Manager: Die nächste Welle der Globalisierung

Manager: Die nächste Welle der Globalisierung

, aktualisiert 10. Dezember 2011, 11:53 Uhr
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Schatten eines Geschäftsmannes.

von Olaf Storbeck und Dirk HeilmannQuelle:Handelsblatt Online

Paradigmenwechsel: Die Jagd nach dem billigsten Produktionsstandort geht derzeit zu Ende. Unternehmen von morgen bauen reißfeste Lieferketten und suchen Talente auf der ganzen Welt.

Der Mann, der den Begriff der Globalisierung in die Umgangssprache einführte, hat in vielen Dingen Recht behalten. "Die Bedürfnisse und Sehnsüchte der Welt sind unwiderruflich homogenisiert worden", schrieb der deutschstämmige Professor Theodore Levitt 1983 in einem epochemachenden Aufsatz in der Zeitschrift "Harvard Business Review". Darin sagte er "den Aufstieg globaler Märkte für standardisierte Konsumprodukte in einem bisher unvorstellbaren Ausmaß" voraus. Die dadurch mögliche Massenproduktion werde die Preise drücken und globale Konzerne entstehen lassen.

Was Levitt damals noch nicht einmal ahnen konnte, waren spätere Großereignisse wie das Ende des Ostblocks oder die Öffnung der Milliardenmärkte China und Indien. Diese ergänzten die Globalisierung der Produktwelt um die Globalisierung der Arbeitswelt, die noch viel größere Kostensenkungen ermöglichte als Levitt erwartet hatte. Ein aktuelles Symbol für beide Facetten der Globalisierung ist das iPhone: Zum einen stellt es das universell begehrte Konsumprodukt der vergangenen Jahre dar, zum anderen das Vorbild für die optimale Ausnutzung weltumspannender Wertschöpfungsketten. Erdacht und gestaltet von Apple-Ingenieuren im kalifornischen Cupertino, zusammengebaut in den Fabriken des Auftragsfertigers Foxconn in der chinesischen Provinz Shenzhen mit Teilen aus aller Welt, hat es seinen Siegeszug um die Welt angetreten und Apple enorme Gewinne verschafft.

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Wie perfekt die Maschinerie läuft, zeigen die Ökonomen Yuqing Xing und Neal Detert in einer faszinierenden Fallstudie. Von den Speicherbausteinen über den Touchscreen bis hin zur Kamera werden sämtliche Einzelteile des iPhones in anderen Ländern produziert und nach China zur Endmontage verschifft. Wichtigster Zulieferer ist Toshiba, der japanische Konzern liefert Teile im Wert von 60 Dollar. Infineon steuert Komponenten für 29 Dollar bei, Samsung aus Korea für 23 Dollar und US-Firmen nur Teile für elf Dollar. Bei Foxconn wird all das nur noch zusammengesetzt. Die chinesische Wertschöpfung beläuft sich gerade einmal auf 3,6 Prozent der gesamten Herstellungskosten: 6,50 von 179 Dollar.
Bei einem Kaufpreis von 499 Dollar bleiben hingegen 320 Dollar bei Apple hängen - was einer rekordverdächtigen Gewinnmarge von 64 Prozent entspricht. Die Berechnung zeigt eindrucksvoll, welche Profite ein Konzern einstreichen kann, der die Spielregeln der globalen Wirtschaft perfekt beherrscht.

Es ist eine Welt, in der die Etiketten wie "Made in Germany" nicht mehr viel aussagen - der Wertschöpfungsanteil des Herkunftslandes wird immer kleiner. Es ist vielmehr die Leistung der Ingenieure und Designer, die heute einem globalen Produkt seine Einzigartigkeit gibt. Da sich die Konzerne aus dem globalen Talentpool bedienen, um die besten Techniker und kreativsten Köpfe zu finden, sind auch die Schöpfer der Güter längst multinationale Teams. Dass das iPhone ein amerikanisches Smartphone ist oder der BMW ein deutsches Auto, spielt sich heute vor allem im Kopf des Kunden ab. In Wahrheit regiert Levitts standardisiertes Weltprodukt - wo nötig angepasst an lokale Konsumgewohnheiten. In den vergangenen zwei Jahrzehnten war die Weltwirtschaft davon geprägt, dass sich ein Land nach dem anderen öffnete und sich den Unternehmen so eine immer größere Auswahl an Standorten für Fabriken und Call-Center bot. Die Firmen schickten ihre Einkäufer um die Welt, um die Lieferketten zu optimieren.
Dieser Prozess stößt aber allmählich an seine Grenzen. Selbst in China, mit seinem doch scheinbar unerschöpflichen Reservoir an billigen Arbeitskräften, steigen sprunghaft die Löhne. Und das ist durchaus im Sinne der Regierung: China will nicht die verlängerte Werkbank der alten Industriestaaten bleiben, sondern selbst Hochtechnologie anbieten.


