Morgens um fünf ist die Welt nicht für jeden in Ordnung im Lekkerland-Lager in Oberhausen. Knurrig hocken Lkw-Fahrer in ihren roten Overalls über dicken Papierstapeln, die sie fluchend „nun zum dritten Mal“ sortieren. Draußen schüttet es wie aus Kübeln. Die Männer wissen: Jedesmal, wenn sie heute Waren ausladen, werden sie im Regen stehen und sich nass wieder hinters Lenkrad klemmen. Einer wirkt, als könnten ihm die widrigen Umstände nichts anhaben: Marcus Gietzen, 39 Jahre alt und Lkw-Fahrer seit 16 Jahren. Routiniert organisiert er seine Tour, die F 26. F steht für „früh“, die Zahl 26 für die Laderampe, an die Gietzen seinen Lkw rückwärts herangefahren hat. Das Rolltor öffnet sich. Auf den ersten Blick wirkt alles wie ein Durcheinander: Dutzende mannshoher roter Rollcontainer, bepackt mit großen und kleinen, schmalen und breiten, braunen und bunten Kartons, mal mit Ricola-Hustenbonbons oder Paprika-Chips, mal mit ein paar Stangen Zigaretten, Pfeifentabak oder Flachmännern. Doch das Chaos hat System. Farbstreifen auf dem Boden markieren, wo die Ware für Gietzen steht. Jeder seiner Rollcontainer ist einem oder zwei der Kunden zugeordnet, die er heute anfahren muss. Anhand seiner Tourenliste und Ausdrucken, die an den Rollcontainern kleben, ordnet Gietzen die Transportwagen. Für Helmuth Krosch etwa, den Inhaber eines Getränkemarktes in der Neusser Finkenstraße, muss er vier Paletten Felskrone-Dosenbier, einen Karton Wodka, einen Packen flache Korn-Flaschen, zwei Sechser-Kartons Portugieser Weißherbst aus der Pfalz, diverse Zigaretten-Großpackungen und einen 24er-Pack Bounty zartherb einladen. Lekkerland, das ist Deutschlands König der Kioske, der Buden und Tante-Emma-Läden und Tankstellen-Shops. 62.000 Verkaufsstellen in Deutschland und 130.000 in Europa beliefert das Großhandelsunternehmen, das seinen Hauptsitz in Frechen bei Köln hat. Und das nur so klotzen kann, weil es kleckert: Insgesamt 30.000 verschiedene Artikel werden weltweit von Regionallagern aus verteilt, von denen es in Europa 48 gibt. In Oberhausen steht das größte in Deutschland, auf sein Konto geht ein Zehntel des gesamten Konzernumsatzes 2005. Der einzelne Kunde, den Fahrer wie Gietzen ansteuern, bekommt aus dem Fundus oft nur einen Arm voll Waren. Gerade mal 250 Euro Mindestumsatz pro Lieferung sind Bedingung, damit der Mann von Lekkerland vorbeikommt. Wer weniger braucht, bekommt auch kleinere Mengen, zahlt aber einen Mindermengenzuschlag. Gietzen hat in einer guten halben Stunde den 18-Tonner mit 33 Containern bis auf den letzten Fleck gefüllt. Er sortiert die Rechnungen, füllt den Fahrtenschreiber aus, dann geht es los. Tour F 26 führt ihn heute nach Neuss, erst rund 60 Kilometer über die Autobahn, dann quer durch die 150.000-Einwohner-Stadt bei Düsseldorf. Keine weite Reise, aber eine typische für die Klein-Klein-Welt von Lekkerland.
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Lekkerland lebt von Impulskäufen, wie Marketingprofis sagen, also vom spontanen Zugreifen beim Tanken, an der Baumarktkasse oder am Kiosk. 40 Millionen Lollis kauften die Deutschen 2005, weil Lekkerland sie – mit einer Lieferpünktlichkeit von 99 Prozent – auf die Verkaufstheken bringt, dazu 160 Millionen Brötchen und 5000 Tonnen Grillkohle. Rund 6500 Mitarbeiter wie Fahrer Gietzen arbeiten zwischen Cordoba und den Karpaten dafür, dass Milliarden Kleinteile vom Hochregallager ins Verkaufsregal finden. Logistik-Chef Kay Schiebur verteilt die Waren komplett mithilfe eigener Lastwagen und eigener Fahrer, weil er die Steuermänner als „bestes Instrument der Kundenbindung“ begreift: „Von denen erfahren wir, ob der Kunde zufrieden ist.“ An jedem Werktag schickt Schiebur 1500 weiße Lastwagen und Transporter mit dem roten Lekkerland-Logo in Europa hinaus zu den Krämern, obwohl ein Logistik-Dienstleister die Fahrten billiger durchführen könnte. Künftig will er sogar die Belieferung der Lager selbst steuern. Die rund 1000 Lieferanten in Deutschland sollen ihre Produkte nicht mehr bringen, sondern von Lekkerland abholen lassen, um Leerfahrten und Anlieferungen zu reduzieren. Dass alles „viel reibungsloser läuft als früher“, bemerkt auch Fahrer Gietzen.











