
An den Kinos fallen die Fans am roten Teppich in kollektive Raserei, wenn Hollywoods größter Frauenschwarm Brad Pitt vorfährt, eine Filmdiva wie Penelope Cruz oder der indische Superstar Aishwarya Rai in das Blitzlichtgewitter der Fotografen lächeln oder Kultregisseur Quentin Tarantino bedrohlich aus seinem Quadratschädel blickt. Im Majestic, dem ersten Hotel am Platze, sind alle Zimmer bis hinauf zur 36.000 Euro pro Nacht teuren Grand Suite seit Monaten ausgebucht. Und draußen an der Marina gibt es keinen Platz mehr für Yachten ab 30 Meter Länge.
Zum Auftakt der 62. Filmfestspiele am vergangenen Mittwoch im südfranzösischen Cannes ist auf den ersten Blick alles gewohnt glanzvoll beim wichtigsten Branchentreff der Kinoindustrie in Europa. Die Stars strahlten, die Modemacher und Starfriseure waren im Dauerstress, und in vielen Hotels feiern die Medienmanager den erfolgreichsten Start aller Zeiten in ein Filmjahr. Nahm die Glamourbranche 2008 weltweit gut 30 Milliarden Dollar an den Kinokassen ein, soll es 2009 weiter boomen.
„Die Kinos im wichtigsten Filmmarkt USA werden wohl erstmals zehn Milliarden Dollar umsetzen“, prognostiziert Paul Dergarabedian vom Marktforschungsunternehmen Media By Numbers aus Encino in Kalifornien. Denn nach „Star Trek“, der gerade auch in Deutschland gestartet ist, folgen Knüller wie der fünfte Film um Jungmagier Harry Potter, die vierte Folge der „Terminator“-Actionserie und „Ice Age 3“ in plastischer 3-D-Animation.
Doch in Wahrheit ist das alles nur Kulisse. Unter dem roten Teppich bröckeln die Fundamente der Traumbranche. Auf vielen Partys in Cannes ist der Champagner gestrichen, viele Starherbergen wie das Hotel Du Cap in Antibes haben erstmals zur Festivalzeit Zimmer frei. „Die Filmindustrie steht vor der größten Herausforderung ihrer gut 100-jährigen Geschichte“, sagt Frank Mackenroth, Medienexperte der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers.
Raubkopien sind größtes Problem
Dafür sorgt ein beinahe perfekter Sturm, der die Illusionsindustrie von gleich drei Seiten in die Mangel nimmt. Vor allem die wachsende Zahl von Raubkopien drückt auf die Einnahmen, weil immer mehr Kunden ihre Samstagabendunterhaltung illegal aus dem Internet laden statt DVDs zu kaufen. Neue Technologien wie digitale Projektoren für dreidimensionale Kinobilder sorgen für steigende Kosten. Und zuguterletzt stockt in der aktuellen Krise mangels Finanzierung der Nachschub an neuen Kassenknüllern sowie Produktionen für neue Kundengruppen, der die Branche in den vergangenen Jahren den größten Teil ihres Wachstums verdankte.
„Nur wenn sich die Branche neu erfindet, kommt sie wieder in die Nähe früherer Erfolge“, sagt Klaus Goldhammer, Chef der Berliner Beratung Goldmedia. „Andernfalls überrollt sie ein ähnlicher Tsunami wie zuvor die Musikindustrie.“ Die Plattenfirmen haben dank einer verfehlten Strategie gegen illegale Downloads aus dem Internet fast 40 Prozent ihres Umsatzes verloren. Der Albtraum der ganzen Branche ist China – dort zahlt fast kein Kunde überhaupt noch für CDs, weil selbst Marktführer Google dort Musik kostenlos anbietet.
Das größte Problem sind derzeit illegale Filmpiraten. Denn auch wenn die Illusionsmaschine Kino in der aktuellen Krise boomt – das meiste Geld verdienen die Filmemacher mit DVDs und Fernsehrechten. Sie sorgen für drei Viertel der Erlöse eines Blockbuster genannten Top-Films. Organisierte Raubkopierer kommen diesem Geschäft empfindlich in die Quere. Boten sie früher ihre schwarzgebrannten DVDs nur verschämt auf Trödel- oder Nachtmärkten an, steht nun das flimmernde Diebesgut kostenlos im Internet und ist dort leicht zu finden. „Die nehmen uns ein Viertel der Kunden“, klagt Jörg Weinrich, Geschäftsführer des Videothekenverbands IVD und Inhaber mehrerer Videotheken. Diese Lücke kann auch das Geschäft mit den BluRay genannten hochauflösenden DVDs derzeit nicht schließen.









