Kolumne: Notwendige Naivität

Kolumne: Notwendige Naivität

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Mario Adorf

Mario Adorf über seine Idole und die Suche nach dem richtigen Regisseur.

Es gibt ein Vorurteil unter Schauspielern: „Tritt nicht mit Tieren und Kindern auf, die spielen dich an die Wand.“ Aber das ist falsch. Man darf nicht gegen Kinder spielen, man muss mit ihnen spielen, sie akzeptieren, ja, letzten Endes auch bewundern. Denn letztlich haben Schauspieler auch etwas von einem Kind an sich. Ohne Naivität könnten wir diesen Beruf nicht erfolgreich ausüben. Man muss ja als Erwachsener so tun, als ob das Spiel das Leben wäre. Und deshalb habe ich auch immer wieder gerne mit Kindern gespielt, ob als Schauspielschüler als Maikäfer Sumsemann in „Peterchens Mondfahrt“ oder jetzt als Fischer Gurian in dem Familienfilm „Die rote Zora“. So ist es vielleicht kein Zufall, dass der erste Schauspieler, der mich in meinem Leben begeistert hat, ebenfalls ein Kind als Partner hatte. Das war Spencer Tracy in „Manuel“, den ich mit sieben, acht Jahren gesehen habe. Der Film handelt von einem kleinen Millionärssohn, der von dem Fischer Manuel – gespielt von Tracy – gerettet wird und eine tiefe Beziehung zu dem Mann entwickelt. Als der Titelheld am Schluss stirbt, habe ich Rotz und Wasser geheult.

Natürlich hatte ich aber auch jüngere Idole, ganz besonders Marlon Brando. Der hat mich in Elia Kazans „Die Faust im Nacken“ und „Endstation Sehnsucht“ und „Viva Zapata“ tief beeindruckt, aber auch später in „Der Pate“. Brando hatte mir gegenüber einen strategischen Vorteil – er war der Fetischschauspieler eines Regisseurs wie Elia Kazan, der eine ganze Reihe Filme mit ihm drehte. Eine ähnlich beneidenswerte Konstellation bestand und besteht zwischen Martin Scorsese und Robert DeNiro. Die Filme aus ihrer Zusammenarbeit wie „Taxi Driver“ oder „Goodfellas“ finde ich ebenfalls großartig. So etwas hätte ich mir selbst gewünscht, aber diese Art von dauerhafter Zusammenarbeit durfte ich bedauerlicherweise nie erleben.

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Ansatzweise war das bei Helmut Dietl der Fall, mit dem ich die erste Folge von „Kir Royal“ und „Rossini“ gemacht habe. Aber leider braucht Dietl recht lange, um einen Film auf die Beine zu stellen. Bei Rainer Werner Fassbinder hätte sich das ergeben können: Wir hatten nach „Lola“ noch gemeinsame Projekte geplant, aber er starb zu früh. Und in Hollywood hätte ich nach „Major Dundee“ noch weiter mit Regisseur Sam Peckinpah drehen können. Allerdings hätte ich mich dann in die Schublade des Mexikaners stecken lassen müssen. Denn Peckinpah wollte mich in so einer Rolle auch für „Wild Bunch“ haben, weshalb ich ihm absagte. Dadurch habe ich einen sehr bemerkenswerten Film verpasst, bei dem mich nur die Brutalität ein wenig gestört hat, und später dann so eine tolle Geschichte wie „Bring mir den Kopf des Alfredo Garcia“. Andererseits bestand zwischen Peckinpah und mir nicht die große Liebe. Mit menschenverachtenden Regisseuren bin ich nie gut klargekommen.

In Rom habe ich einen amerikanischen Schauspieler getroffen, der inzwischen zu einem meiner Lieblingsregisseure geworden ist. Ich spreche von Clint Eastwood, den ich damals nur als relativ schweigsamen, und auch sonst nichtssagenden Menschen wahrgenommen habe. Den habe ich total unterschätzt. Zum ersten Mal bin ich auf ihn als Regisseur bei „Bird“ aufmerksam geworden, dem Biografiefilm über Charlie Parker. Auch „Die Brücken am Fluss“ mochte ich sehr, und zuletzt fand ich „Million Dollar Baby“ ganz toll. Eastwood hat eine sehr einfache und direkte Art, Figuren zu führen. Seine Handschrift wirkt relativ unprätentiös, deshalb wird er vielleicht von manchen Leuten immer noch unterschätzt. Aber für mich zählt er zu den Großen. Und Sie können sich vorstellen, dass ich auch sehr gerne mit ihm arbeiten würde. Auch einen Ridley Scott schätze ich – zuletzt habe ich mir seinen „American Gangster“ angesehen – zumal ich es sehr beeindruckend fand, wie Denzel Washington gegen seinen Typ einen skrupellosen Gangster spielte.

Das heißt nicht, dass ich wieder nach Hollywood schiele. Es gibt hierzulande viele junge Regisseure, die ich interessant finde. Tom Tykwer hat interessante Filme gemacht, ebenso Christian Petzold. Von Hans-Christian Schmid hat mir „Lichter“ sehr gut gefallen. Der zeigte eine geradezu Robert-Altman-hafte Begabung, mit vielen Charakteren umzugehen. Ich würde mir wirklich wünschen, wenn solche Leute auf mich zukommen würden. Denn meine Leidenschaft für das (Schau)spielen ist jedenfalls ungebrochen – fast wie bei einem Kind.

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