Kino: Oscar-Preisträger Danny Boyle fordert mehr Kreativität

Kino: Oscar-Preisträger Danny Boyle fordert mehr Kreativität

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Szenenbild Tropic Thunder

Der Oscar-Preisträger Danny Boyle plädiert für mehr Kreativität. Und lobt dabei Filme wie Tropic Thunder oder Auch Apocalypse Now.

Was ist der Film des Jahres 2008? Für die Academy of Motion Pictures Arts and Sciences heißt die Antwort „Slumdog Millionär“. Doch für mich als Regisseur lautet sie anders: So finster ist die Nacht. Ein schwedischer Film über die Freundschaft eines 12-jährigen Jungen zu einem Vampirmädchen. Außerhalb seines Heimatlandes wurde er allerdings nur von einem kleinen Publikum gesehen. Ich versuchte deshalb, den englischen Verleiher zu überzeugen, eine Synchronfassung erstellen zu lassen; das würde dem Streifen mehr Zuschauer erschließen. Denn mit seinem Inszenierungsstil lässt er sich problemlos synchronisieren. Doch wenn ich noch mehr davon erzähle, dann verderbe ich allen die Überraschung und das Vergnügen. Deshalb lasse ich es bei dieser Empfehlung bewenden.

Manche mögen sich vielleicht fragen, warum für mich ausgerechnet ein Film mit Horrorelementen alles andere übertrifft. Aber mein Geschmack ist nun einmal verrückt, er kennt keine Grenzen. Und das ist gut so. Denn unter den Kreativen unserer Branche gibt es ein Problem: Sie nehmen sich und das, was sie machen, ein wenig zu ernst. Sie glauben, sie seien das Zentrum der Welt, aber das ist eine Illusion. Denn das breite Publikum mag etwas anderes: Es arbeitet die Woche über hart, und dann will es sich gemütlich zurücklehnen und unterhalten werden. Deshalb liebte ich auch Tropic Thunder, diese herrlich durchgeknallte Parodie auf das Hollywoodsystem und den Vietnamfilm. Auch so etwas hat seine Berechtigung.

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"Genauso notwendig ist der Mut zu dicken Pinselstrichen."

Genauso notwendig ist der Mut zu dicken Pinselstrichen. Im westlichen Kino finden wir sie in der Regel nur in den großen Blockbustern, den Superhelden-Abenteuern. Sonst aber neigen Filmemacher zu den Dramen des Alltags – voll schöner kleiner Details, aber ohne die überlebensgroßen Momente. Letztlich liegt in diesen beiden Aspekten das Dilemma des heutigen Filmemachers. Einerseits möchte er von der Kritik für seine künstlerischen Ansprüche gefeiert werden, andererseits sucht er den Erfolg beim Zuschauer. Für mich gibt es einen Regisseur, dem dies beispielhaft gelungen ist.

Danny Boyle Quelle: AP

Danny Boyle

Bild: AP

Das ist Nicolas Roeg, der in einem Zeitraum von rund zwölf Jahren sechs eigenwillige und zutiefst individualistische Filme schuf, die aber gleichzeitig publikumswirksam sind. Das sind die Gangstergeschichte Performance, das australische Abenteuer Walkabout, der Mystery-Thriller Wenn die Gondeln Trauer tragen und der Science-Fiction-Film Der Mann, der vom Himmel fiel. Seine Serie endete mit Eureka, in dem Gene Hackman als vereinsamter Milliardär eine der besten Leistungen seiner Karriere gibt.

Obwohl Roeg nie selbst die Drehbücher schrieb, lassen sich seine Filme sofort identifizieren. Schon nach Sekunden können Sie sagen: „Der stammt von Nicolas Roeg.“ Denn er hat eine hoch komplizierte Schnitttechnik. Aber dabei behält er stets sein Publikum im Auge. So setzte er Popstars wie Mick Jagger oder Art Garfunkel ein, um seine Filme im Mainstream zu verankern. Gerade mit dieser Kombination hat er mich stärker beeinflusst als jeder andere Regisseur.

Allerdings – den wichtigsten Film meines Lebens hat er nicht geschaffen. Dieser ist so einzigartig, dass er alles andere überstrahlt – nämlich Apocalypse Now, der größte Actionfilm aller Zeiten. Normalerweise sagt man von Klassikern: „Nach der ganzen Zeit haben sie sich gut gehalten.“ Ich habe diesen Satz selbst einmal über Ridley Scotts „Alien“ geschrieben. Aber bei „Apocalypse Now“ fällt niemand so ein Urteil ein. Noch immer sehe ich mit Staunen zu, welche Sequenzen sich da vor meinen Augen abspielen. Heutzutage ist die Technologie viel weiter entwickelt, und trotzdem sind die Actionszenen immer noch unübertroffen. Gleichzeitig ist auch der Handlungsaufbau für das Actiongenre vorbildlich. Der Film erzählt von einer Reise, also wird die ganze Handlung von dieser Dynamik angetrieben. Und wenn die Geschichte zwischendurch innehält, geschieht immer etwas Bizarres oder Entsetzliches.

Damit will ich freilich nicht sagen, dass der Film perfekt ist. Im Gegenteil, das Ganze ist phasenweise chaotisch. Man hat das Gefühl, das Werk eines wahnsinnigen Poeten zu sehen. Aber das nimmt „Apocalypse Now“ nichts von seiner künstlerischen Wirkung, im Gegenteil. Und die beruht nicht zuletzt darauf, dass Francis Ford Coppola den Widerspruch zwischen Kunst und Kommerz idealtypisch auflöst. Sollte ich einmal auf eine einsame Insel ziehen müssen, dann würde ich kein Paket von Filmen mitnehmen, sondern nur diesen.

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