Ludwig Poullain im Interview: "Der Markt nimmt grausam Rache"

Ludwig Poullain im Interview: "Der Markt nimmt grausam Rache"

Bild vergrößern

Der ehemalige Chef der WestLB Ludwig Poullain

Der frühere WestLB-Chef Ludwig Poullain über die Finanzkrise, deren Folgen für Geringverdiener und die Schuld der Bankvorstände.

WirtschaftsWoche: Herr Poullain, ist die aktuelle Finanzkrise tatsächlich so gravierend, wie die Reaktion an den Börsen es signalisiert?

Poullain: Was in diesen Tagen passiert, stellt alles in den Schatten, was wir bisher an Bankkrisen gesehen haben. Das Ergebnis wird ein gravierender Einschnitt sein, der die Bankenwelt verändert.

Anzeige

Haben Sie eine Krise in diesem Ausmaß für möglich gehalten?

Ehrlich gesagt: Nein. Aber die Verletzung der Marktgesetze durch die Investmentbanker – die wundersame Geldvermehrung – konnte nicht endlos weitergehen.

Was meinen Sie damit?

Kredite wurden von ihrem ursprünglichen Zweck entfremdet, Investitionen und Konsumausgaben zu finanzieren. Stattdessen wurden sie zu Paketen verpackt und dadurch zu einer Ware eigener Art. Die Geschäfte gingen bis an den Rand des Betrugs oder darüber hinaus.

Wie konnte es so weit kommen?

Die Banken haben sich Gewinnziele gesteckt, die utopisch waren. Dazu gehört das Ziel einer Eigenkapital-Rentabilität von 25 Prozent der Deutschen Bank. Banken haben ungleich mehr verdient als die Unternehmen.

Damit hatte die Deutsche Bank eine Zeit lang Erfolg – und brachte den Aktionären hohe Dividenden und Kursgewinne.

Aber künftig werden die Eigenkapitalrenditen der Banken niedriger sein. Der Ausflug der Deutschen Bank in das Investmentbanking geht zu Ende. Durch den Postbank-Kauf greift die Bank wieder auf stabilere, aber teurere Refinanzierungsquellen zurück.

Was ist schlecht an hohen Gewinnzielen?

Die utopischen Ziele haben Banken in riskante Geschäfte gedrängt. Die Maßstäbe sind doch total aus den Fugen geraten. Der Markt nimmt grausam Rache.

Sie sprechen vom Markt. Muss die Politik strengere Regeln setzen, wenn die Banker ihre Freiheiten zu solchen Geschäften nutzen und der Staat mit Milliarden einspringt, weil diese Geschäfte das ganze System gefährden?

Die Zeichen sind so deutlich, dass die Banken auch ohne Regulierung zur Vernunft zurückfinden. Jeder Bankvorstand muss sich jetzt sagen: Was interessiert mich der Gewinn für 2009? Jetzt geht es um Sicherheit. Wenn es heute noch einen Bankvorstand gibt, der das nicht versteht, gehört er ins Irrenhaus.

Die Banken haben sich Gewinnziele gesteckt, die utopisch waren

Aber es sind doch die Banker selbst, die den Staat zur Hilfe rufen. Auch Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat schon vor Wochen eingestanden, dass er den Glauben in die Selbstheilungskraft des Markts verloren hat.

Dass Ackermann nach dem Staat ruft, hat mich schockiert. Ich bin fast 90 Jahre alt und habe in meinem Leben gesehen, dass der Markt funktioniert. Nicht der Markt hat versagt, sondern die Akteure. Wenn Banken den Staat zur Hilfe rufen, ist es selbstverständlich, dass der Staat reguliert.

Dennoch loben Bankvorstände und Investoren die US-Regierung und die Notenbanken für die Milliardenpakete zur Stabilisierung der Branche.

Das Treiben dieser Leute hat die Notenbanken gezwungen, ihr ursprüngliches Ziel zu vernachlässigen: für die Stabilität des Geldes zu sorgen. Wir zahlen nicht nur höhere Steuern für Bankrettungen, sondern auch höhere Preise, sprich: Inflation. Wegen der Spekulation der Banken müssen Geringverdiener im Supermarkt mehr bezahlen. Das ist unglaublich. Deshalb müssen wir nicht nur über die Auswirkungen, sondern auch über die Ursachen der Krise reden. Es gibt niemanden, der sich dagegenstemmt. Deshalb bin ich so enttäuscht von meiner Sparkassen-Organisation.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%