Literatur und Zeitgeist: Schreiben ist wie pinkeln

Literatur und Zeitgeist: Schreiben ist wie pinkeln

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Der spanische Autor Rafael Chirbes

Der Schriftsteller Rafael Chirbes über die Pflicht der Literatur, sich ihrer Zeit zu stellen.

Wir leben in einer Zeit, in der sich, fast unmerklich, eine neue soziale Ordnung herausgebildet hat, in der das gesamte Erbe ökonomischer und sozialer Werte am Boden liegt. Der Kapitalismus ist am Ende, die Familie zerstört, der einst so unbeschwerte Umgang mit der Sexualität durch Aids reglementiert. Es gibt keine Kontinuität mehr, keinen Platz mehr für langfristige Entwicklung.

Wer hat denn heute noch die Geduld, etwa einen Weinberg zu pflegen oder Olivenbäume zu pflanzen und zu hegen, obwohl klar ist, dass man nicht selbst, sondern vermutlich erst die Generation 80, 90 Jahre später die besten Früchte ernten, das beste Öl pressen, den besten Wein daraus keltern kann? So langfristig denkt heute keiner mehr. Jeder kämpft für sich, so gut er noch kann, ums kurzfristige Überleben. Es geht nur noch darum, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Geld anzuhäufen, von einem Höhepunkt zum nächsten zu eilen. Ein System der Trostlosigkeit, das auf dem besten Wege ist, sich selbst aufzufressen.

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Als Schriftsteller fühle ich die Verpflichtung, mich dieser Zeit zu stellen – weil ich in ihr lebe. Ohne konkreten zeitgenössischen Rahmen verstünde man nichts, ließen sich die Beweggründe für das Handeln einer Person nicht nachvollziehen. Das gilt auch für Klassiker der modernen deutschen Literatur: „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin ist nicht zu lösen vom prallen Leben Berlins im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, „Doktor Faustus“ von Thomas Mann untrennbar verbunden mit der Bedrohung durch den Nazismus, die „Buddenbrooks“ undenkbar ohne die hanseatische Atmosphäre. Als Schriftsteller habe ich die Pflicht, die Auswirkungen von Ereignissen auf die Befindlichkeit meiner Protagonisten zu erfassen und mit einem Blick von der anderen Seite, so saftig wie möglich, ein Detail zu betrachten, das Historiker oder Soziologen nicht beachten würden. Bücher erlauben, Gespenster zu lieben, sich in Landschaften zu vergucken – und so die Welt zu verstehen.

Meine Aufgabe ist es nicht, Trost zu spenden, sondern von der Welt zu erzählen, wie sie in meinen Augen ist – mit ihren Gerüchen, ihrem Licht, der Färbung des Himmels. Es geht auch nicht um die Frage, ob Schreiben Spaß macht. Schreiben ist weder Fluch noch Wohltat.

Schreiben ist wie pinkeln. Ich schreibe, weil ich nicht anders kann. Manchmal ist es auch wie Roulette spielen – immer die Gefahr des totalen Schiffbruchs vor Augen. Oder wie ein Drogenrausch, der immer dann, wenn ein Buch abgeschlossen ist, abrupt endet und von einem Gefühl der Leere gefolgt wird. Bei jedem Buch fängt man wieder bei null an.

Carmen Martin Gaite hält das nicht für tragisch. „Wenn du schreibst, vergiss die Literatur“ – das war ihr Credo. Das innere Bedürfnis, zu schreiben, diktiere zwangsläufig die richtige Wahl der für den Stoff geeigneten Form, sagte sie. Würde umgekehrt die Form den Inhalt diktieren, käme nichts als hohle Rhetorik dabei raus. Obwohl ein Meister der Form, verabscheute auch Hermann Broch jede Form von Ästhetizismus als skrupellosen Kitsch. Für ihn war Schreiben nicht die Suche nach Schönheit, sondern Wahrheit und damit eine Frage der Moral. Die stellt auch Fernando de Rojas in „La Celestina“, einer Tragikomödie aus dem späten 15. Jahrhundert, in der eine Kupplerin einem jungen Mann hilft, ein junges Mädchen zu verführen.

Wer das historische Spanien kennenlernen möchte, sollte auch die Romane von Benito Pérez Galdós lesen. Von der ersten Seite an bedient er sich aller literarischer Kniffe, entführt den Leser mit herrlichen Charakteren in wunderbare Welten. Etwa in seinem vierteiligen Zyklus über die Erlebnisse Torquemadas, eines Großinquisitors aus dem 15. Jahrhundert.

Das Spanien zu Beginn des 20. Jahrhunderts führt uns Max Aub in seinen Romanen drastisch vor Augen: die Schrecken des Krieges, die Verzweiflung eines Lebens im Exil, die er als Vertriebener am eigenen Leib erfahren musste. Seine Personen sind nicht einfach gut oder böse. Man hört einem Franco-Anhänger genauso zu wie einem Kommunisten. So bringt er seine Leser dazu, die Positionen der Charaktere zu hinterfragen – und die eigene dazu. Wobei er nie seinen großartigen Sarkasmus verliert.

Was ich auch von Robert Musil behaupten möchte. Er versteht es, uns immer wieder mit unerwarteten Sprachbildern zu verblüffen. Metaphern des Absurden, die uns, wie etwa im „Mann ohne Eigenschaften“, auf das hinweisen, was uns Tag für Tag neue Rätsel aufgibt – das Leben selbst.

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