
Tief hängen Smog und Dunst an diesem Morgen über Tianjin. Die grauen Hangar am Flughafen der nordchinesischen Stadt sind nur schemenhaft zu erkennen, das weitläufige Areal zwischen den Hallen ist menschenleer. Für die Jahreszeit ist es ungewöhnlich kühl.
Nur ein Flugzeug hebt sich von der milchigen Kulisse ab. Der weiße Jet, Typ Airbus A320, mit seinem rot lackierten Leitwerk und dem stilisierten goldenen Drachen trägt den Schriftzug „Shenzhen Airlines“ und steht hinter einer der Hallen. „Fotografieren ist verboten“, erklärt eine zierliche Chinesin dem Besucher. Die Fluggesellschaft mit Sitz in der südchinesischen Stadt Shenzhen wolle nicht, dass vor dem „großen Tag“ irgendwo Bilder von dem Flieger auftauchen.
Engagement im Reich der Mitte
Der große Tag, das ist der Dienstag dieser Woche. Dann wird der europäische Flugzeugbauer Airbus, der hier am Flughafen von Tianjin eine neue Fertigung aufgebaut hat, Shenzhen Airlines die Maschine übergeben. Es ist der erste Airbus, der außerhalb Europas zusammengebaut wurde. Der weltgrößte Flugzeughersteller plant darum ein großes Fest. Mehr als 1000 Gäste werden in Tianjin erwartet, darunter Chinas Vizepremier, Airbus-Chef Tom Enders und reichlich Polit-Prominenz aus Europa.
„Es ist eine Pflicht für unser Unternehmen, dass wir uns ein besonders großes Stück aus dem chinesischen Kuchen herausschneiden“, begründet Jean-Luc Charles das Airbus-Engagement im Reich der Mitte. Der Franzose mit grauem Bürstenhaarschnitt, offenem Hemd und Maßanzug ist der Chef bei Airbus hier in Tianjin. Er weiß, warum er so weit weg von der Heimat weilt. Im Gegensatz zum Rest der Welt, sagt er, stiegen in China die Passagierzahlen und die Nachfrage nach Flugzeugen immer noch. Und das neue Werk hat bereits geholfen, den Erzrivalen Boeing von ursprünglich 80 auf nunmehr knapp 50 Prozent Marktanteil zurückzudrängen.
Doch das Risiko der Airbus-Produktion in China ist hoch. Es liegt nicht in höheren Produktionskosten als in den europäischen Werken. Die übernimmt die chinesische Regierung praktisch komplett.
Angst vor Werksspionage
Die Herausforderung besteht zum einen darin, die gleiche Qualität wie die jahrzehntealten Werke in Europa zu schaffen. Zum anderen muss Airbus peinlichst darauf achten, den chinesischen Partnern nicht so tiefe Einblicke zu gewähren, dass diese in absehbarer Zeit einen ähnlichen Konkurrenzflieger auf den Markt bringen können.
„Das Werk hier ist eine exakte Kopie der Fertigungslinie in Hamburg“, sagt Airbus-Statthalter Charles stolz. Die gesamte Ausrüstung, Werkzeuge und Maschinen kommen aus Europa, ebenso alle Flugzeugkomponenten. In der lang gezogenen Halle hängen grün grundierte Rumpfteile eines A320, die zusammengefügt werden – wie in Hamburg. Arbeiter platzieren Toilettenkabinen, die sie später in den halbfertigen Jet einbauen – wie in Hamburg. Und einige Meter weiter montieren Kollegen eine Tragfläche an einen fertigen Rumpf – wie in Hamburg.
Eine bessere Vorlage für ihre eigene aufstrebende Flugzeugindustrie könnten die Chinesen kaum finden. So manche von ihnen hätten schon mal Details fotografiert, heißt es bei Airbus. „Außerdem können sie hier administrative Abläufe, das Handwerk, die Dokumentation und das Zulassungsverfahren für Flugzeuge lernen“, sagt Mathias Offermann aus Hamburg, der die Endmontage in Tianjin beaufsichtigt. „Aber das wussten wir ja vorher.“









