Kunstexperte Werner Spies im Interview: "Rätsel ohne Auflösung"

Kunstexperte Werner Spies im Interview: "Rätsel ohne Auflösung"

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Werner Spies, 71, zählt zu den profiliertesten Kunstexperten und wenigen Zeitgenossen, die engen Kontakt zu Künstlern wie Pablo Picasso und Max Ernst oder Schriftstellern wie Samuel Beckett pflegten. Spies, aufgewachsen im schwäbischen Rottenburg, studierte Kunstgeschichte und Literatur unter anderem in Paris, wo er seit 1961 lebt.

Kunstkenner Werner Spies über das unlösbare Verhältnis von Kunst und Literatur, eine Umarmung von Picasso, Rohrpostbriefe von Samuel Beckett, die blauen Augen von Max Ernst und ein Frühstück mit Andy Warhol.

WirtschaftsWoche: Herr Spies, die großen Pariser Museen – Louvre, Musée d’Orsay und Grand Palais – zeigen momentan Arbeiten von Pablo Picasso und reihen sein Werk in den großen historischen Kunstkanon ein. Drei parallele Ausstellungen zu Ehren eines Ihrer Lieblingskünstlers in Ihrer Wahlheimat– da müssten Sie doch vor Freude in die Luft springen.

Werner Spies: Tue ich aber nicht. Die Ausstellungen sind für Picasso gefährlich.

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Aber es ist doch bekannt, dass er sich mit allen Formen der Kunst auseinandergesetzt hat, die der Mensch zustande gebracht hat – von der Höhlenmalerei über die Antike bis zur Volkskunst und der außereuropäischen Kunst. Was stört Sie?

Picassos Arbeiten unkommentiert mit diesen Werken zusammenzuführen, unterstellt, er hätte präzise Arbeiten von Velázquez, Goya, Dürer, Cranach vor Augen gehabt, um sein eigenes Werk zu schaffen. Natürlich hat sich Picasso mit diesen großen Meistern auseinandergesetzt – aber mit den Augen der formalen Freiheiten der Avantgarde, für die er nicht zuletzt selbst verantwortlich war. Dieser Kontext wird ausgeblendet. Sieht man „Die nackte Maya“ von Goya neben einem Akt von Picasso, spürt man, dass Picasso einer anderen Zeit, einer anderen Mentalität angehört. Aber wenn man diese Arbeiten unkommentiert nebeneinander setzt, läuft man Gefahr, die Arbeiten Picassos abzuwerten und im Betrachter Ressentiments gegen die moderne Kunst hervorzubringen. Den Museen ging es wohl darum, mit großen Namen die Massen anzuziehen.

Ist es das, worum es Ausstellungsmachern heute an erster Stelle geht – ein massen-kompatibles Event zu organisieren statt inhaltliche Auseinandersetzung zu bieten?

Unausgesprochen steckt dies heute hinter fast allen Ausstellungen. Man argumentiert mit Zahlen, weil man auch im Übrigen im Kulturbetrieb mit Zahlen und Statistiken operiert. Immer mehr Institutionen bieten heute Ausstellungen an. Eine derartige Fülle an Veranstaltungen war vor zwanzig, dreißig Jahren noch undenkbar. Der Ausstellungsbetrieb blieb damals übersichtlich. Heute müssen große Zahlen, Rekorde her, um Bedeutung zu garantieren.

Was macht eine perfekte Ausstellung aus?

Es geht darum, Besucher nicht zu übermüden. Es ist besser, ein Bild abzuhängen als noch eines hinzuzufügen. Ich habe nach und nach gelernt, darauf zu verzichten, alles sagen und alles zeigen zu wollen. Außerdem versuche ich, mich nicht zu wiederholen. Aus diesem Grunde versuche ich Ausstellungen zu machen, die es mir gestatten, in ein neues Feld, eine terra incognita zu beackern.

Sie haben vor zwei Jahren selbst noch eine große Ausstellung zu Picassos Alterswerk kuratiert. Was gab es denn da noch zu beackern, fast 35 Jahre nach seinem Tod?

Etwas ganz Entscheidendes. Für das, was Picasso in seinen letzten Lebensjahren hervorgebracht hat, ist  er lange Zeit  richtiggehend verachtet und verspottet worden. Ich bin glücklich, dass diese Beschimpfung in die glänzende Rehabilitation eines glutvollen, orgiastischen Werks mündete, das zu seiner Entstehungszeit kaum einer verstehen konnte. Das Spätwerk zeigt nebeneinander die brillante Klarheit und Sicherheit des Zeichners und die unerhörte Freiheit des expressiven, schnellen Malers. Picassos Arbeitsstrategie lebte vom Gegensatz Präzision-Offenheit. Und diese Dialektik blieb an seinen Umgang mit der Zeit, mit der Ökonomie von Zeit gebunden. Arbeiten gegen die Zeit nannte ich diese Ausstellung. Sie hat mich existenziell berührt.

Inwiefern?

Weil Picasso sein Spätwerk in einer Zeit geschaffen hat, in der er für mich selbst ein erlebbarer, zeitgenössischer Künstler war.

Und sein Werk Ihnen wohlvertraut.

Es hat mich von früh auf fasziniert. Die ersten Arbeiten Picassos sah ich mit 16 oder 17 – es waren Abbildungen kubistischer Gemälde. Die Verschachtelungen von Raum und Gegenständen waren unverständlich, rätselhaft. Ich brauchte einen Übersetzer dieser fremden Bildsprache. Die Verwirrung hat sich erst aufgelöst durch meine Freundschaft mit Daniel-Henry Kahnweiler, dem 1960 in Paris mein erster Besuch galt.

