Lauferlebnis: 42,195 Kilometer New York

Lauferlebnis: 42,195 Kilometer New York

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Marathon-Läufer auf der Pulaski-Brücke in New York

Verzweiflung und Freude, Euphorie und Erschöpfung: Gemeinsam mit über 30.000 anderen Läufern startete unser Autor beim New York Marathon. Er erlebte ein Wechselbad der Gefühle. Den letzten Kick holte er sich von deutschland-begeisterten Amerikanern am Straßenrand.

Gleich drei Wecker habe ich mir gestellt, um den großen Tag auch wirklich nicht zu verschlafen. Ein Jahr lang habe ich für den New York Marathon trainiert. Die vergangenen Wochen lebte ich in ständiger Angst, mit dem Fuß umzuknicken, wenn ich etwa der Straßenbahn hinterher renne. Das wäre das Ende gewesen, bevor der Startschuss zum bekanntesten Marathon der Welt überhaupt gefallen ist.

Die Wecker klingeln um halb fünf Uhr morgens. Vor mir liegt ein Tag voller Verzweiflung und Freude, voll von Euphorie und Erschöpfung. Nach etwa viereinhalb Stunden werde ich im Ziel ankommen. Ich werde die Zähne zusammenbeißen. Ich werde lachen und jubeln. Vier Jahre ist das alles mittlerweile her. Es kommt mir so  vor, als wäre es gestern gewesen. Wenn jetzt, am 7. November, wieder der New York Marathon startet, werde ich schon etwas wehmütig.

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Kurz nach fünf holt der Bus uns Läufer vom Hotel in Uptown Manhattan ab. Thomas ist immer noch erkältet. Andi sieht ebenfalls verpennt aus. Gemeinsam mit den anderen Läufern aus dem Hotel fahren wir durch die nächtliche Stadt, bevor wir dann eine Dreiviertelstunde später in einem verlassenen Militärcamp auf Staten Island abgeladen werden. Gemeinsam mit den über 30.000 anderen Läufern, müssen wir uns nun noch fünf Stunden lang die Zeit bis zum Start vertreiben. Warum wir deswegen so früh aufstehen mussten, weiß ich jetzt auch nicht.

If I can make it here, I’ll make it everywhere.

Überall sind Verpflegungsstände aufgebaut, an denen es Wasser, Bananen oder Bagels gibt. Überall bilden sich lange Schlangen. Ich lerne Manfred kennen, einen Sportlehrer aus der Pfalz. Fast hätte er es nicht hierhin geschafft, sein Arzt hat vor Wochen bei ihm Knieprobleme diagnostiziert. Manfred hat daraus Konsequenzen gezogen – und den Arzt gewechselt. Den Befund hat er wohlweislich verschwiegen.

Unter einem Zeltdach findet ein provisorischer Gottesdienst statt. Ich gehe hinein. Schließlich ist Sonntag.

Kurz nach zehn treffe ich mich mit meinen Laufkumpanen Thomas und Andi wieder. So langsam wird es Zeit, zum Start zu gehen. Und um kurz vor elf ist es tatsächlich so weit: Zu den Klängen von Frank Sinatra’s „New York, New York“ laufen wir los. "f I can make it here, I’ll make it everywhere."

Es fühlt sich großartig an. Wie eine Befreiung. Endlich loslaufen. Vor uns die doppelstöckige Verrrazano Narrows Bridge, strahlend blauer Himmel, Hubschrauber kreisen in der Luft. Unter uns, am Hudson River, schießen Wasserfontänen in die Luft. Am Ende der Verrazano Narrows Bridge eine Linkskurve, wir sind in Brooklyn. 42,195 Kilometer liegen vor uns.  

Während ich dies schreibe, habe ich noch das Rasseln, die Glocken, die Trommeln, das Gejohle und die Anfeuerungsrufe im Ohr. Die Unterstützung der Zuschauer ist während des gesamten Marathons klasse. Am Straßenrand spielen Bands mit elektrischen Verstärkern auf, Feuerwehrmänner in Uniformen stehen vor ihren Löschzügen und applaudieren. Kleine Kinder wollen abgeklatscht werden.

Die Viertel, durch die wir laufen, sind mal von Spaniern und Lateinamerikanern, mal von Chinesen, mal von Afrikanern geprägt. In Williamsburg, einem Stadtteil von Brooklyn,  stehen orthodoxe Juden am Straßenrand. Marathonlaufen bildet. Vor einiger Zeit traf ich auf einer Party eine Bekannte, die in Brooklyn lebt und gerade in Deutschland Station machte. Wir haben uns über ihre Wahlheimat eine Weile lang gut unterhalten. Alles was ich über Brooklyn weiß, weiß ich vom New York Marathon. Brooklyn ist mir auch deswegen in guter Erinnerung, weil es sich dort so leicht und locker lief. Doch das sollte sich noch ändern.

