Kommentar : Deutsche Bahn: Zu viel Politur

Kommentar : Deutsche Bahn: Zu viel Politur

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Bahnchef Hartmut Mehdorn gibt am Montag, 18. August 2008 in Frankfurt am Main auf einer Pressekonferenz die Halbjahreszahlen bekannt. Die Bahn wird mit dem Fahrplanwechsel Mitte Dezember 2008 ihre Preise erhoehen. Das kuendigte Bahnchef Hartmut Mehdorn am Montag bei der Vorlage seiner Zwischenbilanz in Frankfurt am Main an.

Das war ein bisschen zu viel geklappert. Um sich als künftige Börsenlieblinge zu präsentieren, jubeln Bahn-Chef Hartmut Mehdorn und sein Finanzchef Diethelm Sack das Staatsunternehmen höher, als es dies verdient, analysiert WirtschaftsWoche-Reporter Reinhold Böhmer.

"Das Unternehmen, mit dem wir uns im Herbst dem Kapitalmarkt präsentieren, ist ein nachhaltiges erfolgreiches", sagte Mehdorn ein wenig geschwollen bei der Präsentation der Halbjahresjahreszahlen der Deutsche Bahn heute Mittag in Frankfurt.

Das Eigenlob zielte vor allem auf die neu geschaffene  Bahn-Tochter DB Mobility Logistics, in die vor kurzem das Beförderungs- und Logistikgeschäft ausgegliedert wurde, um es  voraussichtlich im Herbst zu 24,9 Prozent zu privatisieren. Zieht man die neu erworbenen Unternehmen ab, erhöhte der Börsenkandidat seinen Umsatz im ersten halben Jahr um knapp sechs Prozent und den Gewinn vor Abzug von Zinsen und Steuern sogar um knapp sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

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Einziger Lichtblick waren die ICE- und Intercity-Züge

Das klingt prima, ist es aber beim genauen Hinsehen nur mit vielen Einschränkungen. Denn der Gewinnanstieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 90 Millionen Euro von Januar bis Ende Juni auf insgesamt 1,4 Milliarden Euro (vor Abzug von Zinsen und Steuern) resultiert nur am Rande aus dem klassischen Beförderungs- und Transportgeschäft.

Die größte Quelle der Profitmehrung ist, wie Bahn-Finanzchef Sack einräumen musste, die Restsparte "Sonstiges" im Bahn-Konzern, in der die Bahn vor allem die geparkten überzähligen Mitarbeiter verbucht. Allein die Einsparungen in diesem sogenannten konzerninternen Arbeitsmarkt  bescherten der Bahn im ersten halben Jahr 105 Millionen Euro.

Eine Gewinnsteigerung bei S-Bahnen und Regionalzügen, im Stadtverkehr, im Güterverkehr und in der Logistik fand jedoch nicht statt  Fehlanzeige. Und das, obwohl zumindest im ersten Quartal die Konjunktur noch brummte und die steigenden Treibstoffpreise die Pendler hätten in die Züge und Busse locken können. Einziger Lichtblick waren im vergangenen Halbjahr die Intercitys und ICE, die so viel Menschen wie noch nie beförderten und der Bahn 64 Millionen Euro mehr Gewinn (vor Abzug von Zinsen und Steuern) einbrachten als im Vorjahreszeitraum.

Doch das Plus taugt nur bedingt, um mit Intercity- und ICE-Zügen die Phantasie der Investoren zu beflügeln und die Sparte als den großen künftigen Gewinnbringer aufzubauen.

Die Anleger verlangen mehr Offenheit und Ehrlichkeit

Denn trotz des gesteigerten Zuspruchs beim Publikum betrug die Auslastung der Fernzüge von Januar bis Ende Juni gerade 42 Prozent. Das ist nur knapp so viel wie im gesamten Jahr 2007.

Selbst wenn die Sonderangebote beim Online-Händler Ebay oder im Deckel von Nutella zusätzlich Leute in die Züge locken sollten, selbst wenn das Weihnachtsgeschäft floriert und die Konjunktur die Reiselust nicht abwürgt: Es wird  Mehdorn schwer fallen, in diesem Jahr noch die Auslastung von 2006 erreichen, als  die grauen Flitzer mit 43 Prozent Auslastung durch die Lande fahren.

Auch halbierten der Bahn-Chef und sein Finanzmann Sack die Investitionen in neue oder bessere ICE und Intercitys in den ersten sechs Monaten dieses Jahres von 76 Millionen auf 36 Millionen Euro - eine Euphorie-Injektion für Anleger sieht anders aus.

Richtig verschnupft reagierte Mehdorn, als er heute gefragt wurde, was denn sein angekündigtes Sparpaket  beinhalte, mit dem er die zweistelligen Lohnerhöhungen auffangen wolle, auf die er sich mit den Gewerkschaften in der Vergangenheit geeinigt hatte und die teilweise erst im Herbst greifen. Die Frage beantwortete er schlicht nicht.

Es wird Zeit, dass Deutschlands ranghöchster Eisenbahner und der Zahlenakrobat an seiner Seite begreifen, dass die vergangenen neun Jahre am Tropf und unter der Glocke des Staates zu Ende gehen. Die Anleger verlangen mehr Offenheit und Ehrlichkeit - und weniger Politur.

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