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Lkw-Markt: Tiefe Gräben

von Noch Fragen? thomas.katzensteiner@wiwo.de und franz w. rother

Der Traum von VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch, mit MAN und Scania einen Pkw- und Lastwagenkonzern zu schmieden, nimmt Konturen an.

Letzte Prüfung vor der Auslieferung: MAN steigerte den Lkw- und Busabsatz 20006 um 17 Prozent,  AP
Letzte Prüfung vor der Auslieferung: MAN steigerte den Lkw- und Busabsatz 20006 um 17 Prozent, Foto: AP

Eigentlich müsste Lothar Pohlmann so etwas wie der natürliche Feind des VW-Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch sein. „VW darf bei uns nicht das Sagen bekommen“, sagte der MAN-Betriebsratschef noch im Januar. Zuvor hatte Volkswagen 15 Prozent an dem Münchner Lastwagen- und Maschinenbauer übernommen. Einen neuen Lkw-Konzern unter Wolfsburger Führung könne er sich nicht vorstellen. „Das sind keine echten Trucker.“ Zwei Monate später ist der Einfluss des größten deutschen Autoherstellers bei den Bayern größer als je zuvor. Der VW-Anteil liegt inzwischen bei 29,9 Prozent. Anfang Mai wird Piëch als Vorsitzender in den Aufsichtsrat einziehen und gemeinsam mit Audi-Chef Rupert Stadler und VW-Nutzfahrzeugvorstand Stephan Schaller die Interessen des Großaktionärs vertreten. Aufsichtsratsmitglied und Ex-Volkswagen-Manager Herbert Demel soll wegen Piëchs Ankunft seinen Posten zur Verfügung gestellt haben. Auch Ex-BMW-Chef Joachim Milberg, berichten Insider, soll keine große Lust verspürt haben, mit Piëch gemeinsam in dem Gremium zu sitzen, und gab sein Amt auf. Doch welch ein Wandel: Plötzlich sieht Pohlmann, der oberste Arbeitnehmervertreter bei MAN, die Ankunft des umstrittenen Automanagers aus Wolfsburg ganz gelassen. Der Grund: Piëch hat dem stellvertretenden Aufsichtsratschef schriftlich versichert, dass das Unternehmen mit seinen Sparten Nutzfahrzeuge, Turbomaschinen und Dieselmotoren nicht zerschlagen werden soll. Mit Zugeständnissen wusste der gewiefte Stratege auch als Konzernchef bei VW stets die Arbeitnehmerseite hinter sich zu bringen. Und nun preist er sogar MAN-Chef Hakan Samuelsson, der nach der gescheiterten Übernahme von Scania als geschwächt galt, mit den Worten, er mache „einen guten Job“. Die Milde dürfte Europas mächtigstem Automobilmanager nicht schwerfallen. Der 69-jährige Österreicher steht kurz davor, sich seinen Traum vom allumfassenden Autobauer zu erfüllen, der alle Fahrzeuge aus einer Hand liefert: vom Drei-Liter-Auto über den typischen Mittelklassewagen bis zur Luxuslimousine und zum 40-Tonner. Denn Volkswagen ist im Begriff, einen neuen Riesen aus dem eigenen Nutzfahrzeugbereich, aus der Lastwagensparte von MAN sowie dem schwedischen Wettbewerber Scania zu schmieden. Zwar werden erst Mitte Mai alle drei Volkswagen-Männer im MAN-Aufsichtsrat sitzen und dann über die weiteren Schritte auf dem Weg zur großen Nutzfahrzeug-Allianz entscheiden. Doch die Pläne auf VW-Seite nehmen bereits konkrete Formen an. So soll der Sitz der neu zu gründenden Gesellschaft weder in Deutschland noch Schweden, sondern aller Voraussicht nach in den Niederlanden sein. Als weitere Alternative ist Österreich im Gespräch. Ein Grund für die Wahl eines Drittlandes soll die aufgeheizte Stimmung zwischen MAN und Scania sein, nachdem MAN mit dem Versuch einer feindlichen Übernahme gescheitert ist. Dass zusätzlich auch steuerliche Erwägungen eine gewisse Rolle spielen, wird nicht bestritten. Darüber hinaus soll Volkswagen-Chef Martin Winterkorn das eigene Nutzfahrzeuggeschäft umstrukturieren. Die leichten Transporter sollen künftig zur Pkw-Sparte gehören. Die übrige Modellpalette, also das Modell Crafter und die in Brasilien hergestellten Constellation-Trucks, soll eine neue Einheit bilden und in einer Holding zusammengefasst werden In diese Holding sollen die Anteile, die Volkswagen an MAN (29,9 Prozent) und an Scania (34 Prozent der stimmberechtigten Aktien) hält, ebenfalls eingebracht werden. Dass die Wolfsburger von einem wie auch immer gearteten Zusammenschluss profitieren werden, darin sind sich Branchenbeobachter einig. „Obwohl die Margen von VW bei den schweren Lkws schon sehr gut sind, würden gemeinsame Entwicklungen, gemeinsamer Vertrieb und die gemeinsame Nutzung von Modulen sicher helfen, die Profitabilität weiter zu verbessern“, sagt Roman Mathyssek, Lkw-Experte beim Beratungsunternehmen Global Insight in London. Erste zarte Banden existieren bereits. Seit einigen Monaten vertreiben vier MAN-Niederlassungen zusätzlich die Crafter-Modelle von Volkswagen. „Es wird darüber nachgedacht, das auszubauen“, heißt es in München bei MAN. Dennoch sieht Experte Mathyssek auch Konfliktpotenzial zwischen den Akteuren: „Die VW-Constellation-Reihe ist ein Produkt für Schwellenländer. Gerade in diesem Bereich expandiert aber auch MAN derzeit stark.“ Die Bayern haben erst kürzlich eine Lastwagenfertigung in Indien aus der Taufe gehoben, die jährlich 24.000 Fahrzeuge auf den Markt werfen soll.

