenwert größte US-Bank JP Morgan Chase seit Ende 2005 leitet. Es ist seine voll gekritzelte Follow-up-Liste, praktisch unleserlich für jeden anderen, „mit Sachen, die mir jemand schuldet oder die ich jemandem schulde. Wenn wir ein Meeting haben, dann schreibe ich sie mir auf, und ein paar Tage später rufe ich dann an“.

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Meist sind die offenen Punkte dann erledigt oder zumindest gibt es einen Zwischenstand. Denn jeder Mitarbeiter, der bei Besprechungen mit Dimon am Tisch sitzt, kennt die Liste und verfolgt, wann sich der Chef Notizen macht. Jeder möchte gut präpariert sein, wenn Jamies Anruf kommt. Und niemand möchte allzu lange als unerledigte Schuld auf der Liste stehen – das könnte der Karriere schaden.

Der 53-jährige Dimon ist der letzte verbliebene Superstar der US-Banker, die sich ansonsten kollektiv die Wunden der Finanzkrise lecken. Ken Lewis von der Bank of America kämpft nach den umstrittenen Übernahmen des vor der Pleite stehenden Hypothekenfinanzierers Countrywide und der angeschlagenen Investmentbank Merrill Lynch um seinen Chefposten. Die Citigroup mit dem glücklosen Vikram Pandit als Chef ist fast verstaatlicht.

Auch bei John Mack von Morgan Stanley und Lloyd Blankfein von Goldman Sachs ist der Lack ab: Die Wall-Street-Ikonen mussten sich, von Spekulanten bedroht, von ihrem Sonderstatus als Investmentbank verabschieden und unter den Schutz flüchten, den eine stinknormale Bankholding bietet.

Dimon erhält öffentliches Lob von Obama

Statt um Staatshilfe betteln zu müssen, wurde Dimon dagegen zur wichtigen Anlaufstation für vom Finanzministerium und der Notenbank inszenierte Rettungsaktionen – vor allem beim Kollaps von Bear Stearns. Das brachte ihm sogar öffentliches Lob von US-Präsident Barack Obama ein, der ihm attestierte, einen „ziemlich guten Job beim Managen eines enormen Portfolios“ zu machen. JP Morgan Chase ist mit 140 Milliarden Dollar Börsenwert zur größten US-Bank aufgestiegen, die Bank erzielte selbst im Krisenjahr 2008 noch rund 5,6 Milliarden Dollar Nettogewinn.

Vor allem bei der Citigroup befällt einige lang gediente Mitarbeiter deshalb Wehmut, wenn sie an Dimon zurückdenken. Knapp 17 Jahre lang hatte der Harvard-Absolvent für seinen Mentor Sandy Weill gearbeitet, den legendären Macher, der durch zahlreiche Übernahmen und Fusionen die zu Beginn dieses Jahrtausends größte Bank der Welt geformt hatte. Zuletzt leitete Dimon in der Citigroup das wichtige Broker- und Vermögensverwaltungsgeschäft.

Doch dann feuerte Weill seinen Ziehsohn im November 1998. Zuvor hatte es auf einer Abendveranstaltung für die Führungskräfte bei reichlich Alkohol offenbar Handgreiflichkeiten zwischen Dimon und einem internen Rivalen gegeben – so erinnert sich zumindest Weill. „Ein Schock“ sei der Rauswurf für ihn gewesen, gab Dimon später zu.

Bei Citigroup erst gefeuert, später vermisst

Über die wahren Gründe für den Rauswurf spekulierte die ganze Wall Street: Weill und Dimon hätten sich auseinandergelebt. Es hätte zwischen den beiden Streit um die Beförderung von Weills Tochter innerhalb der Bank gegeben. Der eitle Weill hätte es nicht verknusen können, dass ihm der junge Shootingstar, der bereits offen als sein Nachfolger gehandelt wurde, mehr und mehr die Schau gestohlen habe.

