Lebensmittel: Sachsenmilch-Hauptversammlung: Müllers skurrile Show

Lebensmittel: Sachsenmilch-Hauptversammlung: Müllers skurrile Show

St. Martin und Vanille-Zauber – auf der skurrilen Hauptversammlung der Sachsenmilch AG erklärt Molke-Mogul Theo Müller den Aktionären seine Sicht der Unternehmerwelt.

Schonkost im Keller

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Theo Müller: Rote Grütze und Buttermilch-Dessert für die Aktionäre

"Runter, bis es nicht mehr weitergeht, und dann gleich um die Ecke“, weist ein Wachmann den Weg. Nach ein paar Treppenstufen ist es so weit. Das Handy hat hier keinen Empfang mehr. Internet? Fehlanzeige. „Aber Strom gibt es“, versichert eine Dame am Einlass. Willkommen beim jährlichen Aktionärstreffen der Sachsenmilch AG, einer im Grunde schlichten Hauptversammlung, über der jedoch tatsächlich unsichtbar der Werbeslogan des Mutterkonzerns schwebt: „Alles Müller, oder was?“

Denn Europas größtes Milchwerk gehört zum Laktat-Imperium des ebenso spar- wie selbstbewussten Molke-Milliardärs Theo Müller, der auch Marken wie Müller Milch und Weihenstephan sein Eigen nennt. Für Müller sind öffentliche Auftritte oder Interviews gemeinhin so etwas wie rechtsdrehende Joghurtkulturen: ein Unding. Nur bei Sachsenmilch muss er in die Bütt und sich zeigen, schließlich ist er Aufsichtsratschef.

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Der Versammlungsraum im Keller des Verwaltungsgebäudes versprüht den Charme eines Klassenzimmers. Vorn sitzt Müller mit Aufsichtsratskollegen und Vorstand und blickt auf die Bankreihen mit den Aktionären. Hinter der Kleinanlegerschar hängt ein Bild: Mutter mit Tochter in Acryl, die Kleine hält eine Schultüte fest im Arm, wahrscheinlich randvoll mit leckerem Joghurt. Der Ansturm der Aktionäre hält sich in Grenzen. Ganze 17 haben sich auf den Weg nach Leppersdorf gut 30 Kilometer vor den Toren Dresdens gemacht. Müller greift zum Mikrofon. Kaum spricht er, hallt es, der „Herr Tonmeister“ – ein junger Mann, der am Laptop hockt – wird gerügt, dann verliest Müller die Formalien. Die Tonübertragung ins Foyer sei sichergestellt, verkündet Müller. Welches Foyer? Und überhaupt: Müller spricht so breites Bayrisch, dass er jenseits der bajuwarischen Landesgrenzen selbst mit bester Technik nur schwer zu verstehen ist.

Kaum Dividende trotz hohen Aktienwerts

Kaum haben sich die Zuhörer an das Idiom gewöhnt, reicht Müller das Mikrofon an Sachsenmilch-Vorstand Thomas Bachofer weiter. Der müht sich 20 Minuten lang, möglichst viele Zahlen möglichst schnell vorzulesen. Ein Blick in den Geschäftsbericht zeigt, dass der Umsatz mit 1,4 Milliarden Euro 2008 zwar stabil geblieben ist. Doch der Jahresüberschuss sackte von 6,2 Millionen auf 2,7 Millionen Euro.

Während draußen die Lastwagen aus ganz Deutschland über eine eigene Umgehungsstraße zum riesigen Milchwerk rollen, hält Müller drinnen die Hände über der Brust verschränkt. So lässt er den Zahlenstrom an sich vorüberfließen, ehe er die Aussprache mit den Aktionären eröffnet. Für Sekunden kommt etwas Leben in die Bude. Doch nachdem sich gleich der erste Redner als Aktiensammler aus Westfalen outet, der das Sachsenmilch-Papier einer späteren „musealen Verwendung“ zuzuführen gedenkt, legt sich die Stimmung. Ein Aktionär in der dritten Reihe döst weg, auf dem Tisch vor sich einen leeren Becher Rote Grütze.

Der zweite – und zugleich letzte – Redner tritt forscher auf. Er will wissen, wie sich das Markengeschäft entwickelt, warum die Logistikkosten gestiegen sind und wie sich die Forschungsausgaben zusammensetzen. Eine Stunde veranschlagt Müller für die Beantwortung der Fragen – und entlässt die Aktionäre erst mal in die Milchpause. Im Vorraum dürfen sie sich bedienen. Auf anderen Aktionärstreffen gibt es belegte Brötchen und Bockwurst. Müller speist seine Miteigner mit fettarmem Vanille-Zauber und Buttermilch-Dessert ab. „Wir werden seit Jahren ausgehungert“, klagt ein Aktionär und denkt dabei wohl nicht nur an die Schonkost im Sachsenmilch-Keller.

Zwar ist die Sachsenmilch-Aktie mit einem Kurs von rund 2500 Euro optisch eines der teuersten Wertpapiere. Mit elf Cent Dividende liegt die Rendite jedoch bei homöopathischen 0,0044 Prozent. Wer die Aktie hält, ist schlicht eine Wette darauf eingegangen, dass es Müller dereinst zu lästig wird, Versammlungen abzuhalten und er stattdessen den Rest der Anteile mit einem Aufschlag kauft. Schon jetzt kontrolliert er rund 86 Prozent der Aktien. Ob die Spekulation aufgeht, ist fraglich. Denn Müller scheint Spaß zu haben an dem Treffen, gewinnt ihm gar launige Momente ab. Während Vorstand Bachofer noch an seinen Antworten feilt, stellt sich der Milliardär zu den Aktionären und verbreitet fröhlich brummend seine Weltsicht: Kapitalismus, sagt Müller, sei für ihn das „Nonplusultra“. Noch nie im Leben habe er daran gedacht, auch nur einen Arbeitsplatz zu schaffen – Jobs seien schlicht ein Nebeneffekt des Geldverdienens.

Dann gibt Müller seinen Mitaktionären noch schnell seine Version der St.-Martins-Geschichte mit auf den Weg. Der Heilige habe der Legende nach ja seinen Mantel mit einem Bettler geteilt. „Und was war die Folge?“, fragt Müller in die Runde und antwortet selbst: „Beide haben sie gefroren.“ Unsereins, spricht darob der Unternehmer, unsereins würde die Nachfrage nutzen – und in die Mantelproduktion einsteigen.

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