Medikamente: Wie Boehringer die Lust an der Lustpille verlor

Medikamente: Wie Boehringer die Lust an der Lustpille verlor

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Zu viele Frauen wollten kein Viagra-Pendant.

Deutschlands – nach Bayer – zweitgrößter Pharmakonzern wollte ein Mittel gegen die sexuelle Unlust bei Frauen auf den Markt bringen. Boehringer-Chef Andreas Barner erklärt nun im Interview mit der WirtschaftsWoche, woran das Mittel schließlich scheiterte – vor allem am Widerstand von Frauen

Viele Frauen leiden unter ihrem geringen Sexualdrang, davon waren die Boehringer-Forscher überzeugt. „Hypoactive Sexual Desire Disorder“ heißt das Leiden im Fachjargon. Laut Schätzungen sollen etwa zehn Prozent aller Frauen vor den Wechseljahren betroffen sein.

Boehringer ließ sein Mittel testen. In Zeitungsannoncen suchte das Pharmauntenehmen nach Frauen, deren Lust auf Sexualität nachgelassen hat, die aber Lust genug hatten, das neue Mittel auszuprobieren. Das Präparat mit dem Wirkstoff Flibanserin sollte Botenstoffe im Gehirn beeinflussen, um Frauen mehr Lust auf Sex zu machen. Sogar einen Namen für die Lustpille hatten die Boehringer-Forscher schon gefunden: Girosa. Die Ergebnisse seien vielversprechend, hieß es.

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Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA sah das Ende vergangenen Jahres kritischer. Die Zahl der Sexualkontakte habe auch mit Girosa nur unwesentlich zugenommen, argumentierten die Prüfer. Die Behörde stellte viele komplexe Fragen und forderte neue Studiendaten an – das wiederum war Boehringer zu aufwändig. „Das hätte unsere Kapazitäten überfordert, schließlich haben wir zahlreiche andere Präparate am Start“, sagte Unternehmenschef Andreas Barner.

Der promovierte Mathematiker und Mediziner gibt im Interview mit der WirtschaftsWoche nun einen Einblick, wie die Entscheidung der FDA zustande gekommen ist. Danach ist Girosa mutmaßlich auch am Widerstand von Frauen gescheitert. „Die FDA ist politisch massiv unter Druck geraten“, erklärt Barner. „US-Fraueninitiativen haben lautstark gegen unser Präparat mit dem Wirkstoff Flibanserin protestiert und gefordert, den Frauen lieber psychologische Betreuung zukommen zu lassen statt eines Medikaments. Diese waren sehr aktiv und haben alle Kanäle genutzt. So hat eine Aktivistin aus einer Sitzung bei der FDA über Twitter Hunderte Kurznachrichten nach draußen gesendet mit oft unrichtigen Darstellungen.“

Die Gegnerinnen wetterten gegen das vermeintliche Lifestyle-Präparaten – und verwahrten sich dagegen, dass den Frauen eine neue Krankheit eingeredet werden solle. Boehringer dagegen war überzeugt, ein „medizinisch relevantes Medikament“ gefunden zu haben. Allerdings, so Unternehmenschef Barner, „hatten die von sexueller Unlust betroffenen Frauen nicht ein so ausgeprägtes Bedürfnis, an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Befürworterinnen waren bei Weitem nicht so laut wie die Extrem-Feministinnen.“ Sein Fazit:  „Wir denken, dass dies auch die Haltung der FDA beeinflusst hat.“

Nach dem Rückschlag mit Girosa hat sich Boehringer wieder aus der Sexualmedizin verabschiedet. Inzwischen geht das Unternehmen auf Nummer sicher und arbeitet an neuen Medikamenten, bei denen kein gesellschaftlicher Widerstand zu erwarten ist – etwa Präparaten zur Vermeidung von Schlaganfällen und gegen Lungenkrebs.        

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