Stattdessen machte Weill 2003 den im Hardcore-Bankgeschäft eher rudimentär erfahrenen Juristen Chuck Prince zum Nachfolger. Prince rechtfertigte nach den ersten Milliardenverlusten die Exzesse auf den Kredit- und Derivatemärkten, bei denen die Citigroup unter seiner Führung kräftig mitgemischt hatte, man habe „mittanzen müssen, solange die Musik spielt“. 2007 musste Prince gehen, sein Nachfolger Pandit beweist kaum mehr Fortune. Größte Bank der Welt – das war einmal, Weills Imperium steht vor der Zerschlagung.

Mit Dimon an der Spitze wäre das nicht passiert, sagen Citigroup-Veteranen. Der Enkel eines griechischen Immigranten und Sohn eines Aktienhändlers, der in Jackson Heights im New Yorker Stadtteil Queens aufwuchs, habe eine andere Auffassung von Risikomanagement. Als konservativ bezeichnet er sich selbst, eine „Bilanz wie eine Festung“ erklärt er immer wieder als vorrangiges Ziel. Bei JP Morgan Chase ließen die Händler weitgehend die Finger von komplexen Finanzinnovationen wie den mit minderwertigen Hypothekendarlehen vollgestopften Collateralized Debt Obligationen (CDO), die sich heute das Attribut toxisch mehr als verdient haben und die etwa Merrill Lynch das Genick brachen.

4 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 02.06.2009, 13:22 UhrAnonymer Benutzer: Marco

    Es läuft z.Z. eine Untersuchung von der Division of Enforcement der Commodities Futures Trading Commission bezüglich einer möglichen Manipulation des Silberpreises.

    JP Morgan hat im letzten Jahr zeitweise das 20% der weltweite Silberproduktion (und 15% der Weltproduktion von Gold) short verkauft.

    "On December 2, as silver closed at $9.57, exactly 2 U.S. banks held a net short positioning of 24,555 contracts. The CFTC reports that as of the same date all traders classed as commercial held a net short positioning of 24,894 contracts. So, the 2 U.S. banks, with one particular Fed member bank probably holding almost all of it, held a sickening 98.64% of all the collective commercial net short positioning on the COMEX silver futures market."
    (http://www.resourceinvestor.com/News/2008/12/Pages/-On-the-fly--Gold-And-Silver-COT-information.aspx)

    Zwischen dem 6. Januar und dem 3. Februar wurden ALLE Short-Verkäufe von Silber innerhalb der Kategorie der Commercials nur durch JP Morgan getätigt.
    (http://www.investmentrarities.com/02-16-09.html)

    Nach informationen der bankenaufsichtsbehörde (Office of the Comptroller of Currency), einer Abteilung des US Finazministeriums, kontrolliert JP Morgan 96 Mrd Dollar(71,11%) der 135 Mrd Dollar schweren Golddrerivatkontrakte(einschliesslich Termingeschäften und Optionen), die unter der Kontrolle der Finanzinstitute stehen. Die HSbC bank USA kontrolliert 34,4 Mrd Dollar (25,48%). Mit anderen Worten, nur 2 Player kontrollieren fast alle Goldderivatkontrakte der gesamten Vereinigten Staaten.

    JP Morgan hat riesige Summen eingefahren, indem sie den Preis der Edelmetalle kontrolliert und gleichzeitig der weltweit größte Verkäufer von Gold- und Silberderivaten ist.
    (http://www.gata.org/files/PiRATES-OF-THE-COMEX.pdf)

    Und die Wirtschaftswoche nennt Dimon ein Held...

  • 28.05.2009, 13:42 UhrAnonymer Benutzer: Diamondsareforever

    Der Artikel ist oberflächlich - JP Morgan war ja gerade Pionier im bereich der Debt Securitization und das ganze anfangs ziemlich radikal verfolgt. David Li hat sogar für JP gearbeitet! Die bank war ein innovations Powerhaus bis das Management sich irgendwann gegen die Debt Geschäfte entschied - gegen große Widerstände.

  • 28.05.2009, 00:13 UhrAnonymer Benutzer: Natürlich

    Vielleicht stehen ja auch die Aktionäre der Wamu auf seinem kleinen Zettel...

    Klar, dass er zum Held erklärt wird. Dann wird es schwerer ihn schlecht aussehen zu lassen und seine Machenschaften mit der FDiC

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