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Manager-Check: Bühnenstar oder Schlaftablette?

von Claudia Obmann Quelle: Handelsblatt Online

Die größten deutschen Unternehmen starten in die Hauptversammlungssaison. Welcher Top-Manager liefert die beste Rede an die Aktionäre? Handelsblatt und die Uni Hohenheim unterziehen alle DAX30-Chefs dem Rhetorik-Check.

RWE-Chef Jürgen Großmann schaltete bei einer Rede rhetorisch seine Kraftwerke ab - aus Versehen. Quelle: dapd
RWE-Chef Jürgen Großmann schaltete bei einer Rede rhetorisch seine Kraftwerke ab - aus Versehen. Quelle: dapd

DüsseldorfDa stolperte sogar ein erfahrener Hauptversammlungs-Hase wie RWE-Chef Jürgen Großmann verbal über seinen Text: Als Atomkraftgegner im April 2011 in der Gruga-Halle in Essen „Abschalten, abschalten“ brüllten, sprach der Manager bei der Präsentation der Geschäftsergebnisse selbst vom „erfolgreichen Abschalten Ihrer RWE“ statt vom „Abschneiden“.

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Irritiert über seinen Versprecher hielt er inne, murmelte schmunzelnd „da sehen Sie mal…“ und begann im Text noch mal von vorn. Während Sicherheitskräfte die Schreihälse aus der Halle eskortierten, hatte der Manager am Pult für sein Publikum kaum mehr einen Blick über seine Lesebrille hinweg übrig, stattdessen klebte er etwa eine Stunde lang an seinem juristisch wasserdichten Manuskript. Atomausstieg hin oder her - eine rhetorische Glanzleistung, die Anteilseigner überzeugt oder sogar mitreißt, sieht anders aus.

Top-Manager heißt nicht automatisch Spitzen-Rhetoriker. Im Gegenteil. Der Auftritt vor den Aktionären bereitet manchem Vorstandsvorsitzenden schlaflose Nächte. Nicht nur, dass Eigner und Medienvertreter eine fehlerfreie, verständliche und gehaltvolle Ansprache erwarten, nein, es gilt auch, unerwartete Situationen souverän zu meistern. Denn stimmen Zahlen, Strategie oder die Haltung des Managements nicht, ufert die wichtigste Aktionärsveranstaltung des Jahres schon mal aus.

Von empörten Zwischenrufen wie zuletzt beim Vortrag von Commerzbank-Vorstand Martin Blessing als enttäuschte Aktionäre lautstark ihrem Unmut über die zum dritten Mal ausgefallene Dividende Luft machten, über Beleidigungen bis hin zu Kloppereien – auch 2012 ist wieder alles drin. So dürfte auch RWE-Chef Jürgen Großmann abermals auf eine stürmische Hauptversammlung am 19. April gefasst sein. Vermutlich tröstet er sich schon jetzt damit, dass es sein letzter Auftritt ist, denn im Sommer 2012 übernimmt Peter Terium das Ruder.

Schon in dieser Saison dürfen Aktionäre der DAX30-Liga hoffen, dass die neuen Gesichter unter den Vorstandsvorsitzenden auch frischen Schwung in die Veranstaltung bringen: Den Auftakt macht Heinrich Hiesinger, der neue Chef von ThyssenKrupp. Der promovierte Elektroingenieur hat Ekkehard Schulz abgelöst, der für seine Schachtelsätze und leeren Worthülsen wie „Innovation“ oder „Produktoffensive“ gefürchtet war. Im vergangenen Jahr jedoch, bei seinem 12. und gleichzeitigem Abschiedsauftritt, rührte der Stahlmanager die Eigner mit einem überraschend-rührseligen Einblick in seine Gefühlswelt.


Wer langweilt mit den meisten Worthülsen?

Ebenfalls Premiere in dieser Hauptversammlungssaison feiert Olaf Koch, der neue Metro-Chef. Er folgt auf Eckhard Cordes, der sich zuletzt schwer damit tat, den Aktionären die Gewinnstrategie eines Handelsriesen angesichts von Discountern und Online-Handel zu vermitteln. Wie Koch zum Beispiel den Aktionären am 23. Mai in Düsseldorf seine Entscheidung, Kaufhof in seiner alten, lethargischen Position zu belassen, schmackhaft machen will, dürfte interessant werden.

Doch die Handelsblatt-Redaktion will genau wissen, welcher Lenker der größten deutschen Unternehmen, von Ackermann bis Zetsche, reicht an Bühnenlegenden unter den internationalen Managern wie Apples verstorbener Chef Steve Jobs heran, der im schwarzen Rollkragenpulli und nur mit einem iPad in der Hand sein Publikum zu faszinieren verstand? Oder wer ist so unterhaltsam wie der amerikanische Investment-Guru Warren Buffet, der zu Beginn der Hauptversammlung seiner Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway Ukulele spielt und dazu singt oder den bis zu 40.000 Anlegern Filmszenen aus Wall Street mit Michael Douglas als habgierigen Investor Gordon Gekko einblendet?

