LBBW-Chef Siegfried Jaschinski im Interview: "Keine baldige Beruhigung"

LBBW-Chef Siegfried Jaschinski im Interview: "Keine baldige Beruhigung"

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Siegfried Jaschinski

Als Chef der größten Landesbank steht LBBW-Lenker Siegfried Jaschinski an der Front der Bankenkrise. Was droht noch an Risiken?

WirtschaftsWoche: Herr Jaschinski, die Finanzkrise belastet die deutschen Banken. Auch die LBBW musste im vergangenen Jahr den Wert von Krediten um 1,1 Milliarden Euro nach unten korrigieren. In den vergangenen Wochen hat der Markt für strukturierte Kreditpakete noch einmal nachgegeben. Welche Folgen hat das für die LBBW?

Jaschinski: Was man heute unter der Finanzkrise versteht, ist das Nicht-Funktionieren von Märkten. Es gibt ein Angebot, aber keine Nachfrage, und dadurch kommen viele Kurse zustande, die jeden Tag sehr unterschiedlich sind. Deshalb ist es schwer, heute Aussagen zu treffen. Die Märkte schwanken derzeit so sehr, dass Banken, die davon betroffen sind, im Prinzip jeden Tag neue Wasserstandsmeldungen geben können. Das gilt auch für uns. Die Indizes sind zwischen Januar und März weiter gefallen, und das beeinflusst auch den Wert unseres Portfolios. Entscheidend für uns ist, dass es bisher kaum zu Ausfällen kam. Wir mussten im Januar und im Februar auf keine Wertpapiere aus Bonitätsgründen Abschreibungen vornehmen. Und nur wenn das der Fall ist, verlieren wir echtes Geld.

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Die BayernLB musste 2007 Belastungen in Höhe von rund einer Milliarde Euro wegstecken. In den ersten drei Monaten dieses Jahres ist noch einmal die gleiche Summe zusammengekommen. Wie steht es um Ihre Bestände? Gerüchten zufolge liegt Ihr Wertberichtigungsbedarf derzeit bei drei Milliarden Euro.

Sie sprechen selbst von einem Gerücht – und Gerüchte kommentieren wir grundsätzlich nicht.

Die Sachsen LB wurde zum Sanierungsfall. Bei der WestLB und der BayernLB müssen Risiken in Milliardenhöhe durch die Eigentümer abgesichert werden. Warum sind ausgerechnet die deutschen Landesbanken so stark betroffen?

Die generelle Thematik bei den Landesbanken ist, dass sie neben dem normalen Geschäft ein Kreditersatzgeschäft betreiben, also verbriefte Kredite in den Büchern haben. Die einen haben etwas mehr davon, die anderen weniger. Der Grund dafür ist struktureller Natur. Die Landesbanken hatten bisher nur wenige Kundenbeziehungen und haben im Prinzip davon gelebt, dass sie durch die Staatsgarantien am Markt günstig an Kapital gekommen sind. Dieses Geld haben sie dann über das Kreditersatzgeschäft im Grunde risikoarm angelegt.

Wie sich nun zeigt, war es eben doch nicht so risikoarm. Hätten die Landesbanken nicht eher aussteigen müssen?

Nein, sie hatten nicht die Option, das Kreditersatzgeschäft von heute auf morgen abzubauen. Schließlich brachte es ja Ertrag, und es ist auch nicht so, dass die Banken ein unkalkulierbares Risiko eingegangen sind. Sie haben Papiere bester Qualität gekauft.

Auch diese Papiere sind am Markt allerdings derzeit nicht mehr viel wert.

Das ist nicht das entscheidende Problem. Ich muss mir doch die Frage stellen: Wann schwäche ich eine Bank in ihrer Substanz? Wenn ich Geld verliere. Und Geld verliere ich nur, wenn es zu Ausfällen kommt. Ich verliere kein Geld, zumindest nicht nachhaltig, wenn es nur zu Kursverwerfungen kommt. Wenn es in einem Quartal oder im Halbjahr zu Schwankungen kommt, habe ich noch kein Problem, solange mein Eigenkapital davon unberührt bleibt.

Aber der Grund für die Krise bei der WestLB und auch bei der Sachsen LB sind nicht Kreditausfälle, sondern eben die Kursschwankungen.

Das liegt am Ausmaß der Geschäfte. Die Sachsen LB musste Kursschwankungen bei ihrer Zweckgesellschaft Ormond Quay mit einem Volumen von 17 Milliarden verkraften. Das war schlichtweg nicht leistbar.

Auch wenn die Krise in ihrem jetzigen Ausmaß nicht vorhersehbar war, muss ein Banker sein Geschäft doch so strukturieren, dass die Bank auch bei schweren Verwerfungen an den Märkten zumindest überleben kann.

