Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich: "Trophäen der Bosse"

Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich: "Trophäen der Bosse"

von Christopher Schwarz

Der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich über die Zukunft der Unternehmenssammlungen und Kunst als exklusives Statussymbol.

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Wolfgang Ullrich lehrt Kunstwissenschaft an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung

WirtschaftsWoche: Herr Ullrich, die Versteigerung der Giacometti-Skulptur "L’Homme qui marche I" bei Sotheby’s hat den Rekordpreis von umgerechnet 74 Millionen Euro erbracht. Die Figur stammt aus der Sammlung der Dresdner Bank, die heute der Commerzbank gehört. Schließen die deutschen Unternehmen jetzt reihenweise ihre Kunstsammlungen?

Wolfgang Ullrich: Nein, so dramatisch sehe ich das nicht. Wenn die Deutsche Bank verkauft hätte, wäre das sicher ein Signal für eine Trendwende gewesen. Aber die Commerzbank tickte schon immer ein bisschen anders. Sie hat ja, im Gegensatz zur Dresdner Bank, die sich wie die Deutsche Bank durch die Förderung der Hochkunst definierte, immer einen breiten Kulturbegriff gepflegt, etwa mit ihren Umwelt- und Stadtteilprojekten. Das ist jetzt eindrucksvoll bestätigt worden. Mit dem Verkauf der Giacometti-Skulptur hat gewissermaßen das Populäre über das Elitäre gesiegt.

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Sie glauben an eine gezielte Image-Aktion der Bank?

Ja, ich könnte mir vorstellen, dass die Commerzbank ganz bewusst die spektakuläre Verkaufsform der Auktion gewählt hat, um damit zu demonstrieren: Wir nutzen die Chance, die der Kunstmarkt derzeit bietet, holen alles raus, was rauszuholen ist, und machen was Vernünftiges mit dem Spekulationsgewinn.

Zum Beispiel indem das Geld an den Staat zurückgezahlt wird, dem die Commerzbank Milliarden schuldet?

Dafür gibt es in der Tat gute Argumente. Aber wenn der Gewinn, wie angekündigt, der Kulturstiftung zugute kommt, übernähme die Bank ja quasistaatliche Aufgaben. Das wäre in Ordnung.

In Krisenzeiten gilt das Sammeln von Kunst als Luxus. Geraten die Unternehmen jetzt nicht stärker unter Rechtfertigungsdruck?

Schon, aber das heißt nicht, dass sie nun Ballast abwerfen würden. Der Kunstboom, der die Banken in den Achtziger-, Neunzigerjahren beflügelte, hat schon vor der Krise nachgelassen. Nicht zuletzt deshalb, weil die Bankgebäude voll sind mit Kunst – und weil die jüngere Generation von Unternehmern und Managern ein anderes, eher spielerisches Verhältnis zur Kunst hat. Sie ist ein Interessengebiet unter anderen oder wird zum Lifestylefaktor, zu einer gehobenen Form der Unterhaltung an der Grenze zu Mode und Design. Man präsentiert sich als Avantgarde des Konsums.

Warum sucht die Wirtschaft überhaupt die Nähe zu Kunst und Künstlern?

Weil sie sich im Künstler wiedererkennt, in seiner Risikobereitschaft, seiner über das bloß Konventionelle hinausgehenden Lust am Neuen. Wie der Unternehmer auf den sich ständig wandelnden Markt reagiert, muss der Künstler immer wieder seine Originalität unter Beweis stellen. Beide bewegen sich auf ungesichertem Terrain, müssen täglich entscheiden, gestalten, verändern.

Der Künstler als Vorbild für die Wirtschaft?

Ja, als eine Art Role-Model. Der selbstgewisse Gestus, mit dem Künstler wie etwa Markus Lüpertz oder Georg Baselitz auftreten, fasziniert natürlich die Wirtschaft. Dieser Künstlertyp verkörpert genau das, was man in Tausenden Manager-seminaren lernt: Selbstbewusstsein und Autorität. Deshalb besuchen Manager auch so gern den Künstler im Atelier. In ihm erkennen sie den Doppelgänger, eine Variante der eigenen Berufsidentität.

Im Atelier geht es bekanntlich ganz anders zu als in einer Vorstandsetage.

Das ist ja gerade das Faszinierende: Der Geruch der Farbe, dieses leicht Trashige eines zum Atelier umfunktionierten Industriebaus. Das hat etwas Cooles. Die Kunst lädt einerseits zur Identifikation ein und öffnet andererseits die Tür in eine neue Welt. Der Unternehmer sieht in der Arbeit des Künstlers dieselbe kreative Energie am Werk, die ihn selber umtreibt, und zugleich eine ganz andere Art der gestalterischen Freiheit.

Entscheidend ist der Kontrast zum Büroalltag?

Ja, da werden Defizite kompensiert. Ich habe schon Unternehmer kennengelernt, die von einem Atelierbesuch sprachen wie von einer Hochgebirgstour. Kunst wird offenbar als Kraftquelle wahrgenommen. Und gerade das Aggressive, manchmal Brutale der zeitgenössischen Kunst, dieser Gestus des gezielten Regelbruchs, wird als Zeichen von Macht und Unabhängigkeit gelesen. Deshalb sieht man in den Banken oft diese etwas ruppige Malerei, das sogenannte Bad Painting.

Unangepasste Kunst ist für die Selbstdarstellung von Unternehmen besonders attraktiv?

Ja, die Avantgarde-Kunst hätte gar kein besseres Geschäftsmodell entwickeln können, als sich radikal oppositionell zu geben. Nur der Widerstandsgeist reizt zur Vereinnahmung. Kunstwerke sind für Wirtschaftsführer wie Jagdtrophäen, die man sich ins Büro hängt.

Die Unternehmen beteuern gern, dass sie Kunst aus ideellen Gründen sammeln.

Das mag manchmal sogar stimmen. Aber Kunst ist natürlich vor allem ein Imagefaktor, nach innen und außen. Die Mitarbeiter sollen stolz sein auf ihr Unternehmen, das mit seinem Kunst-Engagement kulturelle Kompetenz beweist und sich damit in die Tradition des altabendländischen Mäzenatentums stellt.

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