Kino: Lies keine Drehbücher!

Kino: Lies keine Drehbücher!

Bild vergrößern

Schauspieler Dustin Hoffman, und seine Frau Gottsegen

Dustin Hoffman über Karriere-Blockaden und sein Interesse an Saddam Hussein.

Eines werde ich meiner Frau nie vergeben: Sie hat zu lange geschwiegen. Es gab nämlich mal eine Zeit, da machte ich unverzeihliche Fehler. Ich lehnte es ab, mit Regisseuren wie Ingmar Bergman und Federico Fellini zu drehen. Dabei steht dessen Klassiker Achteinhalb auf der Liste meiner Lieblingsfilme ganz weit oben.

Warum erteilte ich diesen Giganten eine Absage? Weil ich falsche Kriterien hatte. Bekam ich ein Angebot, stellte ich unzählige Fragen: „Ist das Drehbuch gut? Und die Rolle auch? Wie sieht es mit meinen Co-Darstellern aus?“ Ich blockierte mich mit solchen Zweifeln, bis – in den Neunzigerjahren – der Punkt kam, an dem ich keine interessanten Angebote mehr erhielt. Ich verbrachte meine Zeit zu Hause, lief – das hatte ich nie zuvor getan – in einer Strickjacke herum. Und versuchte selbst, etwas zu schreiben. Bis meine Frau sagte: „Zieh diese Jacke aus und geh zurück an die Arbeit.“ Ich fragte: „Wie soll ich das tun?“ Und sie sagte: „Wähl deine Projekte anders aus. Such dir Regisseure, bei denen du großartige kreative Zusammenarbeit erwartest – mehr nicht. Lies nicht mal die Drehbücher.“ So half sie mir, nach 33 Jahren, die größte Sünde meiner Karriere wiedergutzumachen.

Anzeige

Filme wie damals kann ich sowieso nicht mehr drehen. Als ich 1967 meine Kinolaufbahn mit „Die Reifeprüfung’“ begann, wollten Hollywoods Studios einfach nur gute Sachen machen. Sie waren schon zufrieden, wenn sie ihr Geld zurückbekamen. Heute dagegen suchen sie nach dem absoluten Volltreffer, dem Blockbuster – alles wird aufs i-Tüpfelchen kalkuliert. Und wenn ein Film am Freitag startet, können sie am Ende der letzten Vorstellung schon hochrechnen, wie viel er am Ende seiner Laufzeit eingespielt haben wird. Kaum ein Streifen bekommt noch die Chance, allmählich sein Publikum zu finden. Hollywood betreibt somit regelrechte Euthanasie. Deshalb ist es wie ein Wunder, dass ein Film wie Little Miss Sunshine zu so einem Erfolg wird. Den halte ich für einen der besten amerikanischen Filme der vergangenen Jahre. Aber der war ja auch kein normales Studioprojekt, sondern wurde unabhängig produziert. Und genau das ist der Sektor des Kinos, der für mich interessant geworden ist. Gerade weil diese Produzenten nicht auf Gedeih und Verderb versuchen, das größtmögliche Publikum zu erreichen. Es ist ja kein Zufall, dass das unabhängige Kino in den vergangenen Jahren die meisten Oscars eingeheimst hat.

Und hier habe ich eine ganze Reihe aufregender junger Regisseure getroffen: Marc Forster, für den ich eine kleine Rolle in „Wenn Träume fliegen lernen“ gespielt habe, oder Brad Silberling, mit dem ich „Moonlight Mile“ drehte. Und Tom Tykwer. Den habe ich nicht erst kennengelernt, als wir „Das Parfüm“ zusammen machten. Ich war schon von Lola rennt begeistert, und so rief ich ihn einfach an. Wir waren schon Freunde am Telefon geworden, als er mir erzählte, dass er Patrick Süskinds Roman adaptieren wollte. Beim Dreh harmonierten wir gut – er ist minutiös in seinen Vorbereitungen, hat aber auch einen großen Respekt vor den Ideen seiner Schauspieler.

"Dieser Mann war ein Tier"

Das deutsche Kino hat aber nicht nur Filme wie die von Tykwer, sondern auch eine der großartigsten schauspielerischen Leistungen der vergangenen Jahre hervorgebracht. Ein Schauspieler darf gegenüber seiner Figur keine herablassende Haltung einnehmen, sondern muss sie wahrhaftig gestalten. Geradezu idealtypisch ist das Bruno Ganz in Der Untergang gelungen. Er hat Hitler ohne Wertung interpretiert, zeigte sein Charisma, seinen Populismus, seine Intelligenz. Die meisten Schauspieler würden sagen: „Dieser Mann war ein Tier.“ Aber auch Hitler war ein menschliches Wesen. Das hat Ganz verstanden. Und gerade deshalb ist sein Porträt umso furchteinflößender.

Vor ein paar Jahren hätte ich diese Rolle selbst gern gespielt. Aber ich muss der Tatsache ins Auge sehen, dass ich eher für Hitlers Vater geeignet wäre. Aber ich habe noch immer den Wunsch, einen Bösewicht zu spielen. Sich in eine verachtungswürdige Kreatur zu versetzen und sie realistisch-menschlich zu zeigen ist eine der größten Herausforderungen meines Berufes. Denn du musst dabei immer deine eigene Person einbringen. In jeder Figur stecke ich – selbst in einem Massenmörder. Das ist nicht unbedingt leicht. Am Ende eines Arbeitstages bist du völlig ausgepumpt, trotzdem spürst du reine Freude. Und weil meine Frau in letzter Sekunde ein Warnsignal losgelassen hat, bekomme ich weiter die Gelegenheit, das zu spüren. Vielleicht kann ich ja doch noch einen Schurken spielen – zum Beispiel Saddam Hussein.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%