Der Konsument wird kritischer

Zugleich ist der Konsument in Europa und Nordamerika kritischer geworden. Er freut sich zwar über niedrige Preise für Textilien und Elektronik, verlangt aber auch, dass die Produkte unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellt werden. Der Modehersteller American Apparel etwa wirbt bei seiner jungen Kundschaft damit, dass seine Jeans ausschließlich in Los Angeles genäht werden.

Außerdem stellen sich Ökonomen und Politiker im Westen immer häufiger die Frage, ob der bisherige Verlauf der Globalisierung ihren Ländern langfristig nutzt. Sogar die USA und Großbritannien, die lange den Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft propagiert und die Finanzbranche gepäppelt haben, denken um und versuchen eine Re-Industrialisierung. Nur so, scheint es, lassen sich neue Arbeitsplätze schaffen und die schädlichen Handelsbilanzdefizite abbauen.

"Die klassischen Industrieländer haben große Teile ihrer Produktionsbasis in die Schwellenländer verlegt, aber so getan, als ob all diese Wertschöpfung noch daheim stattfände", kritisiert Mikio Kumada, Globaler Anlagestratege der LGT Capital Management mit Sitz in Singapur. "Sie haben mit geliehenem Geld ihren Lebensstandard gesteigert und sich gegenseitig Finanzdienstleistungen verkauft." Mit der Finanz- und Schuldenkrise sei diese Blase geplatzt, sagt Kumada, der als Sohn japanisch-griechischer Eltern in Russland, Deutschland und Japan aufwuchs und in Österreich studierte.

Sein Fazit: "Das iPhone-Geschäftsmodell ist am Ende." In der nächsten Phase der Globalisierung werde es nicht mehr funktionieren, im Westen entwickelte Konsumgüter mit hohem Profit in Ländern wie China billig zu produzieren und im Westen auf Pump zu konsumieren.

Das heißt aber nicht, dass in den nächsten Jahren die Fabriken aus Fernost wieder nach Nordamerika und Europa zurückverlegt werden. Dafür werden die Lohnunterschiede auch nach der Krise noch viel zu groß sein. Bis sich die Lohnkosten zwischen Industrie- und Schwellenländern angleichen, werden noch Jahrzehnte vergehen, wie eine Studie der US-Ökonomen Janet Ceglowski und Stephen Golub zeigt. Auch wenn die unterschiedliche Produktivität berücksichtigt werde, sei Arbeit in China heute immer noch um ein bis zwei Drittel günstiger als in den USA. Entsprechend waren China und Indien 2010, wie schon vor der Krise, die größten Empfänger ausländischer Investitionen. Die USA fielen auf den dritten Rang zurück, wie die Studie "Global Location Trends" der IBM- Sparte Plant Location International (PLI) zeigt, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Sie erfasst, anders als andere Investitionsstatistiken, nur Neuansiedlungen, die Arbeitsplätze schaffen, und bildet damit am besten ab, welche Standorte globale Unternehmen bevorzugen.

Die Studie zeigt, dass die vier großen Schwellenländer, die BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China die großen Gewinner im globalen Standortwettkampf sind. Seit Jahren erfolgreich sind auch Mexiko, Polen und Ungarn. Aber es gibt eine zweite Reihe von Ländern, die nachrückt: Thailand etwa, die Philippinen, Bangladesh oder Rumänien. In Mittelamerika ahmen Länder wie Jamaica und Nicaragua das Erfolgsmodell Costa Ricas nach. Sie alle investieren in die Ausbildung ihrer jungen Bevölkerung, beginnen mit Fabriken und Call-Centern und spezialisieren sich dann auf bestimmte Branchen oder arbeiten sich die Wertschöpfungskette hinauf.