Warum ausgerechnet einem Kunsthändler?

Er war mehr als ein Galerist, er war ein Theoretiker, der für das, wofür er einstand- Kubismus- wie kein anderer den intellektuellen Überbau zu liefern verstand. Das Kommerzielle an seiner Wirkung interessierte mich nicht. Kahnweiler war ja viel mehr als ein Mann, der mit seinen frühen Entdeckungen Picasso, Braque, Gris oder Léger Geld verdienen wollte. Er gehörte zu den Pionieren, zu den großen Entdeckern der Kunst des 20. Jahrhunderts. Und solche Entdecker haben mich immer interessiert. Kahnweiler sah nicht nur das Revolutionäre, das Verschiedene im Kubismus, er lieferte diesen unerhörten Bildern ein intellektuelles und ethisches Fundament. Er suchte im Kubismus das Unsinnliche, die Reaktion auf den Hedonismus einer impressionistischen, von visuellen Sensationen geleiteten Lebensanschauung.  Das Leitmotiv hatte er Kant entliehen: 'Ein schönes Werk muss nicht gefallen.' Kahnweiler hat mich überaus freundlich aufgenommen, mir viele Türen geöffnet, auch zu Picasso.

Wann hat er Sie zum ersten Mal zu Picasso mitgenommen?

Nie. Zu Picasso zu gelangen, war das Schwierigste überhaupt. Er hat keine Briefe beantwortet und auch kaum jemand empfangen. Ich  hatte Kahnweiler vorgeschlagen, zu seinem 80. Geburtstag 1964 zusammen mit Michel Leiris eine Festschrift herauszugeben. Damit hatte ich die Legitimation, mich an die Großen der Literatur und Kunst zu wenden. Darunter auch Adorno. In einem der Briefe, die dieser an mich richtete, fand ich  einen Satz, der mich bis heute fasziniert: ‚An meinem Text darf nichts geändert werden, auch kein Komma.’

Und Picassos Part?

Er steuerte zwei Lithographien bei. So kam es zu einer ersten, indirekten Annäherung. Kahnweiler sorgte dann dafür, daß ich in Mougins empfangen wurde.

Warum hat Sie Picasso zeitlebens so fasziniert?

Er ist in meinen Augen der moderne, zerrissene Mensch par excellence, ein Mensch,  der kein Resultat akzeptiert, der ständig  gegen  den Überdruss, gegen den Stil ankämpft. Er sperrte sich gegen die kausale, verständliche Entwicklung. Ihr entging er zeitlebens dank der Suche nach dem Nichtableitbaren, nach Mutationen. Ihm gelang es, sich selbst gegenüber eine Distanz zu bewahren. Er erreichte sie mit Überraschung.

Die erste leibhaftige Begegnung mit Picasso – können Sie sich noch erinnern?

Das war in seinem Landhaus in Mougins, im Herbst 1970. Er lebte dort in unerhörter Einsamkeit. Er lebte allein für seine Arbeit. Und das auf eine Weise, die geradezu unheimlich war – über 35 000 Arbeiten kamen im Laufe seines Lebens zustande. Da blieb keine Zeit für Smalltalk.

Worüber wollte er mit Ihnen sprechen?

Über die Publikation des Oeuvrekatalogs seiner Skulpturen, an der ich damals arbeitete.

Wie haben Sie sich einer Person genähert, die schon zu Lebzeiten Legende war und von der selbst ein Salvador Dalí ehrfürchtig sprach wie vom Papst?

Ich habe mir Situation vorher sicher unzählige Male vorgestellt, mit der Frage nach welcher Liturgie, welchem Protokoll diese unerhörte Begegnung ablaufen könnte. Wir hielten uns in einem großen Raum auf. Alles war besetzt mit Büchern, Skulpturen, ungeöffneten Briefen und Zeichnungen. Er schob sie mit einem Lineal beiseite, um überhaupt Platz am Tisch zu finden. Er hat jeden Tag gleichzeitig an mehreren Projekten gearbeitet. Das ist ein Thema, das ich in einer Ausstellung vorführen möchte: 30 Tage im Leben Picassos - die unberechenbare Gleichzeitigkeit. Der Schaffensprozess widersprach ja jeder Logik, Erinnerungen an frühere Perioden überlagerten sich mit der Gegenwart und Vorgriffen auf die Zukunft. Ein kaum entwirrbares Geflecht aus Bildern, Skulpturen, Zeichnungen und Grafiken bietet er uns. Dazu kommt ein kaum bekanntes literarisches Werk– tausende Manuskriptseiten hat er uns hinterlassen.

Warum hat er denn überhaupt geschrieben?

Das hatte fast groteske, ökonomische Gründe: Damals stand die Scheidung von seiner Frau Olga an, der er, im Falle der Trennung, die Hälfte seines Vermögens hätte zukommen lassen müssen – inklusive der Hälfte der Werke, die er bis zum Zeitpunkt der Scheidung geschaffen hätte. Deswegen verlegte er sich monatelang aufs Schreiben, weil er glaubte, das sei nichts wert.

Was hat er denn geschrieben?

Häufig, vom Surrealismus, von der écriture automatique geprägte Texte, in denen  er gern hundert Mal das gleiche Wort aneinander reihte. Faszinierend.

Oder ermüdend ...

Nein, überaus  spannend – weil sich in diese Repetition nach und nach etwas Unerwartetes einschleicht. Es ist ein Verfahren, das Picassos Schaffensprozess auch in der Malerei beschreibt: mit Trippelschritten, Varianten werden alle Möglichkeiten einer Komposition ausgeschöpft.

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