Lebensmittel: Weltweit droht Nahrungsknappheit

Lebensmittel: Weltweit droht Nahrungsknappheit

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Weizen steht auf einem Feld nahe Jagel im Kreis Schleswig-Flensburg

Missernten treiben die Getreidepreise hoch. Schon horten Händler Vorräte. Ein entscheidende Rolle spielt China.

Die Wut der Menschen in Nordafrika und dem Mittleren Osten speist sich zu einem guten Teil aus den hohen Preisen für Lebensmittel. Die sind jedoch nicht den Launen von Autokraten und Polizisten geschuldet. Hier beginnt die Geschichte vergangenes Jahr mit einer verheerenden Dürre in Russland und später Argentinien sowie mit sintflutartigen Regenfällen in Australien und Kanada. Angaben der Vermarktungsgenossenschaft Canadian Wheat Board zufolge waren die Wolkenbrüche in der wichtigen kanadischen Anbauregion Saskatchewan so anhaltend und heftig, dass rund vier Millionen Hektar Weizen nicht angesät werden konnten. „Die normalerweise trockenste Provinz war noch nie so feucht", teilte die Wetter- und Umweltbehörde Environment Canada mit.

Die schwächere Weizenernte in diesen Ländern sowie die durch den kühlen, feuchten Sommer verzögerte Ernte im Mittleren Westen der USA trugen dazu bei, dass sich Weizen an der Chicago Board of Trade im vergangenen Jahr um 74 Prozent verteuerte. Mais legte in dem Zeitraum in Chicago sogar um 87 Prozent zu. In jüngerer Zeit kletterten die Getreidepreise dann noch einmal, diesmal weil die Weizenernte Chinas von Trockenheit bedroht ist. China ist der weltweit größte Produzent von Weizen, und in den acht wichtigsten Anbauprovinzen des Landes steht nach Angaben von Landwirtschaftsminister Han Changfu auf zirka 42 Prozent der Winterweizen-Flächen zu wenig Wasser zur Verfügung.

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Der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO zufolge sind die Nahrungsmittelpreise im Januar weltweit auf Rekordhochs gestiegen. Die FAO geht dabei von Daten aus, die bis 1990 zurückreichen. „Immer wenn der Markt so eng wird wie jetzt, horten viele Marktteilnehmer Vorräte", sagt Abdolreza Abbassian, leitender Volkswirt bei der UN-Landwirtschaftsorganisation. Er rechnet damit, dass die Weizenpreise in den kommenden sechs Monaten auf hohem Niveau verharren oder sogar weiter steigen, da Importeure im Wettlauf gegen weitere Teuerung ihre Käufe vorziehen.

Angebotsprobleme bei Feldfrüchten

Ob der Welt dieses Jahr eine landwirtschaftliche Katastrophe bevorsteht, hängt maßgeblich von der Ernte im nordchinesischen Tiefland ab. „Wir bräuchten bis zum Sommer 2012 zwei perfekte Ernten, damit die Vorräte wieder akzeptables Niveau erreichen", sagt Jason Lejonvarn, Rohstoffstratege beim Vermögensverwalter Hermes Fund Managers in London. Fallen die ausgedörrten Jungpflanzen hingegen mangels Feuchtigkeit aus, verhängt China möglicherweise ein Exportverbot oder würde sogar vom Weizen-Nettoexporteur zum Importeur. Dies brächte den Weltmarkt noch stärker unter Druck, und wir könnten es mit einer weltweiten Getreideknappheit zu tun bekommen – ein Übel, das bereits überwunden schien. Selbst amerikanische Rohstoffeinkäufer spüren dies: „Es gibt bei sämtlichen Feldfrüchten Angebotsprobleme", sagt Steve Nicholson, Beschaffungsexperte bei International Food Products in St. Louis. „Die Produktion kommt mit der Nachfrage nicht mit."

Selbst wenn es nicht zum Schlimmsten kommt, stellt der plötzliche Einbruch des Angebots an Nahrungsrohstoffen Agrarbranche und Politik gleich vor mehrere Herausforderungen.

Preisanstieg bei Nahrungsmitteln fördert Inflation

Auf elementarem Niveau geht es darum, ob die Menschheit ihre Ernährung sichern kann. Die industrielle Landwirtschaft gewährleistet seit Jahrzehnten steigende Ernteerträge und niedrige Preise. Allerdings ist die Phase vorhersehbaren Überflusses, der die Weltbevölkerung auf fast sieben Milliarden Menschen wachsen ließ, nun möglicherweise vorbei. Hilfsorganisationen kämpfen bereits mit Hurrikans, Erdbeben, Vulkanausbrüche und der Streichung staatlicher Mittel und verfügen nicht mehr über die Ressourcen, um mit ernsten Engpässen in der Nahrungsmittelversorgung fertig zu werden. Angaben der Weltbank zufolge haben steigende Preise für Nahrungsmittel seit Juni in Entwicklungsländern jedoch weitere 44 Millionen Menschen in extreme Armut gestürzt. „Die Weltmarktpreise für Nahrungsmittel bedrohen zig Millionen armer Menschen auf der ganzen Welt", erklärte Weltbankpräsident Robert Zoellick Mitte Februar bei einer Telefonkonferenz. „Der Preisanstieg lässt bereits Millionen Menschen in die Armut rutschen." Manche Menschen müssten über die Hälfte ihres Einkommens für Nahrung ausgeben und seien daher in einer besonderen Zwangslage.

Die steigenden Preise führen in unterentwickelten Regionen zudem zu Inflation. „In vielen Entwicklungsländern besteht der Verbraucherpreisindex hauptsächlich aus Nahrungsmitteln, Energie und Transport", erklärte Nouriel Roubini im Januar im Bloomberg-Interview. „Wenn diese Dinge teurer werden, bedeutet das ganz erhebliche soziale Kosten", sagte der Volkswirt der New York University.

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