Kommentar Bahn-Tarifabschluss: Mein ist die Rache

Kommentar Bahn-Tarifabschluss: Mein ist die Rache

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Bahn-Chef Hartmut Mehdorn

Bahn-Chef Hartmut Mehdorn kündigte gestern in kleiner Runde Arbeitsplatzabbau, Jobverlagerung ins Ausland und ein Ende der Beschäftigungssicherung an. Mit einem solchen Frontalangriff letztlich gegen den eigenen Arbeitgeber hat sich noch kaum ein Spitzenmanager in Deutschland aus der Deckung gewagt.

Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee, so Hartmut Mehdorns unzweideutige Botschaft, hat der deutschen Bahn gegen den Willen des Chefs einen teuren Tarifvertrag abgepresst. Jetzt soll der Sozialdemokrat, dessen Partei sich gerade so vehement für Mindestlöhne und gute Jobs starkmacht, zu spüren bekommen, was er davon hat: Arbeitsplatzabbau, Ende der Beschäftigungssicherung, Jobverlagerung ins billige Ausland – alles made by Hartmut Mehdorn persönlich.

Sieht man von dem Getöse und der gekränkten Eitelkeit des Bahn-Chefs ab, klingt die Aufzählung nach wirtschaftlicher Logik. Wollen Unternehmen bei Personalkostensteigerung den Profit erhalten, müssen sie rationalisieren und/oder an anderer Stelle die Kosten senken. Wie soll der Eigentümer sonst gleich viel Gewinn einstreichen? Doch daraus ein Naturgesetz abzuleiten, funktioniert nicht. Vor einer solchen vermeintlichen Automatik steht immer die Entscheidung des Eigentümers, bei der Bahn also des Staates. Dieser verlangt von der Bahn keine Dividende. Niemand leidet kurzfristig, wenn der Gewinn durch höhere Lohnkosten sinkt.

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Stattdessen verzichtet der Staat (in Person von Tiefensee) wie ein philantroper Unternehmer auf den maximalen Gewinn. Und wenn die Bahn durch die geringere Produktivität und zu hohe Lohnkosten zum Beispiel Nahverkehrsaufträge an Wettbewerber verliert, dann fehlen diese Jobs nur bei der Bahn, da der Konkurrent den Regionalzug oder die S-Bahn weiterhin auf die Strecke schickt, entsteht der Lokführerjob bei ihm neu – wohl bei gleichem Gehalt, zugegeben aber bei weniger Pausen und höherer Arbeitsleistung. Jobs auf deutschen Schienen kann man halt nicht nach Tschechien oder in die Ukraine verlagern.

Damit erweist sich Mehdorns an sich richtige wirtschaftliche Logik beim Staatskonzern Bahn in der Praxis als schiere Rache an seinem obersten Dienstherrn. Ob dies klug war, wird die Zeit nach den kommenden Landtagswahlen zeigen. Dann wird die Koalition endgültig über die von Mehdorn propagierte mögliche Privatisierung der Bahn entscheiden.

Bisher war Tiefensee Mehdorns letzter richtiger Spitzenpolitiker in der SPD, der im Gegensatz zur Mehrheit der Sozialdemokraten für eine Privatisierung focht. Es wird spannend zu sehen, ob Tiefensee weiter zu Mehdorn hält, nachdem dieser ihn nun als Jobkiller an den Pranger stellt.

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