Kino: Woody Allen über seine Sehnsucht nach früher

Kino: Woody Allen über seine Sehnsucht nach früher

Bild vergrößern

Woody Allen, 73, zählt zu den produktivsten amerikanischen Filmemachern. Nachdem er als Komödiendarsteller begann, feierte er 1969 mit "Woody der Unglücksrabe" sein Regiedebüt. Zu den erfolgreichsten Werken des dreifachen Oscar-Preisträgers zählen "Der Stadtneurotiker" und "Hannah und ihre Schwestern". Derzeit läuft seine Tragikomödie "Vicky Cristina Barcelona".

Regisseur und Pessimist Woody Allen erkennt an: Das Leben kann auch schön sein.

Ich bin ein Zeitreisender. Ich gebe es ganz offen zu: Vergangene Jahrzehnte bereiten mir viel mehr Vergnügen als die Gegenwart. Deshalb liebe ich es, in meinen Filmen in die Zwanziger, Vierziger, Fünfziger zurückzukehren, auch wenn sich den Produzenten und Verleihern die Haare sträuben. Denn historische Geschichten kosten natürlich mehr – und angeblich will niemand sie sehen. Aber ich kann auch die Filme anderer Regisseure nutzen, um meiner Sehnsucht nach früher zu frönen. Ein Federico Fellini etwa hatte die gleichen nostalgischen Anwandlungen. Deshalb ließ er in Amarcord die Reminiszenzen seiner Jugendzeit wieder auferstehen. Und deshalb habe ich das auch versucht – wobei ich mich nie mit ihm vergleichen würde.

Wenn ich mir als Zuschauer eine Periode aussuchen könnte, in der ich am liebsten leben möchte, dann wären das die Fünfzigerjahre. Damals zeigten sie in den New Yorker Kinos die aktuellen Filme aus dem Ausland, und meine Freunde und ich liefen ständig in den neuesten Bergman, Godard, Fellini oder Truffaut. Die waren dem Müll, der aus Hollywood kam, weit überlegen. Auf jeden guten amerikanischen Film kamen 100 infantile Machwerke. Vielleicht gab es so etwas auch in Europa – aber wir bekamen eben nur die Crème de la Crème zu sehen. Ganz besonders prägend war Bergmans Siebentes Siegel, denn der formulierte ein pessimistisches Weltbild, mit dem ich mich ganz und gar identifizierte – und noch immer identifiziere. So schön das Leben auch phasenweise erscheinen mag, hinter jeder Ecke lauern Krankheit, böse Mächte – und letztlich der Tod. Und um das genau geht es in dem Film. Ich habe mich ganz besonders mit der Figur des Ritters identifiziert, der mit dem Tod Schach um sein Leben spielt. Natürlich unterliegt er letztlich, und als er das Geheimnis von Leben und Tod erfahren will, sagt ihm der Gevatter, dass es gar keines gibt. Der einzige Sinn besteht darin, zu sterben. Es gibt natürlich Szenen des Glücks, aber die gehen vorbei und der Ritter landet wieder in der düsteren Realität seiner Existenz.

Anzeige

Heute ist diese Art von Kino immer weniger in den Staaten zu sehen. Damals gab es zumindest in New York ein Dutzend Kinos, wo die Werke der großen Regisseure liefen. Jetzt kommen nur noch ganz wenige europäische Filme bei uns heraus. Und wenn, dann nur in einem winzigen Kino, das kein Geld für Werbung hat. Selbst ein so bekannter Filmemacher wie Pedro Almodóvar spielt bloß eine ganz kleine Rolle. Während meine Generation die Bergmans, Fellinis, Truffauts verehrte, kümmern sich die Kids von heute viel weniger um das Kino. Ausländische Filme haben deshalb eine viel geringere Überlebenschance. Wenn ich einen dieser Filme sehen will, dann muss ich mir eine Kopie kommen lassen. Zum Glück gehört zu meinem Büro ein Vorführraum, und da treffe ich mich mit meinen Freunden zu gemeinsamen Kinoabenden. Auf diese Weise habe ich in letzter Zeit bemerkenswerte Streifen gesehen – Die Zunge der Schmetterlinge aus Spanien, Ich habe den englischen König bedient aus Tschechien, den ich überaus charmant fand. Einer der besten Filme der letzten Jahre war für mich Florian Henkel von Donnersmarcks Das Leben der anderen – nicht zu vergessen lateinamerikanisches Kino wie Amores Perros. Es gibt also durchaus die Nachfolger eines Fellini oder Truffaut.

Die Welt braucht junge Filmemacher, die versuchen, etwas Neues zu kreieren, aber diese Generation ringt nicht bloß darum, einen guten Film zu schaffen, sondern ihn überhaupt auf die Beine zu stellen. Man will ihnen keine Chance geben; das ist ein wirkliches Verbrechen. Es gibt ernsthafte Künstler – Paul Thomas Anderson, der There Will Be Blood gedreht hat, oder ein Alexander Payne. Seine Komödie Sideways ist wunderbar, doch sie ist die Ausnahme von der Regel.

Andererseits – wir sollten uns nichts vormachen, auch die Werke eines Fellini oder Bergman bedeuten letztlich nichts. Es wird der Zeitpunkt kommen, da verschwindet unser Planet und die Sterne und zuletzt das ganze Universum. Und alle große Kunst wird vergangen sein. Ob Shakespeare oder Michelangelo, Charlie Chaplin oder Jean-Luc Godard – nichts wird bleiben. Am Ende steht das absolute Nichts – meine ganzen Klagen über den Zustand des Kinos, meine Nostalgie für schöne Filme sind also völlig sinnlos.

Dennoch würde ich Kino nie aufgeben wollen. Es ist die einzige Macht auf Erden, die mich zum Weinen bringt. Ich brauche zum Beispiel nur das Ende von Fahrraddiebe zu sehen, und schon kommen mir die Tränen, so bewegt bin ich. Selbst ich habe Momente, wo ich anerkennen muss: Das Leben kann wunderschön sein.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%