Das ist völlig richtig. Wir hatten seit Mitte der Achtzigerjahre eine Entwicklung nach dem Motto: Das Kreditgeschäft ist tot – es lebe das Wertpapiergeschäft. Dass man dann möglicherweise geglaubt hat, es wird immer Märkte geben und man kann immer verkaufen, sind die eigentlichen Irrtümer, denen man erlegen ist. Das kann man den Personen auch gar nicht so sehr verdenken, die vielleicht mit Kapitalmärkten gar nicht so viel zu tun hatten.

Es kann doch nicht sein, dass es Bankvorständen an der nötigen Erfahrung und an Wissen in zentralen Geschäftsfeldern mangelt.

Das weiß man jetzt. Man muss aber doch auch Folgendes sehen: Um einen Bankführerschein zu bekommen, der nötig ist, um eine Bank führen zu dürfen, wird man im Wesentlichen nach seiner Kreditkompetenz befragt. Dabei ist das möglicherweise gar nicht der entscheidende Punkt, seitdem es die Eigenkapitalregelungen Basel II und enge Korsette in den Banken gibt, durch die Kreditentscheidungen vorstrukturiert werden. Der Vorstand hat doch meist gar keine Möglichkeit mehr, die Bank durch eine falsche Kreditentscheidung in eine existenzbedrohende Lage zu bringen. Viel entscheidender sind doch, wie wir jetzt sehen, die Gefahren durch weltweite Kapitalmarktkrisen.

Wie lässt sich Ihrer Meinung nach verhindern, dass die Krise sich weiter ausbreitet?

Es gibt keine funktionierenden Märkte. Das betrifft nicht nur das Kreditersatzge-schäft, sondern reicht bis in den Handel mit Pfandbriefen und Anleihen hinein. Ich denke auch nicht, dass sich das bald wieder beruhigt. Wir müssen jetzt nach einer neuen Basis suchen und über Produkte und Handelsaktivitäten nachdenken, die wieder zu einer neuen Marktbalance führen.

Mit Aktivitäten meinen Sie auch ein Eingreifen des Staates?

Das Gravierende ist doch, dass die Finanzkrise auch zu einer Krise der Realwirtschaft führen kann. Und das Risiko, dass es dazu kommt, wird nicht gerade kleiner. Die ersten Auswirkungen sehen wir heute schon. Große Finanzierungen sind nur schwer möglich. Wenn diese Situation lange anhält, wird das auch Einfluss auf die Konjunktur haben müssen. Denn auch Mittelständler leben von den großen Investitionen. Es müssen Vorkehrungen getroffen werden, wenn man sieht, dass sich die Entwicklungen so verschärfen, wie das in den USA bereits jetzt der Fall ist.

Wie könnten die Maßnahmen aussehen?

Die japanische Notenbank hat beispielsweise in der Krise der Achtziger- und Neunzigerjahre Aktien gekauft, um die Kurse zu stützen und den Banken über ihre Industriebeteiligungen Eigenkapital zu geben. Nun ist es nicht nötig, dass die amerikanische Notenbank Aktien kauft, um die Banken zu stützen, aber das, was sie jetzt schon tut, geht in dieselbe Richtung. Sie akzeptiert Anleihen mit einer entsprechenden Komplexität für Wertpapierpensionsgeschäfte, die derzeit nur schwer Kurse am Markt finden, um den Markt zu stabilisieren. Ähnlich agiert die EZB. Ich kann mir vorstellen, dass das in einem größeren Umfang stattfinden muss.

Es muss also in jedem Fall verhindert werden, dass eine Bank pleitegeht?

Man muss sich immer die Frage stellen, ob die Realwirtschaft durch das Untergehen einer Bank beeinträchtigt werden soll. Möglicherweise sogar in einer derart massiven Form wie während der Depression in den Dreißigerjahren. Ich denke nicht, dass man das ausprobieren sollte. Die Vernetzung der Banken untereinander ist so groß, dass auch eine Pleite eines mittelgroßen Instituts große Löcher bei anderen Banken reißen kann, sodass diese dann auch kippen. Dann gäbe es auf einmal nur eine eingeschränkte Kreditvergabe in Deutschland – und damit eine Entwicklung, die keiner von uns haben möchte.

Wenn Sie davon ausgehen, dass die Krise noch einige Zeit andauert, was erwarten Sie dann für die LBBW in diesem Jahr?

2008 wird bei uns nach der Übernahme der Sachsen LB in erster Linie durch das Thema Integration bestimmt. Zudem arbeiten wir weiter an unserem Geschäftsmodell. Wir werden das Kundengeschäft vorantreiben und das Kreditersatzgeschäft auslaufen lassen. Gleichzeitig bauen wir unser Geschäft in Sachsen auf und werden massiv unsere Kosten reduzieren. Das soll die Solidität unseres Geschäftsmodells mittel- und langfristig verbessern.

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