Künstler Ai Weiwei: Warum bunte Bilder allein Chinas politisches System nicht verändern

Künstler Ai Weiwei: Warum bunte Bilder allein Chinas politisches System nicht verändern

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Der chinesische Regimekritiker und Künstler Ai Weiwei

Chinas wichtigster Künstler Ai Weiwei über individuellen Wohlstand, Ungleichheit als Motor des Fortschritts und seine Absage an die Frankfurter Buchmesse.

WirtschaftsWoche: Herr Ai, Sie lassen seit Jahren keine Gelegenheit aus, um das chinesische Regime zu kritisieren. Ihre Teilnahme an einer Diskussionsrunde auf der Frankfurter Buchmesse haben Sie nun kurzfristig abgesagt. Warum geben Sie diese Chance, öffentlich auf die Missstände in China hinzuweisen, so leichtfertig aus der Hand?

Ai Weiwei: Weil ich keine Lust habe auf sinnlose Debatten. In erster Linie aber hat meine Absage gesundheitliche Gründe.

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Ihnen wurde ein Blutgerinnsel entfernt, das von einem Überfall durch die chinesische Polizei herrührt. Geht es Ihnen noch so schlecht?

Ich habe zwar keine Kopfschmerzen mehr, aber von Zeit zu Zeit Schwierigkeiten mit meinem Gedächtnis. Es wird wohl noch zwei Monate dauern, bis ich wieder völlig hergestellt bin. Nach Aussage der Ärzte war mein Leben in Gefahr. Zum Glück war ich schon in München, als sich mein Gesundheitszustand so rapide verschlechtert hatte.

Vertrauen Sie chinesischen Ärzten nicht?

Das Gesundheitssystem in China ist unvorstellbar korrupt, nichts funktioniert. Ich wollte mich nach dem Überfall nachts im Krankenhaus behandeln lassen, aber der Arzt war kaum aus dem Bett zu kriegen. Er sagte, seine Maschinen seien sowieso defekt.

Sie haben sofort nach der Operation gebloggt und getwittert, Ihre Krankengeschichte im Internet dokumentiert. Warum die totale Transparenz?

Ich habe sogar die Ärzte von ihrer Schweigepflicht entbunden. Ich will, dass alle Informationen nach draußen dringen. Möglichst viele Menschen sollen erfahren, wer Schuld hat an meinem Zustand. Mein Fall steht nur exemplarisch für etwas, das in China jede Sekunde passiert. Niemand ist dort vor solchen Übergriffen geschützt.

Sie waren es bislang, dank Ihrer weltweiten Bekanntheit...

Ich galt lange als verrückter Künstler außerhalb des Systems – das ist vorbei. Wer, wie ich, als Zeuge in einem Prozess nach Ansicht der Regierung in das zentrale Nervensystem des Staates eingreift, soll die Konsequenzen am eigenen Leib spüren. Es geht mir um die Verteidigung staatsbürgerlicher Grundrechte. Da kann es kein Zaudern geben.

Die Veranstalter der Buchmesse haben sich um solch klare Worte gedrückt und auf Wunsch der chinesischen Delegation oppositionelle Autoren von einem Symposium ausgeladen. Für Sie verständlich?

Für mich ein Rätsel. Wie kann man nur seine eigenen Werte so unter den Scheffel stellen? Hier geht es um eine historische Errungenschaft – die Einhaltung der Menschenrechte. Diese Werte lassen sich nicht relativieren.

Ist China das falsche Gastland der Buchmesse?

Nein. Man muss den Dialog suchen. Aber dazu gehören eben zwei Seiten.

Chinesische Offizielle begründen ihr Vorgehen mit Chinas Sonderweg Richtung Demokratie. Zu Recht?

Sonderweg – so ein Quatsch. Da geht es nur um den Erhalt der Diktatur und eigener Pfründe in einem korrupten System.

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