Aufwendige Vorbesichtigungen, um mir ein erstes Bild von einem Ort zu machen? Brauche ich nicht. Mir genügen meist Zeitungsausrisse, Reiseführer, Architektur-Bildbände, Schnappschüsse, Erzählungen von Freunden – so ist daraus über die Zeit bei mir zuhause ein Archiv entstanden. Ich habe auch einen Wunschzettel von Orten, auf dem zur Zeit Florenz ganz oben steht. Wenn ich die Hinweise betrachte oder lese, entwickeln sie ein Eigenleben in meinem Kopf. Und dann will ich diese Orte sehen und fotografieren: Museen, Theater, Bibliotheken, Kinos, Wartesäle. Öffentliche Orte, im Unterschied zu Landschaften oder spektakulärer Architektur aber Orte mit einer Art natürlichen Begrenzung. Das hilft mir, sonst würde ich mich beim Fotografieren verloren fühlen. Immer wenn ich diese Räume zum ersten Mal sehe oder betrete, bin ich beinahe euphorisch. Details interessieren mich dabei zunächst weniger – es sind die wiederkehrenden Strukturen, die Linien, der Lichteinfall in diesen Szenerien, auf die es mir ankommt. Auf Menschen verzichte ich, ich will ihnen nicht zu nahe treten. Was die Räume für sie sind, wird ohne sie ohnehin sichtbarer. Die Räume haben auch so genügend eigene Geschichten zu erzählen. Deswegen greife ich auch nicht in diese Geschichten ein und setze ausschließlich auf das vor Ort vorhandene Licht. Da kann ich während der zum Teil sehr langen Belichtungszeiten schon mal einen Kaffee trinken gehen. Das ist die Fotografie – dann kommt erst das Bild, das aus ihr entsteht. Hier ist mir wichtig, Reduktionen zu finden, eine Ästhetik der Kühle zu erzeugen inmitten der vielen Einzelheiten und so Konzentration zu ermöglichen. Diesen am Minimalismus orientierten Zugang schätze ich auch bei dem japanischen Fotografen Hiroshi Sugimoto. Mich fasziniert die strenge formale Strukturierung seiner Bilder und seine spezielle Entwicklungstechnik. Ich verfolge seine Arbeiten schon seit Jahrzehnten, habe fast alle Publikationen über ihn erworben, zuletzt eine bei meinem jüngsten Tokiobesuch – auf Japanisch. Die kann ich gar nicht lesen, aber es sind ja seine Bilder, die sprechen. (Düsseldorf, K 21, 14. Juli bis 6. Januar 2008). Die Entdeckung und Erarbeitung der Einfachheit zieht mich an – und macht mich neugierig auf die Darstellung des Biedermeier. Vor allem freue ich mich darauf, die schlichten Möbel wieder einmal aus der Nähe zu betrachten. Um mich dann – ich bin da wohl etwas konservativ – zum wiederholten Male zu fragen: Warum werden immer wieder neue Dinge entworfen? Und mit welchen Ergebnissen? Die Designs aus dem Biedermeier sind für mich jedenfalls von zeitloser Schönheit. (Berlin, Deutsches Historisches Museum, 8. Juni bis 2. September). Einen hohen ästhetischen Reiz haben für mich auch die Bilder des US-Konzeptkünstlers Christopher Williams. Er beschäftigt sich aus meiner Sicht mit der Frage, wie fotografische Bilder unsere Sicht auf die Wirklichkeit prägen. Er legt dabei großen Wert auf eine präzise Konzeption seiner oft kleinformatigen Bilder. Die fotografiert und entwickelt er nicht selbst – Williams versteht sich als Regisseur seiner Bilder. Er wählt wohl zu jedem seiner Themen jeweils andere Fotografen. Die Auswahl seiner Motive ist ihm Subjektivität genug. (Kunsthalle Zürich, 25. August bis 28. Oktober). Etwas Fotografisches haben auch die Bilder des Schweizer Malers Jean-Frédéric Schnyder. Er entscheidet sich oft für ganz einfache Sujets. Vor Jahren habe ich mal eine Serie von 30 Bahnhofswartesälen gesehen, die mich sehr beeindruckt haben (Basel, Kunstmuseum, bis 26. August). Manchmal lasse ich Ausstellungen auch einfach auf mich zukommen – wie „Die Roboter kommen“ (Berlin, Museum für Kommunikation, bis 2. September). Das Thema interessiert mich, ich weiß aber nicht, was mich erwartet. Ich gehe aber auch in Ausstellungen, weil ich sehen will, in welchen Räumen sie stattfinden, was die Ausstellungen mit den Räumen machen und die Räume mit ihnen. Besuche in naturwissenschaftlichen oder ethnologischen Museen werden so oft doppelt spannend. Manchmal entdecke ich dabei auch Motive für meine eigene Arbeit. Sehr gut gefallen mir auch Ausstellungsräume, die gar nicht als solche konzipiert waren – etwa Haus Lange und Haus Esters in Krefeld von Ludwig Mies van der Rohe. Diese Häuser, diese Räume stehen für sich. Und manchmal suche ich Orte, die mir Rückzugsmöglichkeiten bieten, wie das Maison Rouge nahe der Pariser Bastille. Ein Sammlermuseum – vor allem aber ein wunderbarer Ort, um in der Hektik von Paris etwas Ruhe zu haben.
Kolumne von Candida Höfer: Schlichte Schönheit
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