
Peter Löscher lacht strahlend. Der neue Siemens-Chef schüttelt Hände und wirft ein freundliches „Hallo, wie geht’s“ in die Menge. Wie ein jovialer Staatsmann, der diese Art von Veranstaltungen schon zigmal absolviert hat, präsentierte der 50-Jährige in der vergangenen Woche zum ersten Mal das Jahresergebnis des deutschen Elektronikkonzerns im feinen Münchner Hotel Sofitel. Sein Medientraining der vergangenen Wochen zeigt seine Früchte. Löscher gibt sich selbstbewusst und seiner Sache sicher. „Siemens ist ein fantastisches Unternehmen“, sagt der gebürtige Österreicher, der seit gut vier Monaten als erster Nicht-Siemensianer in der 160-jährigen Unternehmensgeschichte an der Spitze des Elektronikkonzerns steht. Was die Bilanz angeht, hat er damit sicher recht: Umsatz plus neun Prozent auf 72,5 Milliarden Euro, Gewinn nach Steuern plus 21 Prozent auf mehr als vier Milliarden Euro, höhere Renditeziele für 2008. Die Börse feierte die Zahlen mit einem Kursplus der Aktie von zeitweise über acht Prozent. Die Rekordergebnisse wurden jedoch überschattet von der dramatischen Ausweitung des Schmiergeldskandals. Die Höhe der inzwischen von Konzern-Ermittlern entdeckten dubiosen Zahlungen verdreifachte sich fast auf 1,3 Milliarden Euro. Nach Löschers Angaben entfällt ein Großteil der neu entdeckten dubiosen Zahlungen auf Deutschland. Trotz aller Maßnahmen, die Löscher schon in Sachen Compliance – also gute Unternehmensführung, Einhaltung von Gesetzen und internen Regeln – durchgesetzt hat, hat Siemens im Kampf gegen die Korruption noch enormen Nachholbedarf. „Beim Thema Compliance müssen wir besser werden“, räumt er selbst ein. Denn die Aufklärung kommt nicht wie gewünscht voran. Siemens bietet geständigen Mitarbeitern nun eine Amnestie an: Wer sich offenbart, behält seinen Job. „Das ist die Ultima Ratio“, sagt Peter von Blomberg, stellvertretender Vorsitzender von Transparency International Deutschland. Der Verein befasst sich mit der Aufdeckung und Bekämpfung von Korruption. „Siemens musste diesen Schritt machen, da die anderen Kanäle nicht ergiebig genug waren.“ Für den Korruptions-Experten zeigt die Amnestie, wie groß die internen Widerstände bei der Aufklärung sind. „Es hapert anscheinend bei der Kooperationsbereitschaft der Vertreter des alten Systems“, sagt von Blomberg. Daher bezweifelt er auch, dass die Kronzeugenregelung viele neue Erkenntnisse bringen wird. Denn auch wenn reuige Täter vor Entlassung und Schadensersatzforderungen verschont bleiben, droht ihnen trotzdem ein Strafverfahren. So hat sich nach Aussage des neuen Compliance-Chefs Peter Solmssen bisher auch noch niemand bei der neuen Hotline gemeldet. Auch wenn Löscher das leidige Thema Korruption so schnell wie möglich hinter sich lassen will: Die Vergangenheit wird auch den Neuen an der Siemens-Spitze noch monatelang beschäftigen. Die größte Krise in der Siemens-Geschichte begann mit der Großrazzia am 15. November 2006. In der Folge überschlugen sich die Ereignisse: Immer neue Korruptionsvorfälle wurden bekannt, Staatsanwälte auf der ganzen Welt nahmen die Ermittlungen auf. Siemens war bei dem Umgang mit den Vorwürfen überfordert, sagt von Blomberg: „Manche Maßnahmen wurden im ersten Wirbel sehr hastig und unprofessionell durchgeführt.“ Ein Beispiel war die Berufung von Daniel Noa zum internen Chefaufklärer. Kenner der Materie kritisierten damals, dass dem zuvor mit der Aufklärung von Verkehrsdelikten befassten Oberstaatsanwalt die internationale Erfahrung fehle. Prompt musste Noa seinen Posten nach wenigen Monaten räumen. Solche Schnellschüsse fallen Löscher jetzt auf die Füße.













