Leben in Detroit: "Den Exodus aufhalten"

Leben in Detroit: "Den Exodus aufhalten"

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US-Sängerin Martha Reeves, 67, gehört zu den herausragenden Sängerinnen in der 50-jährigen Geschichte des Musiklabels Motown

Die Soul-Sängerin und Stadträtin von Detroit, Martha Reeves, über das Leben in ihrer Heimatstadt. Sie ist seit dort seit 2005 Stadträtin.

WirtschaftsWoche: Frau Reeves, Detroit war jahrzehntelang der Motor der US-Wirtschaft. Droht die Stadt jetzt zu einer Geisterstadt zu werden?

Reeves: Detroit hat die Finanzkrise schlimm getroffen, aber der Überlebenswille der Menschen in dieser Stadt ist sehr stark. Ich sehe Detroit bereits wieder auf dem Weg nach oben.

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Woher nehmen Sie diese Zuversicht?

Die ersten Signale waren bereits zu sehen bei der Detroit Motor Show, zum Beispiel in den Plänen zum Bau von Elektroautos. In dieser Stadt gibt es so viele Talente, Forschung und Know-how, sodass Detroit aus eigener Kraft neue Technologien auf den Weg bringen wird – bei der Entwicklung von neuen Autos, aber auch anderen Zukunftstechniken. Mein Sohn ist Ingenieur bei Ford. Auch er hat neuen Mut gefasst.

Mitte der Sechzigerjahre stammten zwei Drittel der Songs in den US-Musik-Charts vom Detroiter Label Motown, der ersten Hitmaschine des Pop. Haben Sie eine Erklärung für den Erfolg?

Motown ist in jeder Hinsicht neue Wege gegangen, um schwarze Musiker im Pop-Business zu etablieren. Barry Gordy, der Gründer von Motown Records, hatte vorher als Boxer und Arbeiter bei Ford sein Geld verdient. All das, was er bei Ford gelernt hat – die Fließband-Produktion und die Qualitätskontrolle –, hat er konsequent mit dem Motown-Label umgesetzt. Damals wurde ein Song in wenigen Tagen geschrieben und aufgenommen. Es herrschte eine unvergleichliche Atmosphäre.

Während der Siebzigerjahre verließen fast alle Stars die Stadt: Diana Ross, Marvin Gaye, Smokey Robinson, Stevie Wonder. Sie sind als Einzige bis heute geblieben. Warum?

Im Jahr 1971 waren plötzlich alle weg, weil Barry Gordy mit der Firma nach Los Angeles gegangen war. Ich war aber gerade Mutter geworden, hatte mich um meinen Sohn zu kümmern. Motown hat mich sitzen lassen. So einfach war das.

Bereuen Sie, nicht mitgegangen zu sein?

Überhaupt nicht. Barry Gordy wollte mit Motown ein Teil von Hollywood werden. Doch dort war es nur eine Firma unter vielen. Das Einzigartige, der Spirit von Detroit war weg. Ich habe dann meine Solokarriere verfolgt, Höhen und Tiefen erlebt. Und heute bin ich sehr glücklich, als Stadträtin eine politische und soziale Verantwortung für meine Heimatstadt zu tragen.

Die City verödet dramatisch, die Kriminalität steigt. Sie sind selbst schon ausgeraubt worden, wie man lesen konnte.

Detroit hatte einst drei Millionen Einwohner, nun sind es nur noch 900.000. Die Menschen ziehen in die Vorstädte. Die sind sicherer. Und dort lebt es sich günstiger. Dennoch werde ich in der Stadt wohnen bleiben, um ein Zeichen zu setzen. Wir müssen den Exodus aufhalten.

Was kann die Stadtverwaltung dagegen tun?

Im Moment kämpfe ich darum, Musik und Sport wieder in die Lehrpläne zu bringen. Die meisten Angebote wurden gestrichen, weil es nicht mehr bezahlbar war. Außerdem gehöre ich einer Städtebau-Kommission an, die jede Woche vor Ort ist. Wir registrieren die leer stehenden Häuser, verzeichnen erste Erfolge bei der Suche nach neuen Käufern und Investoren. Eines der wichtigsten Projekte ist die Anlage einer Uferpromenade, um die City für Besucher attraktiver zu machen. Während meiner Konzertreisen sammle ich ständig neue Anregungen. Ich bin jetzt ein paar Tage in Berlin, auch dort spreche ich mit Politikern, schaue mir Architektur oder soziale Einrichtungen an.

Sie wollen zum 50-jährigen Jubiläum von Motown auch Statuen der berühmtesten Musiker aufstellen lassen. Gibt es nicht dringendere Aufgaben?

Es ist etwas, aus dem Detroit viel Kapital schlagen kann. Ich spüre in aller Welt, wie Detroit für seine Musik-Historie bewundert wird. Doch wer nach Detroit kommt, spürt nichts davon. Natürlich hat die Lösung der sozialen Probleme Vorrang, aber wir müssen auch die Attraktivität für Touristen erhöhen. Wie sehr eine Stadt davon profitieren kann, zeigt das Beispiel von Cleveland in Ohio. Deren Wahrzeichen ist inzwischen die Hall Of Fame des Rock ’n’ Roll. Sie wurde in den Neunzigerjahren errichtet und hat großen Anteil daran, dass sich die Stadt von einem sterbenden Industriestandort zu einer kulturellen Boomtown entwickelt hat.

Steigt mit dem Amtsantritt des neuen US-Präsidenten Barack Obama auch die Hoffnung für Detroit?

Mehr noch. Wir sind durch ihn wieder mit der Welt verbunden.

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