Bei der Pulaski Bridge zwischen Brooklyn und Queens haben wir den Halbmarathonpunkt erreicht. Ich meine, ein erstes Zwicken im Bein zu verspüren. Weiter geht es durch ein Industriegebiet in Queens. Vor uns liegt die Queensboro-Bridge, die nach Manhattan führt. Erstmal müssen wir uns vierzig Höhenmeter hinauf quälen. Das Ziehen wird stärker. Die Knie beginnen zu schmerzen. "Now it’s a run", sagt eine Stimme hinter mir. Die Brücke bietet einen schönen Ausblick auf Manhattan. Richtig genießen kann ich ihn nicht mehr.

Als wir nach Manhattan einbiegen, erreicht der Lärmpegel vom Straßenrand seinen Höhepunkt. Das baut auf. Hält nur leider nicht lange vor. Es geht jetzt meilenweit die First Avenue hinauf. Wieso ist mir früher eigentlich nie aufgefallen, dass diese Straße unmerklich, aber konstant ansteigt? Ich nehme die Zuschauer am Straßenrand jetzt kaum noch wahr. Ich konzentriere mich nur noch darauf, ein Bein vor das andere zu setzen. Und wann kommt endlich der Verpflegungsstand mit den Powerriegeln?

"Ich bin ein Berliner!"

Thomas sieht auch müde aus. Irgendwann hat er am Straßenrand seine Freundin Annett ausgemacht. Damit Annett auch unter Tausenden Zuschauern zu erkennen ist, hält sie eine Deutschland-Fahne hoch. Die Fahne konfiszieren wir jetzt und halten fortan in der First Avenue die schwarz-rot-goldenen Farben hoch.

Damit hatten wir nicht gerechnet: Überall, wo wir jetzt lang laufen, jubeln uns die Menschen zu.  "Germany", rufen die Amerikaner vom Straßenrand. Und: "Ich bin ein Berliner!".

Das tut gut. Langsam komme ich wieder zu Kräften. In der Höhe der Bronx spricht mich ein älterer Mitläufer an: „Tach, Jung! Ich bin dä Jupp us Neuss.“ Auf meinem Laufshirt steht, dass ich für das Kölner Marathon-Camp laufe. Das hatte der Jupp gesehen und gleich erkannt, dass ich aus seiner Gegend stamme. Er ist ein wirklich netter Kerl. Wir laufen eine Weile miteinander und unterhalten uns gut. Dann sagt Jupp: "So, Jung, ich bin dann mal widder weg." Später schaue ich in der Teilnehmerliste nach. Jupp ist Anfang siebzig.

Endlich kommt der Central Park in den Blick. So weit kann es bis zum Ziel nicht mehr sein. Jetzt gilt es, die letzten Kräfte zu mobilisieren. Auf der Höhe des Guggenheim Museums, glaube ich, biegen wir in den Central Park ein. Es geht jetzt wieder leicht bergauf, doch das ist auf einmal egal. Die Zuschauer stehen jetzt dicht an dicht, bilden ein Spalier, der Lärmpegel steigt, wir können unser eigenes Wort nicht mehr verstehen.

Wir haben den Central Park durchquert. Gegenüber vom Plaza Hotel biegen wir noch einmal rechts ab, dann, am Columbus Circle die letzte Kurve. Noch wenige hundert Meter bis zum Ziel. Zehn, neun…wir geben noch mal richtig Gas…drei, zwei, eins, Arme hoch, gewonnen! Vier Stunden, fünfundzwanzig Minuten. 

Der Körper ist am Tiefpunkt

Ich habe mir in den vergangenen Monaten zigmal vorgestellt, wie das wohl sein wird, wenn ich das Ziel erreicht habe. Ich werde völlig euphorisch, hin und weg, sein. Nun bin ich erstmal fassungslos. Ich brauche eine Weile, bis ich begreife, was ich da gerade hinter mich gebracht habe, dass sich ein Jahr lang Training doch gelohnt hat. Dann umarmen Thomas, Andi und ich uns wortlos. Und dann bin ich tatsächlich völlig euphorisch, hin und weg. Im Kopf bin ich nun völlig ausgelassen, ich könnte Bäume ausreißen.

Mein Körper hingegen ist am Tiefpunkt. Doch das merke ich erst am nächsten Morgen. Am Abend zuvor haben wir noch ein paar Bier miteinander getrunken. Schließlich muss der Sieg gefeiert werden. Es wird aber kein langer Abend, dafür sind wir zu müde. Einige Samuel Adams werden es aber dann doch.

Am nächsten Morgen geht es mir nicht gut. Meine Strategie, den Flüssigkeitsverlust des Körpers durch flüssiges Bier auszugleichen, ist nicht aufgegangen. Über Mittag schlafe ich mich erstmal aus.

Am Nachmittag spaziere ich noch mal, ganz gemütlich, durch den Central Park und wünsche mir, die Zeit jetzt anzuhalten. Irgendwann will ich das alles noch einmal erleben.     

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