Investitionsströme keine Einbahnstraße mehr

Eine wichtige Trendwende im Investitionsverhalten der globalen Konzerne kommt ihnen dabei entgegen: "Die globalen Investitionen sind heute eher strategisch als taktisch bestimmt", sagt Roel Spee, Chef der IBM-Sparte PLI, die Unternehmen auf der Suche nach dem besten Standort berät. "Es geht nicht mehr vor allem darum, die Kosten zu senken, sondern darum, die ideale weltweite Präsenz zu erreichen." Die Unterbrechung vieler Lieferketten nach der Erdbeben- und Atomkatastrophe in Japan habe den Unternehmen gezeigt, dass sie zu verletzlich wären, wenn sie sich auf einen einzigen Lieferanten für bestimmte Komponenten verließen. Das führe zu einem grundsätzlichen Umdenken: "Das wichtigste Thema für die nächsten Jahre wird es sein, das Risiko zu reduzieren", sagt Spee voraus. Dabei gehe es nicht nur um Naturkatastrophen, sondern auch um politische und soziale Stabilität.

Ein weiterer Trend: Die Investitionsströme sind keine Einbahnstraße mehr. Die großen Schwellenländer rücken in der IBM-Rangliste der großen Investoren immer weiter auf. Und: Mit Japan, Indien, China, Südkorea und Taiwan kommen inzwischen fünf der zehn größten Investoren aus Asien. Sogar in Deutschland ist China schon der zweitgrößte Auslandsinvestor nach Zahl der geschaffenen Arbeitsplätze. Die neue Wirtschaftswelt ist also bunter und vielfältiger. Sie wird nicht mehr von wenigen starken Ländern beherrscht und auch nicht mehr von den Motiven, die Kosten zu senken und neue Märkte zu erschließen. Das Unternehmen von morgen nutzt die Vielfalt, wirbt weltweit um die besten Talente und sucht sich die besten Standorte für jede Tätigkeit aus.

Wer gehört zu den Gewinnern, wer zu den Verlierern dieser neuen Stufe der Globalisierung? Fast alle Volkswirte sind sich sicher: Gesamtwirtschaftlich werden alle Länder davon profitieren, die sich für die globale Arbeitsteilung öffnen.
David Ricardo dürfte recht behalten. Der britische Nationalökonom hat schon 1817 in einem einfachen Modell gezeigt, dass sich Welthandel für alle Beteiligten lohnt. Und wenige Theorien der Klassiker werden durch die moderne empirische Wirtschaftsforschung so sehr bestätigt wie Ricardos Thesen.

So stellte ein Forscherteam um den Münchener Professor Gabriel Felbermayr jüngst fest: Je enger ein Land in den Welthandel eingebunden ist, desto besser entwickelt sich der dortige Arbeitsmarkt. Steigt der Anteil der Ein- und Ausfuhren am Bruttoinlandsprodukt um zehn Prozentpunkte, so sinkt die Arbeitslosenquote um fast einen Prozentpunkt - vor allem, weil die Unternehmen produktiver werden. "Offenheit gegenüber dem Welthandel erhöht langfristig nicht die strukturelle Arbeitslosigkeit", lautet das Fazit der Forscher. Die neue Konkurrenz belebt also das Geschäft.


Welche Folgen hat das alles für das Unternehmen von morgen; und was will der Kunde von morgen? Wo wird der globale Manager ausgebildet? Wie wird er künftig arbeiten, und wie werden ihm neue Technologien bei der Arbeit helfen? Wie kann er mit der neuen kulturellen Vielfalt in Konzernen zurechtkommen? Wie rekrutieren weltweit aktive Unternehmen in Zukunft ihre Mitarbeiter? Diese und viele weitere Fragen werden wir in den kommenden beiden Wochen in unserer zehnteiligen Handelsblatt-Serie "Der globale Manager" beantworten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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