Kunstauffassung: Herrlich nah am Abgrund der Kunst

Kunstauffassung: Herrlich nah am Abgrund der Kunst

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Tobias Rehberger

Tobias Rehberger über Kunst als Ritt auf der Rasierklinge und sein Verhältnis zu Zahnpasta.

Wer war zuerst da – Henne oder Ei? Anders gefragt: Was eigentlich ist Kunst? Woher kommt sie, was sind ihre Ressourcen? Wie ist das Verhältnis zwischen Original und Abbild? Gibt es unproduktive Missverständnisse? Und welche Funktion hat eigentlich ein Künstler in unserer Zeit?

Nicht die Wahl des Materials treibt mich um – baue ich eine Skulptur aus Metall, Holz, Marmor –, sondern grundsätzliche Fragen wie die eben genannten sind es, an denen ich mich abarbeite. Ich will vor allem die Probleme darstellen. Endgültige Antworten auf diese Fragen erwarte ich nicht – auch, weil ich sie oft nicht kenne.

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Eine Unsicherheit, die ich mit den Künstlern teile, die ich für spannend halte. Weil ihre Arbeiten auf der Suche nach Antworten präzise Hilfe leisten – dank einer visuellen Kraft, die weit über die Möglichkeiten noch so klug formulierter Texte hinausgeht. Und die mir oft erst auf den zweiten Blick gefällt – weil sie den Status quo infrage stellt und meinen Horizont erweitert.

Arbeiten vieler solcher Künstler sind bald in einem Rutsch zu besichtigen: Das Guggenheim Museum in New York hat sie eingeladen, einen Teil der Ausstellungsfläche mit einer eigens dafür zu schaffenden Arbeit zu gestalten (ab 24. Oktober). Darunter Rirkrit Tiravanjia, der auf einer sozialen Ebene experimentiert, indem er gewöhnliche Verhaltensmuster in Alltag und Kunst durch Kontextverschiebungen neu inszeniert – bisweilen starker Tobak.

Oder Jorge Pardo, dem eine unkritische Nähe zum Design unterstellt wird. Völliger Blödsinn. Ihm geht es, wie mir, nicht darum, als Künstler schöne Oberflächen zu gestalten. Wenn Pardo ein Haus zum Museum erklärt, um dann selbst darin zu wohnen, arbeitet er seine Fragen gewissermaßen am häuslichen Objekt ab.

Oder Liam Gillick, der 2009 den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig bespielen wird. Er behandelt in seinen eher textlastigen Arbeiten ähnliche Fragen wie ich (München, Kunstverein, 26. September bis 2. November).

Das gilt auch für Olafur Eliasson. Er beschäftigt sich mit Phänomenen von Wahrnehmung und Darstellung. Und befindet sich mit seinen Arbeiten permanent an der Klippe dessen, was in der Kunst gerade noch denk- und machbar ist. Wie beim Tanz auf einem rasierklingenscharfen Grat (Basel, Museum für Gegenwartskunst, bis 13. Juli).

Zu denen, die mich umtreiben, gehört auch Donald Judd. Er inspiriert mich, weil er mich aufregt. Würde man seine Arbeiten und seine Ideologie komplett ernst nehmen, wäre danach keine Kunst mehr möglich. So bietet er genug Ansätze, sich an ihm abzuarbeiten (Bottrop, Josef-Albers-Museum, bis 28. September).

Um nichts anderes geht es doch in der Kunst, als den Status quo permanent infrage zu stellen.

Nicht verpassen sollte man Ausstellungen von Meuser – schon, weil sie so selten sind. Er dehnt den Kunstbegriff, bis es schmerzt: Durch den Einsatz einfacher Materialien, Formen und Farbgebungen weiß man oft nicht: Ist es noch Malerei oder schon Skulptur? Er ist der Fineliner unter den Stahlträgern des Kunstbetriebs. Sehr feinfühlig, wunderbar differenziert, herrlich nah am Abgrund (Düsseldorf, Kunsthalle, bis 20. Juli).

Mit wunderbaren Gemeinheiten muss man auch bei Günther Förg rechnen. Er beschäftigt sich mit den pseudoschweren Klischees des künstlerischen Schaffens und ihrer Wahrnehmung. Ist ein Bild Malerei oder pures Anstreichen? Sehen wir eine Skulptur oder einfach etwas Zerknülltes? Wer das für leicht verdauliche Sofakunst hält, spürt beim zweiten Blick den Widerhaken im Auge. Ohne diesen wäre gute Kunst auf Dauer auch nicht denkbar (Köln, Galerie Gisela Capitain, bis 30. August).

In eine ähnliche Richtung geht auch Reinhard Mucha. Er zelebriert geradezu die – seiner Meinung nach – grundsätzliche Unmöglichkeit, ein Kunstwerk herzustellen. Ich bin ein Fan seiner Kunst (Leverkusen, Museum Morsbroich, bis 20. Juli).

Das gilt natürlich auch für das Werk von Martin Kippenberger. Durch ihn habe ich kapiert, mir selbst nicht zu trauen, das eigene Schaffen immer wieder zu überprüfen. Mich infrage zu stellen, ein scheinbar gelöstes Problem aus einem anderen Winkel nochmals anzugehen, um sich ihm in konzentrischen Kreisen zu nähern. Dabei den Vorwurf des Unsteten auszuhalten. Und auch mal eine scheinbar fertige Arbeit wegzuwerfen (St. Georgen, Sammlung Grässlin, bis 4. Januar 2009).

Um nichts anderes geht es doch in der Kunst, als den Status quo permanent infrage zu stellen, bis es diesen fast zerreißt. Und immer hart an der Grenze dessen zu arbeiten, was Kunst überhaupt sein kein. Eine herausragende Arbeit zu schaffen, die einen Millimeter daneben schon Kitsch wäre. Oder Zahnpasta.

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