Kunstschau in Venedig: Venezianischer Virus auf der Biennale

Kunstschau in Venedig: Venezianischer Virus auf der Biennale

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Das dänisch-schwedische Künstler-Duo Michael Elmgreen (rechts) und Ingar Dragset

Als Leistungsschau der Nationen, die ihre besten Künstler präsentieren, wollen die Macher das Spektakel ohnehin längst nicht mehr verstanden wissen. Und so bietet sich auf der heute offiziell beginnenden 53. Biennale in der Lagunenstadt (bis 22. November) alles andere als ein einheitliches Bild.

Das Bett von Herrn B. befindet sich mitten im Raum: Eine in den Boden eingelassene, in Holz gefasste Schlafstatt, umrahmt von einem ausgestopften Flamingo, einer schwarzen Skultpur von Pepe Espalius und einer weißen des Kanadiers Terence Koh. Am Bett steht ein Fernseher, es läuft ein Clip des US-Video-Künstlers William Jones. Aus dem Raum mit den unverputzten Betonwänden scheint eine Tür nach draußen zu führen – doch die Anordnung der Griffe macht klar, dass dies kein realer Ausgang ist, sondern eine Installation – so wie das gesamte extravagante Schlafzimmer des fiktiven homosexuellen Kunstsammlers B.

Eingerichtet hat es das dänisch-schwedische Künstler-Duo Michael Elmgreen und Ingar Dragset als Teil ihrer Ausstellung „The Collectors“ im dänischen und nordischen Pavillon für die diesjährige Biennale in Venedig. Die Kuratoren wollen herausfinden, was Menschen dazu treibt, ihre Persönlichkeit durch das Sammeln toter Fliegen, benutzter Schwimmkleidung oder Weimarer Porzellan auszudrücken. Auf welchen Mechanismen beruht unsere Auswahl? Dazu bestücken sie die beiden Gebäude auch mit Arbeiten von zwei Dutzend Künstlern. Und hoffen so, das Biennale-Spektakel zu unterlaufen und den Kunstmarkt bloß zu stellen.

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Biennale: Marktplatz ökonomischer Begehrlichkeiten

Ein Projekt ganz im Sinne des diesjährigen Biennale-Direktors Daniel Birnbaum, der unter dem Titel „Weltenmachen“ auf der gerade gestarteten 53. Ausgabe der alle zwei Jahre beginnenden Ausstellung „neue Kunsträume jenseits der Erwartungen des Kunstmarkts“ erschließen will.

Ein frommer Wunsch, nicht mehr. Denn selbst wenn die Partys am Canal Grande im Zeichen der Finanzkrise in diesem Jahr etwas bescheidener ausfallen dürften als vor zwei Jahren: Auch Mammonverächter Birnbaum wird mit seiner Künstlerauswahl qua Kuratorenamt dem Affen Kunstmarkt Zucker geben. Denn seine kommerzielle Unschuld wird das Kunstspektakel in der Lagunenstadt nie mehr wiedererlangen – sollte sie diese je besessen haben.

Die Zeiten, in denen Ausstellungen wie diese als kommerzfreier Raum galten, sind vorbei. Sie werden im Gegenteil sogar zu den wenig verbliebenen stabilen Parametern in einem verunsicherten Markt. So gilt die Biennale auch in ihrer 53. Ausgabe nicht nur als nach wie vor weltweit wichtigste Ausstellung für zeitgenössische Kunst – sondern seit jeher auch als Marktplatz ökonomischer Begehrlichkeiten. Gegründet 1895 als Verkaufsausstellung, ist die Biennale wieder bei ihren werberischen Wurzeln angelangt. Zwischen 1946 und 1968 gab es ein von der Biennale selbst betriebenes Verkaufsbüro. Und vor zwei Jahren hatte in einem Zeltpavillon während der Biennale-Eröffnungstage die Kunstmesse Cornice Premiere – zu großer Zufriedenheit der beteiligten Händler.

Bei Prosecco im Pavillon wird also nicht nur bestimmt, welche Künstler Bedeutung in der Kunstwelt haben, sondern auch, wer durch seinen Auftritt in Venedig seinen Marktwert steigert und die Aufmerksamkeit der Sammler auf sich zieht. Hinter jedem der in den Länderpavillons vertretenen Künstler lauert während der Eröffnungstage mindestens ein Galerist, um etwaiges Kaufinteresse zu befriedigen. So brüstet sich etwa die russische Immobilienmilliardärin Janna Bullock auf ihrer Website, vor zwei Jahren drei Arbeiten von Tracey Emin erworben zu haben – direkt aus dem britischen Pavillon. Und die Installation von Christine Streuli im Schweizer Pavillon hätte ihre Hamburger Galeristin Andrée Sfeir-Semler „dreimal verkaufen können“.

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