Krisenkunst: Künstler haben Lust auf Krise

Krisenkunst: Künstler haben Lust auf Krise

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Andrei Moledkin: "Ceci n'est pas Merkel" (2009)

Leere Häuser, hingekritzelte Einkaufswagen, taumelnde Manager: Mit neuer Lust auf Diskurs kommentieren Künstler die Folgen der Wirtschaftskrise.

Das Maul ist weit aufgerissen, die Zähne wirken messerscharf: Ein riesiger Hai in blutrot, symbolisch in Schach gehalten von einem schwarzen Gitter. "Ceci n’est pas Merkel" hat Andrei Molodkin seine Zeichnung genannt, der Titel prangt in Schreibschrift plakativ am unteren Rand der fast vier Quadratmeter großen Leinwand. Dutzende Kugelschreiber hat er dafür im Frühjahr 2009 verwendet.

In seinem Werk, derzeit zu sehen in der Kölner Galerie Priska Pasquer, spart der 43-jährige russische Künstler nicht mit Anspielungen: Das Gittermotiv verweist auf Kunstaktionen der russischen Avantgarde der Zwanzigerjahre. Der Titel wiederum spielt mit René Magrittes berühmtem Pfeifenbild "Ceci n’est pas une pipe". Doch nicht allein die Historie, vor allem die unmittelbare Gegenwart will Molodkin mit seinem Bild kommentieren: die globale Wirtschaftskrise und den Wahlkampf in Deutschland. "Ich kann und will die Augen nicht verschließen vor dem, was um mich herum geschieht", sagt Molodkin, der derzeit auch im russischen Pavillon auf der Biennale in Venedig vertreten ist. Sein Blick nach Deutschland ist auch seiner Neugier geschuldet: "Ich möchte nachdenken über die Welt und sie durch meine Kunst kommentieren."

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"Die Sehnsucht nach Diskurs ist wieder da"

Damit trifft der russische Shootingstar den Nerv der Zeit. Erst hatte die Wirtschaftskrise dem Kunstmarkt tiefe Schrammen verpasst – viele vormals kaufwütige Kunstfreunde verzichten seit Monaten auf das millionenschwere Aufstocken ihrer Sammlung, Messen für zeitgenössische Kunst reduzieren die Ausstellungsfläche drastisch oder fallen gleich ganz aus, Galerien und Auktionshäuser entlassen Mitarbeiter, Museen kürzen Ausstellungsetats. Und inzwischen macht sich die Krise auch am Anfang der Wertschöpfungskette bemerkbar, und das nicht nur an dem Kontostand der Künstler: Maler, Bildhauer oder Fotografen beginnen, sich intellektuell mit ökonomischen Phänomenen auseinanderzusetzen, machen das Platzen der Immobilienblase in den USA, den Beinahe-Zusammenbruch des Finanz- und Wirtschaftssystems und die daraus resultierenden globalen sozialen Folgen auf unterschiedlichste Arten zum Thema ihrer Werke. "Die Sehnsucht nach Diskurs", sagt Markus Brüderlin, Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, "ist wieder da."

Auf der Kunstmesse Art Cologne im April 2009 ließ die Rumänin Anca Munteanu in einer Live-Performance 20 Japaner in dunklen Anzügen nach stundenlangem Herumstehen ermattet zu Boden sinken. Auf dem Stand der Galerie Thomas Levy fand das Ölbild "Mond über der Krise" des Malers C.O. Paeffgen für 16.000 Euro einen Käufer. Der spanische Kunst-Provokateur Santiago Sierra hat in Südspanien schon einmal afrikanische Flüchtlinge für einen Hungerlohn 3000 Erdlöcher ausheben lassen. Nun schleudert er der Welt gerade seinen Kommentar auf die Wirtschaftskrise entgegen – ein riesiges "No". Seine monumentale Skulptur hat er nun auf Reisen um den Globus geschickt.

Kuratoren setzen auf Krisenkunst

"Soll unsere tägliche Arbeit permanent tiefe Bedeutung haben, oder ist auch mal Platz für Stupides?" Fragen wie diese stellt das Avantgarde-Kunstzentrum Z33 im belgischen Hasselt in seiner aktuellen Ausstellung „Work Now“. Zu sehen sind Arbeiten von Künstlern, die reflektieren, wie Menschen vor dem Hintergrund der aktuellen Krise über ihre Arbeit nachdenken. Das Ziel der Kuratoren: "Wir wollen zum Nachdenken provozieren." 

Das Münzkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zeigt „aus Anlass der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise“ vom 7. Oktober an die Ausstellung "Verlorenes Geld – Inflation und Finanzkrise gestern und heute". Sie ordnet die Krise "als derzeitigen Endpunkt einer langen Geschichte von Turbulenzen der Geldwirtschaft" ein und zeigt, wie sich Künstler in der Vergangenheit immer wieder mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Die Überlegungen machen auch vor dem eigenen Tun nicht halt. "2010 plus" heißt ein Programm, mit dem Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen, klären möchte, wofür Dresdens Museen künftig eigentlich stehen. "Kunst", sagt Roth, "kann und muss mehr bieten als nur Zerstreuung."

Auch deswegen fragt die digitale Kunstplattform artists.de in einem Wettbewerb: "Wie hat sich die globale Finanzkrise in der Kunst niedergeschlagen?" Und fordert dazu auf, die "persönliche Sicht einer der größten Wirtschaftskrisen der Geschichte einzureichen". Rund 450 Künstler haben sich bereits mit gut 950 Arbeiten zwei Monate vor Einsendeschluss beworben. "Das Thema", sagt Plattform-Gründer Stephan Widera, "lag auf der Straße."

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