Literatur zum Thema: Frauen, wir schaffen das!

Literatur zum Thema: Frauen, wir schaffen das!

, aktualisiert 04. Juni 2011, 13:19 Uhr
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Marianne Heiß (38) ist Finanzchefin der BBDO-Werbeagenturen in Europa.

von Tanja KewesQuelle:Handelsblatt Online

Zu wenige Frauen in Führungspositionen? Endlich äußert sich nach Journalistinnen, Politikerinnen und Beraterinnen eine Managerin zum Thema: Marianne Heiß, Finanzchefin der Werbeagentur BBDO.

DüsseldorfWarum, warum, warum? Warum gibt es so wenige Frauen in Führungspositionen in Deutschland? Warum sind gerade einmal nur 3,2 Prozent oder 29 von 906 Vorständen der 100 größten deutschen Unternehmen weiblich? Diese Frage trieb Marianne Heiß um und an. Denn schließlich hat sie selbst es ja geschafft. Die 38-Jährige ist Finanzchefin der BBDO-Werbeagenturen in Europa.

Warum haben es nicht noch andere Frauen so weit gebracht? Heiß grübelte erst selbst und ging dann in der wissenschaftlichen Literatur auf Spuren- und Ursachensuche. Die Antworten reichten ihr jedoch nicht aus. Deshalb stellte sie diese Frage schließlich 40 anderen Frauen in Führungspositionen. Die Antworten spiegelte sie mit den Forschungsergebnissen und trug beides in ihrem Buch "Yes she can" zusammen. Nur das letzte Kapitel überließ sie einem Mann, ihrem Ehemann.

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"Yes she can!" - der Titel natürlich angelehnt an den Leitspruch des ersten schwarzen US-Präsidenten Barack Obama - ist das Buch einer Managerin, die einer Sache unaufgeregt auf den Grund gegangen ist. Herausgekommen ist eine sachliche Analyse, die Frauen auf dem Weg nach oben Mut machen und praktische Hilfe geben will und zugleich auch Unternehmenslenker überzeugen will, sich des Themas (endlich) anzunehmen - und zwar nicht aus Gutmenschentum, sondern aus ökonomischer Notwendigkeit und Überzeugung. "Es ist doch eine einfache wirtschaftliche Gleichung. Wenn wir so weitermachen wie bisher, kann in fünf Jahren die deutsche Wirtschaft nicht mehr wachsen, weil uns schlichtweg die Arbeitskräfte fehlen", schreibt Heiß.

Das im Redline-Verlag erschienene 200-Seiten-Werk ist nach "Die Feigheit der Frauen" der früheren taz-Chefredakteurin Bascha Mika, und "Verschenkte Potenziale?" der Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung Jutta Allmendinger ein weiteres Buch, das um die Frage kreist, warum es so wenige Frauen in Führungspositionen gibt. Anders als Mika und Allmendinger, die sich in Berlin auch zu Streitgesprächen und -lesungen getroffen haben, ist Heiß' Buch eine eher sachliche Analyse. Die direkte Auseinandersetzung scheut sie aber nicht. Das Thematisieren unbequemer Wahrheiten wie die niedrige Frauenquote in deutschen Führungsetagen ist sie gewohnt: "Als Finanzverantwortliche bin ich häufig der 'bad guy'."

40 Managerinnen machten mit - blieben aber bis auf eine anonym.

"Yes she can" ist nicht das erste Buch der Managerin. Ihr erstes Werk "Strategisches Kostenmanagement in der Praxis" erschien 2004 im Gabler Verlag. Der Stil ihres Zweitlings ist vielfältig und kurzweilig. Beobachtungen und Zitate, wie jenes von US-Präsidenten Barack Obama, in dem er erklärte, dass seine Frau "intelligenter und beeindruckender" sei als er selbst, wechseln sich mit Zahlen und Statistiken ab. Heiß verfällt dabei aber nicht in die typische Expertensprache. Begriffe wie "gläserne Decke" und Phänomene wie das der "homosozialen Reproduktion" erklärt sie direkt.

Das Buch beruht auf einer kritischen Auseinandersetzung mit den vielen wissenschaftlichen Studien, die es inzwischen zu diesem Thema gibt, sowie persönlichen Berichten von 40 Frauen, die Heiß im vergangenen Jahr interviewt hat, die aber bis auf eine anonym bleiben (wollten oder auf Wunsch ihres Arbeitgebers sollten). Einzige Ausnahme: Margret Dreyer.