Zusammen mit dem Sprachwissenschaftler Frank Brettschneider von der Uni Hohenheim, prüfen wir in der aktuellen Hauptversammlungssaison, wie verständlich die Reden aller DAX30-Chefs sind. Ein wissenschaftlich fundiertes Computerprogramm analysiert dazu Satzbau, Fremdwortanteil, Abstraktheitsgrad, Wort- und Satzlängen und bewertet so jede Rede auf einer Verständlichkeitsskala. Diese reicht von Null - der Vortrag ist etwa so unverständlich für den Durchschnittsbürger wie eine Doktorarbeit -, bis 10, was dem besonders hohem Verständlichkeitsgrad von Radionachrichten entspricht. Diese „A-Note“ bewertet sozusagen wie im Tanzsport die „Pflicht“.

Außerdem hat Brettschneider eine Checkliste entwickelt, mit der sich die stilistische Darbietung eines Redners bewerten lässt. In Sachen „Kür“ können die Redner in zwei Teilbereichen „Relevanz und Aufbau“ sowie „Präsentationsform“ insgesamt 100 Punkte für ihre B-Note holen.

Erstmals in der Geschichte der Hauptversammlungen wird unser neues exklusives „CEO Rhetorik-Ranking“ dann im Laufe der Saison bis Ende Mai 2012 eine wissenschaftlich fundierte Einschätzung geben, welcher DAX-30-VV sein Publikum mit den meisten Worthülsen langweilt, mit Monster-Sätzen vergrault oder mit Fach-Chinesisch überfordert. Und welcher der insgesamt dreißig Unternehmenschefs dagegen am anschaulichsten, lebhaftesten, vielleicht sogar mitreißend vorträgt, sich dabei am wenigsten hinter Powerpoint-Folien versteckt und stattdessen auch Mimik und Gestik für spannende Momente einsetzt, um die Aktionäre zu überzeugen.


Lange Rede, keine Wirkung

Erster Kandidat im Test ist Heinrich Hiesinger, der neue Chef von ThyssenKrupp. Bei der 13. Hauptversammlung trat er heute im Bochumer Kongress-Center zum ersten Mal ans Mikrofon. Seine Premiere bestritt er ohne jedes Spezialtraining. Und die mangelnde Vortragsübung zeigt sich leider auch. Seine vergleichsweise lange Rede mit 6408 Wörtern schneidet bei der A-Note, dem Verständlichkeitsgrad, mit 3,7 von 10 Punkten ziemlich schlecht ab. Hauptkritik: „Hiesingers Sätze sind häufig zu lang. Jeder fünfte Satz besteht aus mehr als 20 Wörtern. Sein schlimmstes Satzungetüm bestand aus 50 Wörtern“, sagt Sprachexperte Frank Brettschneider.

Weil Hiesinger außerdem noch lange und schwierige Wörter verwendet wie „Nettofinanzschulden“ oder „diversifizierter Industriekonzern“, ergibt sich ein besonders schlechter Wert beim Aspekt „Fass-Dich-Kurz“. „Dieser ist aber besonders wichtig, um Zuhörer nicht mit Informationen zu überfordern“, sagt der Kommunikationswissenschaftler.

Über Wortschöpfungen wie „Desinvestitionsprogramm“ mit dem der Abbau von 35.000 Mitarbeitern verbrämt wurde, aber auch über reichlich Denglisch wie „Goodwillabschreibungen“ oder Fachbegriffe wie „Carve-out“ für die Ausgliederung von Geschäftseinheiten oder „Business Area Components Technology“ in seiner Rede stolperte der Vorstandsvorsitzende sogar selbst. Und produzierte so, nicht zuletzt wegen seines Vernuschelns von Silben und Endungen, bei den Zuhörern inhaltliche Fragezeichen und Punktabzug bei der B-Note. Da konnten den Ingenieur auch eine logische Gliederung, der kurze Film zur Veranschaulichung der neuen Unternehmenswerte oder die klare Erläuterung, wie er das Unternehmen für die Zukunft fit machen will, nicht retten. Letztlich waren für Hiesingers Kür nur magere 50 Punkte und das Urteil „sein Stil weist deutliche Mängel auf“ drin.

Lange Rede, kaum Wirkung. Weniger ist da mitunter mehr, das weiß auch Matthias Pöhm. Er veranstaltet alljährlich Europas größtes Rhetorik-Training mit 12 Teilnehmern, die sich vor rund 120 Zuschauern beweisen müssen. Für Handelsblatt.com hat er Redner des Vorjahres, darunter Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, Peter Bauer von Infineon, Eon-Manager Johannes Teyssen, Henkel-Chef Kaspar Rorsted und Dieter Zetsche von Daimler, analysiert. Fazit: „Allesamt sind sie keine Profi-Redner, das merkt man ihnen an. Statt Spannung zu erzeugen, klammern sie sich an ihr Manuskript und lesen sogar teilweise noch die Powerpoint-Folien vor. Das ist Langeweile pur.“

Dementsprechend kam Johannes Teyssen besonders gut weg. Der Eon-Vorstandsvorsitzende lieferte mit einem Auftritt von nur 28 Minuten die kürzeste Hauptversammlungsrede. Und zwar ganz bewusst, um für insgesamt 42 angemeldete Redebeiträge seiner Aktionäre mehr Zeit einzuräumen. Rhetorik-Coach Pöhm: „Das geht und man hat nichts vermisst.“

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