Marketing: Italien: Joblotterie im Supermarkt - Seite 2

Marketing: Italien: Joblotterie im Supermarkt

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Antonello Basci (l.) und Andrea Stura (M.)
Antonello Basci (l.) und Andrea Stura (M.)

„Wir leben auf einem Fleck Erde, der alles hat“, sagt Stura. „Wunderschönes Meer, Sonne, gutes Essen und trotzdem schafft man es nicht, daraus etwas zu machen. Neue Hotels zu bauen ist schwer und die kleinen schießen alle, weil die Infrastruktur fehlt“. Da ist ein Supermarkt-Job für einen diplomierten Designer eine echte Perspektive. Anna Maria Stura selbst hätte ihn nicht genommen. Sie ist seit vielen Jahren Krankenschwester. Mit ihren 50 Jahren hätte sie aber auch gar nicht gedurft, denn das Höchstalter der potenziellen Angestellten liegt bei 32 Jahren.

„Das liegt an die komplizierten Gesetzen. Für die befristeten Verträge, die wir vergeben, gibt es ein Höchstalter“, sagt Basciu. „Ich finde das ungerecht. Wir könnten wunderbar Leute einstellen, die um die 50 und seit zehn Jahren arbeitslos sind und sonst keine Chance auf einen Job haben.“ Einer der ersten Gewinner war so ein Fall, der seit Jahren verzweifelt einen Arbeitsplatz suchte, kurz vor Weihnachten einen gewann und ihn nicht antreten durfte. „Er hat den Job weitergegeben und wir haben ihn als Fahrer angestellt.“

Kritik, die Job-Verlosung sei unmoralisch, tut er als „Geschwätz“ ab. „Um im Supermarkt zu arbeiten, muss man nicht unbedingt Abitur haben. Jeder hat ein Recht auf Arbeit und wir geben hier wirklich jedem eine Chance, sich zu beweisen.“ Ohne solche Chancen, hätte er selbst seine Karriere nicht machen können. Der Generaldirektor begann einst als Lagerarbeiter.

Arbeit statt Plüschtier

Der durchschlagende Erfolg seiner Aktion hat ihn dann doch ein bisschen überrollt. „Wir haben nicht mal mit einem Zehntel davon gerechnet. Alle Zeitungen des Landes haben über uns berichtet, das Radio, das Fernsehen. Der Imagegewinn ist unbezahlbar“, sagt Basciu. Im Herbst soll die Aktion auf ganz Italien ausgeweitet werden, dann mit regionalem Schwerpunkt. Die Teilnahmekarten gibt es nur, wenn Produkte aus der Region gekauft werden.

Auch wirtschaftlich ist „Gewinne deinen Arbeitsplatz“ ein voller Erfolg. Die Kunden kaufen Waren für durchschnittlich 21 Prozent mehr ein, und dass, obwohl die Aktion keine Mehrkosten verursacht hat. „Von den 960.000 Euro, die wir im Jahr fürs Marketing ausgeben, haben wir einfach einen Teil abgezweigt.“

Es gab auch vorher schon für jeden 30-Euro-Einkauf etwas, kleine Objekte, Gläser, Plüschtiere zum Sammeln. „Unnützes Zeug, das früher mal gesammelt wurde und heute kein Mensch mehr braucht. Das haben wir gestrichen und in die Jobs investiert.“ Von den Plüschtieren, so sagt Basciu, habe die Kette nie etwas gehabt. Bei den Jobs ist der Rückfluss gewaltig. „Das Gehalt bringt Kaufkraft und landet zum Teil wieder in unseren Kassen. Außerdem haben wir mehr Personal, können besseren Service bieten, mehr Kassen aufmachen, unsere Produkte erklären. Ich möchte wirklich alle Firmen auffordern, unnütze Marketingausgaben zu streichen und das Geld in Jobs zu investieren,“ sagt Basciu. Davon profitierten die Unternehmen, die Arbeitnehmer und die Gesellschaft. Das Prinzip, so ist sein Erfinder überzeugt, hat sogar internationalen Vorbildcharakter.

Eine Zeitung hat ausgerechnet, dass Italien-weit durch die Aktion allein bei Sigma und Despar fast 1200 Jobs entstehen könnten. „Ich bin sicher, dass das auch in anderen Ländern und Branchen funktioniert. Schauen Sie nach Spanien. Die Arbeitslosigkeit würde nicht verschwinden, aber vielleicht käme sie statt auf 20 auf 19 Prozent. Und warum sollte das in Deutschland nicht funktionieren?“

2 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 11.02.2010, 11:11 UhrAnonymer Benutzer: Finanzhering

    Als einzelne Marketingidee ziemlich cool. Andere Wege gehen, ist sowieso die letzte Rettung für italien. ich würd in dem Land keinen € mehr investieren. Wie die Ex Grossmacht britanien nur noch sterbliche Überreste vergangener kultureller Glorie. Von Denkern und Freiheit weitgehend befreit und der letzte intelektuelle und Philosoph hat sich vermutlich am köstlichen italienischen Wein an einem lauen Sommerabend auf der Veranda tot gesoffen. Herrliche Vorstellung bei dem Sauwetter hier.

    Aber zurück zum Thema.

    Die wichtigste unternehmerische Entscheidung welche Person mit welchen Qualifikationen und Motiven in die Firma aufgenommen wird - dem Zufall überlassen?

    Angesichts der Arbeitsweise und Präferenzen vieler deutscher Personalabteilungen - eine hervorragende idee :-P

  • 10.02.2010, 11:30 UhrAnonymer Benutzer: xyx

    finde ich gut. Mindestens unternehmen die italiener etwas während in Deutschland nur gejammert wird

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