Messen: Zerstörte Idylle

Messen: Zerstörte Idylle

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Messe in Berlin

Die Konkurrenz unter den deutschen Messen wird rüder, der Druck aus dem Ausland wächst. Allianzen und Fusionen wären das Gebot der Stunde. Doch die deutschen Messefürsten zögern.

Marc Granier, Chef von zwei großen Messegeländen im Pariser Norden, kann seine Befriedigung kaum verhehlen. Soeben hat der französische Wettbewerbsrat seine Zustimmung gegeben zur Fusion von Graniers Messegesellschaft Paris-Nord Villepinte und dem damit verbundenen Ausstellungsmacher Comexpo mit dem einstigen Konkurrenten Paris Expo und dem dazugehörenden Veranstalter Exposium. Über 620 000 Quadratmeter Hallenfläche wird das neue Gebilde verfügen. „Damit sind wir nach Ausstellungsfläche die größte Messegesellschaft der Welt“, stellt Granier zufrieden fest. Es gehe ja auch darum, den Messeplatz Paris so zu stärken, dass er sich ein Stück vom deutschen Kuchen nehmen könne.

Solch eine Kampfansage ausländischer Messemacher ist ein Novum. Zu deutlich war bislang der Vorsprung der Deutschen, zu stark die Vorbildfunktion. „Von den Deutschen lernen, heißt siegen lernen“, sagt ein britischer Messechef. Tatsächlich finden in Deutschland zwei Drittel der etwa 150 Leitmessen statt. Und von den zehn größten Messegesellschaften weltweit ist die Hälfte in Deutschland beheimatet.

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Gepampert von messeverliebten Stadtvätern und -müttern, die oft ohne mit der Wimper zu zucken mit Geld aushalfen, ausgestattet mit Hallen, die verglichen mit ausländischen Messeplätzen wie Luxuspaläste erschienen und versehen mit Führungskräften und Mannschaften, deren Messe-Know-how nach wie vor weltweit führend ist, lebten Deutschlands Messekapitäne bis vor Kurzem in einem Messemärchenland.

Im Inland arbeitete die Branche wie ein Oligopol. Kollegialität ging vor Wettbewerb. Warb einer der Messekönige einem Kollegen eine Schau ab, ging das Gerede vom Messekrieg los. Ausländische Messemacher wurden als Wettbewerber nicht ernst genommen. Bis zur Jahrtausendwende störte niemand die Idylle.

Das war einmal. In den Jahren nach der Jahrtausendwende mussten Deutschlands Messen über mehrere Jahre schmerzhafte Einbußen hinnehmen. Mit der gewohnten Kollegialität ist es vorbei, seitdem einige Messestädte Branchenfremde als Chefs inthronisierten, die nach kurzer Eingewöhnung im Revier der Nachbarn wilderten. Und die Ausländer holen auf. Nicht nur Paris rückt den Deutschen auf den Pelz. Auch in Städten wie Madrid und Mailand, Valencia und Verona, vor allem aber in den USA und Asien haben etablierte Messestädte aufgerüstet oder werden neue Gelände aus dem Boden gestampft.

„Das deutsche Messewesen steht unter Druck“, stellt Frankfurts Messechef Michael von Zitzewitz fest, „europaweit sehen wir eine Konsolidierung, an die hierzulande derzeit nicht zu denken ist.“ Während in Frankreich mit Unterstützung der Regierung ein Messeriese entstehe, bestehe in Deutschland ein harter nationaler Wettbewerb, der immer wieder mit öffentlichen Geldern betrieben werde.

Von einer gründlichen Konsolidierung à la française sind die Deutschen tatsächlich weit entfernt. Im Inland gibt es nur wenige Kooperationen und bei etlichen davon knirscht es. Dass es so selten zur Zusammenarbeit zwischen den Messen kommt, liegt vornehmlich an den Eigentümern, in der Regel Städte und Länder. „Messen sind das stärkste Instrument zur Wirtschaftsförderung in den Händen der Städte – sie bringen mehr als Schlösser, Theater oder Stadien“, sagt Berlins Messechef Raimund Hosch. Tatsächlich kommen auf einen Euro Umsatz, den eine Messe macht, bis zu zehn Euro, den Aussteller und Besucher für Hotels, Flüge oder Standbau ausgeben. Kein Wunder, dass Bürgermeister sich zieren, wenn die Rede auf Fusionen kommt.