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Vor allem die Rolle von MAN und Scania in der Allianz ist noch weitgehend unklar. Zurzeit sieht es so aus, als sei die Startposition von MAN-Chef Hakan Samuelsson trotz aller Gerüchte über einen baldigen Rücktritt besser als die seines Konkurrenten bei Scania, Leif Östling. „Piëch findet Samuelsson gut“, sagt einer, der eng mit ihm zusammenarbeitet. Auch scheint die Bereitschaft der Münchner, mit den Schweden zusammenzuarbeiten, nicht unter der gescheiterten Übernahme von Scania gelitten zu haben. „Ich gehe unverändert davon aus, dass dieser Zusammenschluss kommen wird. Ich bin da sehr optimistisch“, sagte Anton Weinmann, Chef der MAN-Nutzfahrzeugsparte, vor wenigen Tagen in München. Ein solcher Zusammenschluss lebe von der Stärke der einzelnen Marken. Dabei schloss Weinmann ausdrücklich Volkswagen mit ein. So könnte Samuelsson nun einen Vorteil daraus ziehen, dass sein bisheriger Widersacher Östling in der Vergangenheit nicht mit übermäßiger Kooperationsbereitschaft glänzte und damit seinem Aktionär Volkswagen wenig Freude bereitete. „Scania kann nicht an der jetztigen Strategie festhalten und davon ausgehen, automatisch das hohe Renditeniveau zu halten“, sagt Analyst Mathyssek. „Trotz aller Produktivitätsverbesserungen können die exponentiell steigenden Entwicklungskosten mit den jetztigen Stückzahlen nicht kompensiert werden.“ Östlings Vertrag läuft noch bis Ende März 2009. Ob er ihn noch erfüllt oder vorzeitig in den Ruhestand geschickt wird, dürfte ebenfalls maßgeblich von VW abhängen. An Nachfolgekandidaten fehlt es nicht. Gehandelt wird unter anderem Scania-Entwicklungschef Hasse Johansson. Der ist zwar bereits 58 Jahre alt, könnte aber einen jungen Kandidaten zur Seite bekommen, der nach einigen Jahren das Ruder übernehme, sagen Konzerninsider. Spätestens im Frühjahr 2008, so ist aus dem Konzern zu erfahren, soll feststehen, wer Östling nachfolgen soll. Seit Monaten soll Ferdinand Piëch in engem Kontakt mit Jakob Wallenberg, dem Oberhaupt der schwedischen Wallenberg-Familie, stehen. Die Wallenbergs sind über ihre Holding Investor zweitgrößter Scania-Aktionär und ohne ihre Zustimmung scheint der von Piëch gewünschte Schulterschluss kaum möglich. Zwar hält Volkswagen gemeinsam mit MAN inzwischen einen Anteil der stimmberechtigten Aktien von knapp über 50 Prozent. Damit könnte Piëch Scania in eine Allianz zwingen. „Das politische Erdbeben in Schweden möchte ich dann aber nicht erleben“, sagt ein VW-Konzerninsider. Piëch wird noch viel diplomatisches Geschick aufbringen müssen, um den 51-jährigen Wallenberg auf seine Seite zu bringen. Ins Abseits scheint dagegen Ex-Volkswagen-Chef Bernd Pischetsrieder geraten zu sein. Er koordinierte bisher die Akteure und hatte einen ersten Entwurf für eine mögliche gemeinsame Holding-Struktur präsentiert. Auch hatte er sich noch vor einigen Wochen mit Unternehmensberatern getroffen, um Konzepte für den Zusammenschluss auszuarbeiten. Doch inzwischen soll der Bayer nicht mehr aktiv an der Planung beteiligt sein. „Wir haben von Pischetsrieder nichts mehr gehört“, heißt es bei Scania. Und auch bei MAN ist der Name Pischetsrieder seit einiger Zeit nicht mehr gefallen. Dafür meldete sich jüngst der neue Volkswagen-Boss Winterkorn in der „Süddeutschen Zeitung“ zu Wort. „Ich bin Autoingenieur, daher verstehe ich auch etwas von Lastwagen“, sagte Winterkorn. Bis Ende des Jahres wolle er unter eigener Regie die Gesellschaft formen. Ja, sogar für den Chefposten habe man bereits einen Kandidaten im Auge. Wen, ließ Winterkorn nicht durchblicken. Sicher scheint nur, dass es weder jemand von MAN noch von Scania sein wird. Dafür sind die Gräben zwischen den beiden Unternehmen zu tief. In den vergangenen Wochen gab es immer wieder Spekulationen, der Ex-DaimlerChrysler-Manager und Chef des Familienkonzerns Haniel, Eckhard Cordes, solle die Leitung des neuen Konglomerats übernehmen. Winterkorn selbst ist dagegen noch bei keinem der potenziellen Allianzpartner vorstellig geworden. Vermutlich wird er das erst im Mai tun, wenn er den Aufsichtsratsvorsitz bei Scania übernimmt. Vielleicht ist das aber auch gar nicht wichtig. Denn allein wird Winterkorn voraussichtlich sowieso keine Entscheidung treffen – sondern nur mit dem Plazet von Piëch.

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