Bei welchen Entwicklungsprojekten arbeiten Sie mit den Speedbikern des Vector-Racing-Teams zusammen?Hachmeyer: Die interessante Frage vor allem von sportlichen Fahrern und Profisportlern ist, wie verhält sich ein Reifen bei extremen Geschwindigkeiten. Sich immer wieder einen Berg hinunterzustürzen ist dabei eine wenig wissenschaftliche Methode und zudem sehr riskant. Bei den Geschwindigkeiten der Speedbikes in der Ebene bewegen wir uns auf dem Niveau von Alpenpassabfahrten der Profis der Tour de France. Der große Vorteil ist, dass das Vector-Racing-Team diese Geschwindigkeiten unter genau erfassten Bedingungen fährt. So kann der Faktor Reifen bei der Geschwindigkeit, aber auch beim Fahrverhalten einfacher und genauer herausgerechnet werden. Wie muss man sich das vorstellen? Wenn Danilo Hondo den Col de Glandon runter prescht, dann sind da Kurven, unterschiedliche Gefälle, unklare Windbedingungen und unterschiedliche Asphalttypen im Spiel. Zudem variiert seine Haltung auf dem Rad. All das beeinflusst die Messungen mitunter im zweistelligen Prozentbereich. Die Messungen des Rollwiderstands bewegen sich aber im unteren einstelligen Prozentbereich des Gesamtwiderstandes beim Rennradfahren. Die Messungenauigkeiten fressen also alle Messeergebnisse auf. Zudem ist eine solche Messmethode sehr gefährlich für den Fahrer. Wie verlaufen solche Messungen hingegen beim Vector-Racing-Team? Das Vector-Racing-Team fährt mit Speedbikes, deren Aerodynamik im Windkanal und am Computer nicht nur optimiert, sondern - und das ist für die Messungen viel wichtiger - exakt erfasst wurde. Dass heißt der Faktor Aerodynamik ist berechenbar geworden. Das Vector-Racing-Team fährt auf Autoteststrecken wie zum Beispiel im Testzentrum von Opel in Dudenhofen. Diese sind nicht nur in einem exzellenten über die gesamte Strecke identischen Zustand, sondern ebenfalls exakt erfasst. Zudem liegen alle Witterungswerte durch exakte ortsnahe Messungen vor. Auch das ist wichtig, um die Gleichung aufzulösen. Was heißt Auflösen der Gleichung? Letztlich ist das ganze eine Matheaufgabe wie man sie aus der achten Schulklasse kennt. Es geht zuerst darum, die Frage genau zu verstehen und dann müssen alle Unbekannten aufgelöst werden, bis nur noch der Kern der Frage übrig bleibt. Bei unseren Speed-Tests heißt das, wie verhält sich der Rollwiderstand bei extremen Geschwindigkeiten wie sie die Speedbiker oder eben Hondo im Sprint fährt. Da müssen die Faktoren Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Wind, Aerodynamik, Körperbewegungen und und exakt ermittelt werden. Am Ende bleibt der Rollwiderstand übrig. Klingt alles einfach. Ist es in der Praxis allerdings nicht. Da gibt es nur wenige Experten, die das Metier beherrschen. Das Vector-Racing-Team gilt in Europa sicher zu den wenigen Adressen, die man überhaupt ansprechen könnte. Warum gerade das Vector-Racing-Team? Die Speedbiker vom Vector-Racing-Team haben mehr als 15 Jahre Erfahrung im Geschwindigkeitsbereichen von 80 Kilometern pro Stunde und mehr. Da gibt es in Europa auch keine Universität oder andere Institution, die das vorweisen kann. Zudem spielt das Team in seinem Bereich in der obersten Liga mit: Mehr als 15 Weltrekorde sind die bereits gefahren. Würde man solche Forschungsarbeit bei einer Uni abrufen, wäre dies erstens kaum bezahlbar, zweitens verginge erst einmal einige Zeit, bis die Uni überhaupt erste Ergebnisse lieferte. Warum machen Sie keine Laborversuche unter kontrollierten Bedingungen? Laborversuche sind ein wichtiger Bestandteil unserer Forschung, aber sie ersetzen die Praxistests nicht. Eben wegen der kontrollierten Bedingungen fehlt jene Portion Zufall, die die Realität ausmacht. Ich kann nicht alle Faktoren im Labor durchspielen, die bei Tempo 80 mit dem Fahrrad veränderbar sind. Was im Labor zudem fehlt, ist der praxisnahe Untergrund. Straßenasphalt lässt sich nicht so einfach in den Versuchsaufbauen realisieren.
Markus Hachmeyer: Reifen im Härtetest
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