Literatur: Lesen und lachen

Literatur: Lesen und lachen

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Was soll ich lesen? Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen sortiert für die WirtschafsWoche ihre Favoriten

Silvia Bovenschen über gutgelaunte Schriftsteller und die Abneigung gegen Harmlosigkeit und Naivität.

Wenn der Gehalt eines Romans oder eines Gedichts mit gleicher Eindrücklichkeit und Strahlkraft auch durch eine wissenschaftliche Abhandlung oder einen Zeitungsartikel wiedergegeben werden könnte, wäre Literatur überflüssig. Gute Literatur zeichnet sich dadurch aus, dass wir in ihr etwas formuliert finden, was wir so nicht in unsere Begriffe holen können – nicht zuletzt deshalb, weil es unserer Zeit voraus ist. Dafür gibt es Beispiele, etwa Goethes Faust II. Gäbe es eine ein für alle Mal gültige Interpretation dieses Werks, dann könnten wir es zu den Akten legen. Stattdessen entdecken wir es immer wieder neu und erleben so, wie ein Stück Literatur des 19. Jahrhunderts in die Gegenwart hineingreift.

Woran das liegt? An der Offenheit des literarischen Kunstwerks. Auch daran, dass Schriftsteller – wie Künstler überhaupt – über vielfältige und ganz unterschiedliche Formen der Intelligenz verfügen. Scheinbar paradox: Sie wissen oft mehr als sie wissen. Auf der Begriffsebene mögen sie uns manchmal nicht sonderlich imponieren. Doch in ihrer Kunst setzen sie uns in Erstaunen. Literatur zeigt uns die Welt, ja, sogar viele Welten, wie wir sie noch nicht gesehen haben.

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Das kann auf ganz unterschiedliche Weise gelingen: Eher rational kalkulierend wie bei Jorge Luis Borges oder bildmächtig wie bei der wunderbaren Amerikanerin Emily Dickinson. Für mich selber ist Schreiben ein Kommunikationsvorgang. Ich kommuniziere mit Menschen, wenn ich schreibe, auch mit verstorbenen Freunden, deren Wächtertum vielleicht noch mächtiger ist als das der Lebenden, und frage mich dann: Welche Wendung, welches Adjektiv würde diesem oder jenem wohl gefallen?

Meine Lieblingsschriftsteller wechseln je nach Lebensphase. Im Moment lese ich sehr gern Autoren, bei denen ich den Eindruck habe, dass sie gute Laune hatten beim Schreiben. Ich weiß, das ist eine Vermutung, eine Intuition. Aber man braucht nur den Roman „Pnin“ von Vladimir Nabokov aufzuschlagen und merkt sofort, dass es ihm Spaß gemacht haben muss, diese tragikomische Hauptfigur Timofey Pnin zu porträtieren, von dem es gleich zu Beginn heißt, dass er im falschen Zug sitze.

Oder Witold Gombrowicz, der den Leser aus reiner Spielfreude in seinem Roman „Ferdydurke“ mit Vertracktheiten narrt und in heillose Verwirrungen treibt. Oder der großartige Italo Svevo. Sein Roman „Ein Mann wird älter“ ist sicher kein fröhliches Buch, und trotzdem müssen wir beim Lesen lachen, vielleicht, weil wir unser eigenes Scheitern in der Hauptfigur spurenhaft wiedererkennen. Svevo beschreibt das Unglück, das Missgeschick, auch die Ungeschicklichkeit seiner Figuren, ohne sie zu denunzieren, sodass wir – anders als etwa bei Wilhelm Busch – ohne Häme und Brutalität über sie lachen können. Sogar bei Gustave Flaubert entdecke ich gute Laune des Autors, in seinem unvollendeten Spätwerk „Bouvard und Pécuchet“ ohnehin, aber stellenweise auch in „Madame Bovary“ und in „Salambo“, wo er sich mit einem Söldneraufstand in Karthago beschäftigt, aber im Grunde den Konflikt zwischen Moderne und Tradition beschreibt.

Wie sein etwas jüngerer Kollege Emile Zola beobachtet er sehr genau die Umbrüche seiner Zeit. Das vermisse ich heute: Den Mut zur Zeitgenossenschaft. Jedenfalls wundere ich mich manchmal über jüngere deutsche Autoren, die in einer Zeit globaler Umwälzungen immer noch Familiensagas oder Roadmovies wie in den seligen Achtzigerjahren schreiben. Gewiss, ein Roman kann die Globalisierung nicht einfach abbilden, aber er kann durchlässig sein für das, was sie bis in den Alltag hinein mit den Menschen macht. Stattdessen erleben wir in der Literatur, zuweilen auch in der Literaturkritik, gegenwärtig eine Phase der Restauration. Man zieht sich, was durchaus verständlich ist, zurück auf Bewährtes, auf traditionelle Stoffe und Erzählformen.

Die haben gewiss ihre Berechtigung. Julien Green oder Walker Percy beispielsweise erzählen scheinbar traditionell, und trotzdem ist in ihren Texten eine Unruhe und Empfindlichkeit am Werk, die ganz und gar nicht traditionell ist. Zu behaupten, man könne nach James Joyce und Samuel Beckett keinen realistischen Roman mehr schreiben, ist Unfug. Aber ich möchte in einem aktuellen Text doch gern spüren, dass es die mal gegeben hat. Anders gesagt: Ich ertrage keine Harmlosigkeit in der Literatur. Ein Autor sollte sich auch, wie jeder ernsthafte Leser, Naivität verbieten. Wer das in den Texten wiederfinden will, was er immer schon kennt, ist mit der Trivialliteratur reich bedient.

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