Die zweifache Mutter und Abteilungsdirektorin Marken- und Produktkommunikation der Postbank hat das Kapitel "Führungsfrauen sind auch tolle Mütter" verfasst. Die 49-jährige Managerin beschreibt darin, wie sich Familie und Karriere vereinbaren lassen (müssen), und kommt zu dem Schluss: "Die Vogel-Strauß-Haltung kann sich unsere Gesellschaft nicht mehr lange leisten. Also auch nicht den Luxus, Frauen perfekt auszubilden, ohne ihr Potenzial vollständig zu nutzen."
Ähnlich wie Heiß hat sich Dreyer in und mit "Yes she can" erstmals öffentlich zu dieser Thematik geäußert. Ihre Motivation war: "Ich sehe es als meine Pflicht an, mich zu diesem Thema öffentlich zu Wort zu melden." Denn: Deutschland habe immer noch einen extrem hohen Nachholbedarf an Kinderbetreuungseinrichtungen wie auch an unternehmensspezifischen Angeboten, Karrieren nicht an Kindern scheitern zu lassen.
Neben Heiß und Dreyer, Allmendinger und Mika haben in den vergangenen Monaten noch mehr Frauen in die Computertasten gegriffen und Bücher geschrieben. Ebenfalls dieser Tage erschienen sind: "Mein Job, mein Baby, mein Chef, mein Mann und ich" von der Journalistin Anette Dowideit, "Karriere weiblich. Wie Frauen ihre Ziele erreichen, ohne sich zu verbiegen" von der Beraterin und Trainerin Daniela Daufeldt, "Happy working Mama" von Cathy Greenberg, Barrett Avigdor und Evelyn Boos sowie "Wenn du heulen willst, geh raus!" von der New Yorker PR-Lady Kelly Cutrone. Anders als "Yes she can" handelt es sich dabei jedoch um Ratgeberbücher, und Betroffenheit spielt eine große Rolle.
Die vielen Neuerscheinungen wundern Wolfgang Hanfstein, Chefredakteur der Internetseite Managementbuch.de nicht. "Das Segment Selbstfindungsliteratur läuft schon seit längerem insgesamt gut, und besonders gut kommen jetzt die Ratgeber für Frauen an." Der Leidensdruck berufstätiger Frauen und der Wunsch, Familie und Beruf vernünftig miteinander vereinbaren zu können, seien anscheinend groß.
Der Ehemann schildert aus dem Leben mit einer erfolgreichen Frau.

So bietet Autorin Heiß zusätzlich zu ihrem Buch noch den Blog http://yes-she-can.blogspot.com an und pflegt diesen. In ihrem Buch, für das sie von ihrem Arbeitgeber BBDO 25 Tage freigestellt wurde, hält sie sich mit persönlichen Eindrücken und Offenbarungen aber zurück. So schreibt sie einzelne Passagen zwar in der Ichform, doch handelt es sich dabei meist um Thesen und Apelle: "Ich wollte nicht zu viel von mir preisgeben. Außerdem geht es ja auch gar nicht um mich oder um eine andere einzelne Frau. Es geht um die Gesamtsituation und die Hintergründe."
Im Interview erzählt die gebürtige Österreicherin, die jahrelang in Düsseldorf gearbeitet hat, dass sie selbst zwar nie an eine gläserne Decke gestoßen sei, die sie vom Aufstieg abgehalten hätte, aber auch immer nahezu doppelt so gut hätte sein müssen wie ihre männlichen Kollegen und Konkurrenten. "Ich bin keine Betroffene, ich stehe aber wie jede andere Frau auch, die sich gegen viele Widerstände durchgesetzt hat und jetzt Einfluss hat, in der Verantwortung, mich für mehr Chancengleichheit einzusetzen."
Doch indirekt und mit einem kleinen Augenzwinkern gewährt Heiß schließlich doch noch Einblicke in ihr Privatleben. Das letzte Kapitel ihres Buchs hat ihr italienischer Ehemann Pietro Gallone, ein Wirtschaftsingenieur, geschrieben. In das "Das Leben (der) des Anderen" schildert er, wie schwer und schön zugleich es ist, mit einer erfolgreichen Frau liiert zu sein und sie zu lieben: "In unserem Haus hängt eine großformatige Fotografie, die meine Frau und mich zeigt. Meine Frau geht darauf vor mir eine Treppe hinauf und schaut sich dabei zu mir um. Wir lächeln einander zu, und ich folge ihr. Ihr Lächeln ist sehr offen und wirkt irgendwie stark. Meines ist dagegen etwas zurückhaltender. Aber das Entscheidende ist, dass sich unsere Blicke begegnen und darin das Lächeln des Anderen liegt."

Bibliografie:

Jutta Allmendinger: Verschenkte Potenziale? Campus, Frankfurt 2010, 198 Seiten, 16,90 Euro.

Bascha Mika: Die Feigheit der Frauen C. Bertelsmann, München 2011, 288 Seiten, 14,99 Euro.

Anette Dowideit: Mein Job, mein Baby, mein Chef, mein Mann und ich Orell Füssli, Zürich 2011, 170 Seiten, 19,90 Euro.

Marianne Heiß: Yes she can. Die Zukunft des Managements ist weiblich Redline, München 2011, 240 Seiten, 19,99 Euro.

Quelle:  Handelsblatt Online
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