So scheiterte nach jahrelanger Diskussion 2002 das Mega-Projekt einer Rhein-Ruhr-Messe, die Köln, Düsseldorf, Essen und Dortmund zusammengeführt hätte. Die Bürgermeister fürchteten, dass ihre Stammmessen innerhalb des neuen Messebundes abwandern könnten. Die Fusion hätte allerdings nach Ansicht der Experten des Unternehmensberaters McKinsey wie auch der Deutschen Bank die Auslastungsquote » der Gelände mittelfristig deutlich erhöht. Das neue Gebilde wäre mit über 700 000 Quadratmeter größer als die künftige Nummer eins, die Messe Paris, geworden.

Stattdessen kam es zu einem jahrelangen Gerangel zwischen den traditionell rivalisierenden Städten Köln und Düsseldorf, bei dem sich die Kontrahenten gegenseitig Messen abspenstig machten. So ging die Herrenmodemesse – glücklos – nach Düsseldorf, Köln holte einige kleinere Messen zu den Themen Karneval, Telekommunikation und Umwelt aufs eigene Gelände. Düsseldorf konnte dafür die Arzneimesse Expopharm aus Köln abziehen, die bislang in den ungeraden Jahren in der Domstadt lief (sonst München). Auf der Strecke blieb bei den Gefechten die 1999 gegründete gemeinsame indische Tochter. Trotz der Scharmützel wird wieder über eine Fusion spekuliert. Die Kölner Messe steht vor hohen Verlusten. Doch die Düsseldorfer winken ab. „Warum sollen wir uns einen Kranken ans Bein binden“, sagt Düsseldorfs Messechef Werner Dornscheidt.

Besser klappt die Zusammenarbeit in der Regel im Ausland. Bekannt ist das Beispiel der gemeinsamen Messegesellschaft in Schanghai, die Hannover, München und Düsseldorf zusammen mit einem chinesischen Partner betreiben. Das Gelände ist der am stärksten genutzte Messegrund weltweit und schreibt, 2002 eröffnet, schon seit zwei Jahren schwarze Zahlen.

Auch grenzüberschreitende Kooperationen bereiten weniger Probleme als inländische. So kooperiert Frankfurt mit der Messe Rom und hilft den Italienern, das neue Gelände zu füllen. Und die Deutsche Messe AG, Hannover, arbeitet in Brasilien Russland, Indien und China mit der Mailänder Messe zusammen. Die Messe Nürnberg geht einen weniger spektakulären Weg und kooperiert jeweils bei Einzelveranstaltungen mit einheimischen Partnern. „Das läuft ausgesprochen gut und ist weniger riskant als Allianzen auf Unternehmensebene, die oft an der Unverträglichkeit der Kulturen oder an den lokalpolitischen Partikular-interessen scheitern“, sagt der Nürnberger Messechef Bernd Diederichs.

Dass der ganz große Wurf möglich und die Dominanz der Kirchturmpolitiker nicht gottgegeben ist, hat die Schweiz vorgemacht. Bereits vor sechs Jahren vermählten sich die Messe Basel und die Messe Zürich zur Messe Schweiz und setzten gleichzeitig auf Privatisierung. Über die Platzierung der einzelnen Schauen entscheiden rein kaufmännische Gesichtspunkte. „Das haben wir von vornherein ganz klar festgelegt, um politische Konflikte zu vermeiden“, sagt der Messe-Schweiz-Chef René Kamm. Die Voraussage vieler deutscher Messefürsten, eine private Gesellschaft mit verschiedenen Plätzen könne keine Leitmessen halten, hat sich nicht bewahrheitet: Ausstellungen wie die Uhrenmesse Basel oder die Kunstmesse Art Basel haben ihre Führung in den vergangenen sechs Jahren ausgebaut.

Auch die Börse hat registriert, dass es für das Messeunternehmen gut läuft. Die Aktie der Messe Schweiz ist heute fünfmal teurer als vor vier Jahren.

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